Mračnikar: "Slowenisch darf nicht verschwinden!"

Preisgekrönte Dokumentar- und Kinospielfilme sowie zahlreiche Nominierungen für beliebte Awards sind der Beweis, dass die in Wien lebende Kärntner Slowenin Andrina Mračnikar den richtigen Berufsweg eingeschlagen hat – dennoch ist die 39-Jährige in ihrer Heimat (noch) eine eher unbekannte Regisseurin. Und sie weiß auch, wieso: "Es ist ein österreichweites Problem – es hat hierzulande wenig Tradition, dass man nach den RegisseurInnen eines Films fragt. Es geht mehr darum, welche Schauspieler dabei sind. Ganz anders ist das etwa in Frankreich, wo der Film zur Allgemeinbildung gehört, wo man stolz ist auf die französischen RegisseurInnen. Da fließen auch ganz andere Fördersummen, weil es das Bewusstsein gibt, dass Kino und Film Kunstformen sind. Auch Österreich ist mit Michael Haneke, Ulrich Seidl, Jessica Hausner oder Barbara Albert extrem erfolgreich, allerdings eher im Ausland." Dennoch ist die Kunstschaffende dankbar für die Förderung ihrer Projekte, wie etwa dem Dokumentarfilm "Vor dem Verschwinden/Izginjanje", der bereits in einer Spezialfassung im Rahmen von CARINTHIja2020 Premiere feierte und von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Kärntner Slowenen handelt. Wie sie die Situation der slowenischen Volksgruppe sieht, was sie sich wünscht und welche Filmprojekte geplant sind, erzählt die Mutter eines eineinhalbjährigen Buben im Interview.

weekend: "Vor dem Verschwinden/Izginjanje" wurde bereits in einer Spezialfassung gezeigt, die Arbeit am Dokumentarfilm ist allerdings noch nicht fertig. Das Leben der slowenischen Volksgruppe greifen sie nicht zum ersten Mal auf. Wieso beschäftigt sie das so sehr?
Mračnikar: Einer der Gründe, weshalb ich begonnen habe, an diesem Film zu arbeiten, ist, dass nach außen der Eindruck (auch von offizieller Seite her) herrscht, mit der Ortstafellösung sei alles geklärt, es ist alles OK, es ist alles viel besser als früher. Letzteres stimmt sogar bis zu einem gewissen Grad. Es ist viel besser als in der Ära Haider oder davor. Das Zusammenleben ist nicht mehr so hasserfüllt, die Stimmung ist nicht mehr so aufgeheizt, das Slowenische wird nicht mehr als minderwertig dargestellt.

weekend: Aber es ist mehr Schein als Sein?
Mračnikar: Wenn man sich die Situation im Detail anschaut, muss man schon zugeben, dass es alles andere als gut ist. Die Zahl der Menschen, die die slowenische Sprache aktiv beherrschen wird immer kleiner. Das Slowenische verschwindet immer mehr aus dem öffentlichen Raum.

Regisseurin Andrina Mračnikar | Credit: Stefan Reichmann

Weekend: Und schuld daran ist…?
Mračnikar: Schuldfragen sind immer schwierig. Vor 100 Jahren wurden die Slowenen durch die Volksabstimmung zur Minderheit. Die Wenigsten wissen zum Beispiel, dass damals sehr viele Slowenen für Österreich gestimmt haben, laut Forschung waren es sogar 50 Prozent. Weil man ihnen Gleichberechtigung, die Gleichwertigkeit der Sprachen versprochen hatte. Doch gleich nach der Abstimmung wurden die Versprechen gebrochen. Kärntner Slowenen verloren ihre Jobs, wurden enteignet, die Staatsbürgerschaften wurden ihnen aberkannt und Tausende mussten nach Slowenien fliehen. Das ist immer noch ein Tabu-Thema, das bei offiziellen Anlässen sehr selten angesprochen wird. Im Nationalsozialismus war Slowenisch komplett verboten, Familien wurden in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert. Die starke deutsch-nationale und anti-slowenische Politik ging jedoch auch nach 1945 weiter – und ist bis heute nicht verschwunden.

