Interview: Wie man die Psyche seiner Kinder in Corona-Zeiten schützt

Weekend: Wie wirkt sich die aktuelle Corona-Situation auf die (psychische) Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus?
Brigitte Fantitsch: Viele Jugendliche leiden schwer unter der verordneten sozialen Isolation, da dadurch viele altersadäquate Bedürfnisse, wie etwa die Abgrenzung von den Eltern oder das Treffen mit Freunden, auf der Strecke bleiben. Darüber hinaus bereitet einigen das Distance Learning größere Schwierigkeiten, während bei Maturanten vermehrt eine existenzielle Zukunftsangst zu beobachten ist. Schüler, die bereits vor der Pandemie Schwierigkeiten mit sozialer Nähe hatten, igeln sich jetzt wiederum noch stärker ein und wollen überhaupt nicht mehr in die Schule gehen.
Daniela Graf: Kinder bilden momentan deutlich häufiger psychosomatische Erkrankungen aus, da sich die Ängste und Sorgen ihrer Eltern nicht selten auf sie übertragen. Daraus resultieren klassische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Magen-Darm-Störungen, Kopfschmerzen oder Albträume. Auch in dieser Altersgruppe weigern sich einige mittlerweile beharrlich den Kindergarten zu besuchen, da sie das Wechselspiel von Öffnungen und Schließungen überfordert.

Weekend: Welche Angebote können in diesem Zusammenhang von der AVS in An- spruch genommen werden?
Daniela Graf: Der Psychologisch-Psychotherapeutische Dienst der AVS steht Kindern und Kinderbetreuungseinrichtungen in ganz Kärnten bei der Bewältigung dieser herausfordernden Situation zur Seite. So bieten wir beispielsweise Elementarpädagogen kostenlose Coachings und Intervisionen an, um Belastungen mit und ohne Coronabezug, denen ihre Schützlinge und sie selbst ausgesetzt sind, entgegenwirken zu können. Außerdem führen wir in unseren Büros, unter Einhaltung sämtlicher Corona-Schutzmaßnahmen, auch psychologische Beratungsgespräche sowie Behandlungen mit betroffenen Eltern und Kindern durch.
Brigitte Fantitsch: Jugendliche und junge Erwachsene, die diesen Service in Anspruch nehmen möchten, werden meist vom Jugendamt an uns überwiesen. Personen, die von sich aus auf uns zukommen, werden allerdings, so es die Kapazitäten erlauben, ebenfalls psychotherapeutisch betreut. Zu den häufigsten Krankheitsbildern dieser Klientel zählen Vereinsamung, Depressionen, Essstörungen, Angstzustände und ein gesteigertes Aggressionsverhalten.

 

Ein Porträt der AVS-Betreuerin Daniela Graf

Weekend: Wie können Eltern ihren Kinder aktuell am besten helfen?
Daniela Graf: Eltern müssen ihre Aufgaben momentan besonders gewissenhaft wahrnehmen. Es obliegt ihnen, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder einem strukturierten Tagesablauf nachgehen. Des Weiteren sollten möglichst viele gemeinsame Aktivitäten wie Mittagessen, Spieleabende oder Spaziergänge eingeplant und den Kindern über regelmäßige Umarmungen ein Gefühl der sozialen Wärme verschafft werden.

Weekend: Welche Gefahren gehen von den derzeitigen Verhältnissen für die Zukunft aus?
Brigitte Fantitsch: Sollten uns die sozialen Einschränkungen noch über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten, besteht die große Gefahr, dass wichtige soziale Kompetenzen verlorengehen und einzelne soziale Bedürfnisse an Bedeutung verlieren. Der Verzicht auf das Händeschütteln geht zum Beispiel oftmals mit einem Verlust der Höflichkeit einher. Der vormals von vielen Kindern heißersehnte Besuch bei Oma und Opa ist nun angstbehaftet. Dazu gesellt sich ein schwindender Bedarf nach Intimität, die die Basis für alle - auch sexuellen - Beziehungen bildet.

Ein Porträt der AVS-Betreuerin Brigitte Fantitsch

Weekend: Welche Veränderungen bringt die Corona-Situation für die beliebte Kinder- und Jugenderholungsaktion mit sich?
Daniela Graf: Das Programm der Kinder- und Jugenderholungsaktion musste stark an die Corona-Situation angepasst werden. Sie geht dieses Jahr ausschließlich in Kap Wörth und Heiligenblut über die Bühne, sämtliche Auslandsaufenthalte mussten gestrichen werden. Zudem wurde für das Betreuungsteam ein umfassendes Hygienekonzept erarbeitet, das selbst kleinste Details, wie zum Beispiel eine eigene Snack-Schüssel für jedes Kind, berücksichtigt. Die meisten Aktivitäten finden im Freien statt und reichen von Wanderungen über Badeausflüge bis hin zu Besuchen am Pyramidenkogel oder im Reptilienzoo. Außerdem wird allen Teilnehmern die Möglichkeit geboten, ihren Gefühlen zu der Pandemie künstlerisch kreativ Ausdruck zu verleihen.

Autor: Stefan Kohlmaier, 14.04.2021