Modern trifft Retro – Wie gut ist "Dunkirk"?

Der Zweite Weltkrieg wird von Hollywood häufig in Blockbuster-Filmen thematisiert. Diesmal von Christopher Nolan, der bisher eher für mystische Filme wie "Inception" oder zuletzt "Interstellar" bekannt war. Der Regisseur besinnt sich dabei auf die gute alte Kinokunst. Große Namen gibt es ebenso wenig wie große Action oder gar moderne Technik à la 3D.

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Foto: Warner Bros. Entertainment Inc

Die Handlung ist dabei schnell erzählt: 300.000 britische Soldaten warten in der französischen Stadt Dünkirchen auf ihre Evakuierung. Die Franzosen versuchen, die Kampflinie gegen die Deutschen zu halten, ehe diese selbst aus dem Kriegsgebiet abziehen können. Die Schlacht scheint aussichtslos, die Verlierer sind auf dem Rückzug. Dieser wird aber durch den Feind - mit Fliegerangriffen und U-Booten - erschwert. Die ausgemergelten Soldaten sollen London in der nächsten Schlacht absichern. Deutschland versucht jedoch, so viele wie möglich an der Heimkehr zu hindern. Großbritannien ruft letztlich sogar zivile Boote zur Hilfe, dennoch kann nur noch ein Wunder die Soldaten retten.

Drei Perspektiven

Die konkreten Ereignisse werden aus drei Sichtweisen widergegeben. Wir erleben den Strand von Dünkirchen, hier wird uns eine Woche der Evakuierung gezeigt. Zudem gibt es die Geschichte rund um den alten Dawson, dessen Sohn Peter und seinen Freund George, die sich mit einem privaten Boot auf den Weg an die Front machen. Hier erleben wir einen Tag. Den Abschluss bildet eine kleine Staffel aus drei Kampfpiloten, dort geht mit nur einer Stunde alles sehr schnell. Die Darstellung wechselt die Ereignisse stoisch in der immer gleichen Reihenfolge ab, letztlich berühren sich aber alle drei Handlungsstränge.

Im Krieg sind alle gleich

Der Film verzichtet - meiner Meinung nach bewusst - auf große Namen, was die Besetzung angeht. Zwar gibt es einige Darsteller, die sehr häufig mit Nolan arbeiten - dementsprechend finden wir auch Tom Hardy und Cillian Murphy - dennoch gibt es keine Hauptcharaktere. Letztlich sind im Krieg alle gleich, der Film verzichtet auf einzelne Heldendarstellungen. Bemerkenswert ist die Besetzung von Harry Edward Styles, der eigentlich als erfolgreicher Popmusiker bekannt ist. Schauspielerisch geben alle Darsteller ihr Bestes. Ebenso wie es absichtlich keine Highlights gibt, gibt es auch keine negativen Auffälligkeiten in der Darstellung.

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Foto: Warner Bros. Entertainment Inc

Der Feind

Oft ein schwieriges Thema: Die Darstellung der Deutschen bzw. der Nazis seitens Hollywood. "Dunkirk" versucht hier einen neuen Ansatz. Die meiste Zeit werden die Achsenmächte simpel nur als "Der Feind" bezeichnet. Eine interessante Variante, die leider gegen Ende gebrochen wird: Hier sprechen Soldaten dann doch wieder von "den Deutschen". Dennoch wird die Gegenpartei nie direkt gezeigt. Der Zuseher sieht nie einen Soldaten der gegnerischen Parteien, die Bedrohung wird rein durch den Rahmen und selten auftauchende Flugzeugen oder Torpedos erzeugt. Dementsprechend gibt es auch kaum dargestellte Kämpfe, die Bedrohung hängt permanent in der Luft, wird aber kaum gezeigt. Auch auf die Darstellung von Gewalt wird verzichtet. Bomben durchpflügen den Strand, und Torpedos versenken Schiffe, direkte Verletzungen von Personen sind aber kaum zu sehen.

Beeindruckend Retro

"Dunkirk" verzichtet komplett auf aktuelle Hypes der Kino-Industrie. Er ist einer der wenigen modernen Filme - mit ausreichendem Budget -, der bewusst auf eine 3D-Version verzichtet. Dennoch ist die filmische Umsetzung stellenweise das beste, was Kino aktuell zu bieten hat. Der Film wurde mit moderner Technik gedreht und wird in wenigen Kinos sogar als 70-mm-Monumental-IMAX Fassung angeboten. Die Aufnahmen sind atemberaubend, dementsprechend möchte ich jedem Interessierten den Gang in ein möglichst aktuell ausgestattetes Kino ans Herz legen,  auch wenn es keine 3D-Fassung gibt.

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Foto: Warner Bros. Entertainment Inc

Mehr Sound als Dialoge

Offensichtlich wird im Krieg auch wenig gesprochen, dementsprechend muss die Musik die Emotion erzeugen, die durch Dialoge nicht aufkommen kann. Hier wurde eine bekannte Größe verpflichtet: Hans Zimmer ist für den Soundtrack verantwortlich. Wer jetzt auf große Hymnen und epische Lieder hofft, wird aber enttäuscht - denn auch diese gibt es nicht. Hans Zimmers Arbeit ist vielmehr die eines Sound-Designers. Es gibt viele unterschiedliche Klänge, die die Stimmung perfekt untermauern und auch Emotionen beim Zuschauer erzeugen können. Letztlich ist der Ton in Sachen Musik und Sound wichtiger als das gesprochene Wort und hier leistet Hollywood ganze Arbeit.

Antikriegsfilm mal anders

Der Blockbuster "Dunkirk" ist in jeder Hinsicht anders und kann gerade deshalb überzeugen. Christopher Nolan und Hans Zimmer sind große Risiken für diesen Film eingegangen und werden letztlich belohnt. Der Zuseher bekommt einen fast perfekten, 107 Minuten langen Kriegsfilm präsentiert. In einigen Monaten wird "Dunkirk" vermutlich auch in den Schulen aller Länder zu sehen sein und dort Titel wie "Soldat James Ryan" ersetzen. Ebenso werden wir "Dunkirk" bei den nächsten Oscars häufig unter den Nominierten finden. Dennoch ist dieser Film nicht für jeden Zuschauer geeignet. Einerseits nicht für Kinder - auch die Altersfreigabe mit FSK 12 halte ich für etwas zu niedrig - andererseits werden auch Zuseher, die Kriegsfilme bisher nicht sehen wollten - oder konnten - hier ihre Probleme haben.

 

Weekend-Blogger Jan Gruber ist Blogger und Podcaster aus Leidenschaft. Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich aus diesem Hobby heraus viel mit Technik und Medien aller Art. Dennoch ist er kein Couchpotatoe, seine Freizeit genießt er beim Sport in der Natur. Für seinen Blog sieht er sich die neuesten Kino-Streifen an.

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