Weekend: Was wäre ein echtes Zeichen der Anerkennung?
Mračnikar: Es fehlt an Vielem. Der Schriftsteller Jani Oswald hat im Oktober im Burgtheater gesagt: 'Nicht nur die Slowenen haben ein Recht auf die Zweisprachigkeit, sondern auch die deutschsprachigen Kärntner haben ein Recht auf die slowenische Sprache.' In diesem Sinne finde ich auch, dass es kein so ein großes Problem sein sollte, dass in einem zweisprachigen Gebiet konsequent beide Sprachen benutzt werden, alles zweisprachig beschriftet ist, die slowenische Sprache in die Öffentlichkeit zurückgeholt wird, wo sie früher auch war. Das wäre ein Zeichen für die Volksgruppe, dass man anerkannt wird, dass man Zuhause ist, dass man sein darf. Ich verstehe einfach nicht, wieso den Leuten das Slowenische so weh tut.

Weekend: Sie sagen, das Slowenisch verschwindet immer mehr aus Kärnten?
Mračnikar: Es ist so, dass auch die meisten Kinder, die zum Slowenischunterricht angemeldet sind, mit neun oder zehn Jahren aufhören, Slowenisch in der Schule zu lernen – weil es freiwillig ist. Es gibt Ideen, dass beispielsweise alle Kinder in einem zweisprachigen Gebiet automatisch zum zweisprachigen Unterricht angemeldet sind und wer nicht möchte, kann sich abmelden. Weiters gibt es verschiedene Modell für einen funktionierenden zweisprachigen Unterricht, bei dem die zweite Sprache nicht einfach stundenweise nebenher läuft, sondern die Unterrichtssprache im Tages- oder Wochenrhythmus gewechselt wird. Doch viele Eltern sind dem Irrglauben erlegen, dass die Kinder nicht gut Deutsch sprechen könnten, wenn sie auch gut Slowenisch sprechen. Es gibt aber ExpertInnen, die wissen, wie es besser ginge, leider mangelt es hier jedoch an politischem Willen.

Weekend: Wie geht es Ihnen als Kärntner Slowenin in Wien?
Mračnikar: Man muss schon sagen, dass man in ganz Österreich wenig über die slowenische Volksgruppe im Speziellen und über die Minderheiten im Allgemeinen weiß. Es gibt zwar hier den Klub der slowenischen Studenten und Studentinnen in Wien, viele slowenische Initiativen und Veranstaltungen, slowenisches Kindertheater und so weiter, allerdings wird das alles von privater Hand organisiert. Es gibt keine zweisprachigen Kindergärten oder Schulen. Da sieht man: Wenn Minderheiten ihr Umfeld verlassen, haben sie kein Anrecht mehr auf ihre Sprache (im Unterricht).

Weekend: Im Rahmen Ihrer Recherchen, sowohl für die Dokus als auch für die Spielfilme wie etwa „Ma folie“, kommen Sie mit Geschichten und Themen in Berührung, die einen schon belasten können. Wie gehen Sie damit um?
Mračnikar: Dadurch, dass ich diese Themen filmisch bearbeite, sie in einen größeren Kontext stelle und gleichzeitig dramaturgisch verdichten muss, sind sie nicht unbedingt so belastend. Es kann durchaus spannend sein und Freude machen, sich damit auseinanderzusetzten, auch wenn die Inhalte oft hart sind.

Weekend: Die Premiere von „Vor dem Verschwinden/Izginjanje“ is für Sommer/Herbst 2021 geplant. Was steht danach am Programm?
Mračnikar: Ich hoffe sehr, den ersten österreichischen Partisanen-Spielfilm machen zu können, mein Drehbuch wurde vom Österreichischen Filminstitut in der Entwicklung bereits gefördert und jetzt gilt es weiter zu schreiben und dann auch die nächsten Förderhürden zu schaffen.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic, 23.12.2020