(See-) Bühne frei für "Der Besuch der alten Dame"

Dreht sich tatsächlich alles nur um Geld? Ist die gesamte Menschheit korrupt und käuflich? Unter anderem mit diesen Überlegungen – die auch gut ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Werks noch brandaktuell scheinen, konfrontiert „Der Besuch der alten Dame“ (Friedrich Dürrenmatt) die Zuschauer.

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Foto: RAW Ralf Weichselbaumer

Die Seehamer Seebühne präsentiert in diesem Sommer den Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ - Ein Stück über Rache und Gerechtigkeit mit Nachdenk-Garantie.

Man sagt: Rache ist süß und Geld verdirbt den Charakter.

Man sagt auch: Es ist alles eine Frage des nötigen Kleingelds und Rache ist ein kleines Recht, das zu großem Unrecht wird ...

Sie erinnern sich vermutlich noch grob an den Inhalt der Tragikomödie, die im Schauspielhaus Zürich im Jahre 1956 uraufgeführt wurde!? Sicherheitshalber habe ich vorab mein kleines gelbes – mittlerweile etwas verblichenes - Reclam-Heft wieder aus dem Keller geholt. Für die Premiere auf der Seebühne am 07.07.2017 vorbereitet sein, das schien ich dem großen Schweizer Schriftsteller schuldig zu sein.

Für alle Fälle eine kurze Zusammenfassung für Sie vorab: Claire Zachanassian, aufgewachsen in der Kleinstadt Güllen, erwartete im zarten Alter von 17 Jahren ein Kind von Alfred Ill, der jedoch die Vaterschaft verleugnete. Durch falsche Zeugen gewann er den entsprechenden Prozess. Verarmt und entehrt verließ die junge Mutter ihre Heimat. Sie verlor das Kind und arbeitete schließlich als Prostituierte. Durch mehrere Verehelichungen (z. B. mit einem Ölquellen-Besitzer) häufte Claire ein riesiges Vermögen an. 45 Jahre nach ihrer Vertreibung kehrt sie mit einem "unmoralischen Angebot" in ihre Heimat zurück: Sie will die Ermordung von Alfred Ill - als Gegenleistung verspricht sie dem heruntergekommenen Dorf eine Milliarde.

Das Geld gleicht dem Seewasser. Je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird man.

(Arthur Schopenhauer, 1788 – 1860)

Dass das Zitat des deutschen Philosophen durchaus berechtigt ist, beweist die Fortsetzung des Stücks: Zuerst lehnen die Bürger die Finanzspritze entrüstet ab, bald schlägt allerdings die Stimmung um. Das viele Geld und der in Aussicht gestellte Luxus verführen. Alfred Ill wird sogar von seiner Familie angefeindet und selbst der lokale Pfarrer denkt schon bald über das "lächerliche Angebot" der reichen Frau nach. Beim Schauprozess im Gemeindesaal wird der "Schuldige" schließlich von den Männern der Stadt ermordet. Offiziell wird als Todesursache "Herzschlag" angeben. Der Leichnam wird in den von Claire mitgebrachten Sarg gelegt und anschließend überreicht die alte Dame dem Bürgermeister den Milliardenscheck. Zufrieden, dass Ihre Rachepläne Realität angenommen haben, reist sie ab.

Tragischer Inhalt, malerisches Ambiente

"Nichts entehrt den Menschen so sehr als eine unedle Rache." (Abraham a Sancta Clara (dt. Prediger und Schriftsteller, 1644 – 1709))

Die Aufführung des dramatischen Stücks (Regie: Gerard Es) auf der Seebühne, die heuer übrigens ihr 20-jähriges Jubiläum feiert - hat wahrlich alle Erwartungen übertroffen. Schauspielerisch hat die Theatergruppe Seeham – von den "alten Hasen" bis hin zu den Schulkindern eine absolute Glanzleistung präsentiert. Bühnenbild, Maske, Technik, Kostüme etc. waren perfekt aufeinander abgestimmt und auch das Wetter spielte an dem lauen Premiere-Abend mit: Die paar Regentropfen, die passend zur Pause fielen, störten nicht im Geringsten.

Tosender Applaus für die (doppelt) gute Sache

Zu Recht hagelte es begeisterten Beifall für die SchauspielerInnen. Der Großteil derjenigen, die zur reibungslosen Aufführung des Stückes beigetragen haben, versammelte sich am Ende der Veranstaltung unter lautem Zuschauer-Klatschen auf der Bühne. Dass Geld allein nicht glücklich macht und man die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht kaufen kann, dürfte wohl jedem klar sein. Dass man Menschen in Not mit Geld unterstützen und ihnen dadurch wenigstens ein klein wenig Erleichterung bringen kann, ist wohl auch bekannt: In diesem Sinne kommen die Erlöse der Premiere wieder der Organisation DEBRA zu Gute (in Österreich leben ca. 500 Betroffene mit dieser seltenen, folgenschweren Hauterkrankung). Der überreichte Scheck war zwar nicht in Milliardenhöhe wie jener der alten Dame, aber wir alle wissen: Jeder Euro zählt, jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten! Und bedenken Sie stets: Freiwillige Spenden sind eine Bereicherung für Empfänger und Spender!

Doch damit nicht genug …

Zu allem Überfluss gab es abschließend noch eine nette Überraschung für mich: Ich wurde als Gewinnerin eines wunderschönen Blumenstraußes gezogen! Weiteres "Zuckerl": Die talentierten "Elfenkinder" überreichten den Besucher/innen beim Ausgang feinste Bio-Schokolade. Ein wahrer Genuss, den sich auch so manche Herren nicht entgehen ließen. An diesem kulturellen und wunderbaren Sommerabend gingen wohl alle "bereichert" nach Hause!

Lässt sich Gerechtigkeit erreichen, indem man Unrechtes tut? Mit dieser provokanten Frage verabschiede ich mich für heute.

 

Weekend-Bloggerin Annemarie Mauracher ist Ernährungs- und Burnout-Beraterin. Ihre Leidenschaften sind Schreiben, Texten, Bloggen und Ghost-Writen. Für weekend.at schreibt die in Salzburg lebende Autorin unter anderem über ihre Reisen.

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