Jugend ohne Gott – Zukunft ist Vergangenheit

Ursprünglich wurde unter diesem Titel ein Roman von Ödön von Horváth im Jahr 1937 veröffentlicht. Darin wird eine Gesellschaft auf dem Weg in die Entmenschlichung beschrieben. Der Roman wurde zu einem Kernelement der antifaschistischen Literatur und ist bis heute Pflichtprogramm in vielen Schulen. Jetzt schafft es der Stoff auf die große Leinwand.

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Foto: Constantin Film

Dabei ist das Setting völlig anders als im Original. Die deutsche Produktion verlegt die Handlung in eine Gesellschaft voller Schrecken. Schwache Bürger bleiben auf der Strecke, die Welt wird von Eliten regiert, die nur ihresgleichen fördern. Wer überleben will, muss liefern - ansonsten verfällt er in die unbedeutende Arbeiterklasse. Es gibt keinen Raum für Fehler, keinen Raum, um Kind zu sein und auch keine Zeit für Gefühle.

Die Bestimmung von Panem

Die Geschichte erinnert an eine Mischung aus die "Tribute von Panem" und "Die Bestimmung". Eine Gruppe von Studienanwärtern zieht in ein Camp in den Bergen ein. Dort müssen sie ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten ohne Hilfe von Technik unter Beweis stellen. Nur die Besten erhalten einen Studienplatz in einer der begehrten Universitäten.

Mit von der Partie ist die junge, aufgeschlossene Nadesh und der ruhige, zurückgezogene Zach. Während der tagebuchschreibende Eigenbrötler schnell zum Ziel von Gespött wird, versuchen Nadesh und der Lehrer ihm zu helfen. Soweit kommt es letztlich nicht - denn während eines Trainings kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Der Zuschauer macht sich - aus verschiedenen Perspektiven - auf die Suche nach dem Schuldigen.

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Foto: Constantin Film

Deutsche Darsteller allen Alters

Regie führt Alain Gsponer, er wurde durch Produktionen wie "Heidi" oder "Das kleine Gespenst" bekannt. Nadesh wird von Fernsehfilm-Darstellerin Alicia von Rittberg verkörpert, "Ostwind"-Darsteller Jannis Niewöhner spielt den jungen Zach. Die Rolle des Lehrers wurde mit Til Schweigers Tatort-Sidekick-Fahri Ogün Yardim besetzt, Anna Maria Mühe gibt die kontrollierte Psychologin Loreen. Die bekannteste Darstellerin der Besetzungsliste wäre Iris Berben, die aber nur auf zwei Gastauftritte kommt.

Die Kamera als bester Darsteller

Die schauspielerische Leistung ist über große Strecken schwer zu beurteilen. "Jugend ohne Gott" stellt eine mehr oder weniger emotionslose Welt dar, dieser Maßvorgabe entsprechen auch alle Darsteller. Technisch kann die Produktion aus Deutschland da aber deutlich mehr begeistern. Die raue Natur in den Bergen wird perfekt transportiert - wo die Schauspieler keine Emotionen zeigen dürfen, hilft die Kamera aus. Während wir die Geschichte aus der Sicht des beobachtenden Lehrers sehen, bekommen wir weite, offene Aufnahmen geboten. Die Story aus Sicht des aufgeregten Zach gibt es aus nächster Nähe mit wackeliger Actioncam gefilmt. Eine technisch interessante Lösung, die das Problem der fehlenden Emotionen zumindest eine Zeit lang gut auffangen kann.

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Foto: Constantin Film

Perspektivenwechsel und Spannung im letzten Drittel

Die ersten zwei Drittel des Films beschäftigen sich ausschließlich mit der gleichen Geschichte - der Handlung vom Weg ins Camp bis zu dem Unfall. Der Zuseher bekommt diese aus drei Perspektiven präsentiert und erfährt mal zu mal weitere Details. Leider kommt dabei keine nennenswerte Spannung auf, was vor allem an der absolut unterkühlten Darstellung liegt. Es ist nicht möglich, eine wirklich emotionale Bindung zu den Charakteren aufzubauen, dementsprechend lässt den Zuseher auch das Schicksal des Unfallopfers eher kalt.

Besserung gibt es dann im letzten Drittel. Hier wird das Rätsel einerseits final aufgelöst, zum anderen treten zwei Charaktere aus dem Hintergrund in den Fokus der Handlung. Beide brechen mit dem Zwang, funktionieren zu müssen und auch Emotionen werden thematisiert - so überrascht das simple Finale und schafft es dann, wirklich zu überzeugen.

Emotionsloser Klassenkampf

Die neue Umsetzung von "Jugend ohne Gott" überzeugt durch eine interessante Neuinterpretation, ohne dabei die Ursprünge des Buchs völlig zu vergessen. Trotz des neuen Settings bleiben die Kernelemente - im Hinblick auf die Aussage aber auch auf Eckpfeiler der Handlung - gleich und ehren das wichtige Werk des Zweiten Weltkriegs. Dennoch beweist der Film so, dass die gesellschaftlichen Probleme von einst auch heute noch ein großes Thema sind. Dabei geht es nicht um naheliegende Themen wie Rassismus, sondern generell um die soziale Kälte, die sich in der Gesellschaft breitmacht. Alles in allem eine (überraschend) gute und gelungene Umsetzung aus Deutschland. Im Vergleich zum aktuell ebenfalls laufenden "The Circle" besitzt der Film eine starke, moralische Aussage und auch ein klares Ende. Es muss nicht immer Hollywood mit den großen Drehbüchern und weltweit bekannten Darstellern sein!

 

Weekend-Blogger Jan Gruber ist Blogger und Podcaster aus Leidenschaft. Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich aus diesem Hobby heraus viel mit Technik und Medien aller Art. Dennoch ist er kein Couchpotatoe, seine Freizeit genießt er beim Sport in der Natur. Für seinen Blog sieht er sich die neuesten Kino-Streifen an.

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