O, du Schreck! Autos, die aus England sind

Die Briten haben die Nase voll. Von der EU, das haben wir schon weggesteckt. Aber jetzt auch vom Verbrennungsmotor. Das tut weh.

Carmen Bischof England Mini
Foto: Carmen Bischof

Wie heißt es so schön: "Gott schütze uns vor Regen, Wetter, Wind und Autos, die aus England sind!"

Seit Wochen diskutiert Großbritannien nicht nur den Brexit, sondern auch einen wagemutigen Vorstoß: Ab 2040, so die Briten, wird es keine Neuzulassungen für Autos mit Diesel- oder Benzinmotor mehr geben. Begründet wird diese Absicht mit dem Wunsch nach besserer Luftqualität.

2040 gibt’s Linienflüge auf den Mars, aber keine traditionellen Autos mehr

Ironischerweise sitze ich gerade am Steuer meines Mini und stehe an einer roten Ampel, als mich die Nachricht übers Radio ereilt. Ich drehe lauter, um alle Details zu hören. Die Aussicht, keinen schnurrenden Motor mehr im Auto zu haben, schockiert mich. 2040 klingt zwar so weit weg, als ob wir bis dahin längst die ersten Siedlungen auf dem Mars eingerichtet haben müssten. In Wahrheit sind es gerade einmal 23 Jahre. Meine Generation ist dann um die 60 und wenn die politischen Diskussionen so weitergehen wie jetzt, ungefähr weitere 23 Jahre von der Pension entfernt.

Durchs Rechnen versäume ich, dass die Ampel längst grün ist. Der Subaru hinter mir hupt ärgerlich – er weiß noch nicht, dass er in 23 Jahren obsolet ist. Der Mini ist in vielen Dingen fantastisch, aber die Ampeln sieht man dank der kleinen Windschutzscheibe nur, wenn man sich weit übers Lenkrad beugt. Gehorsam steige ich aufs Gas und bin froh, dass ich es überhaupt noch im Tank haben darf.

Die Lobbyisten verhalten sich ruhig

Normalerweise gibt es einen Aufschrei, wenn Regierungen überlegen, einzelne Industriezweige mit Verkaufverboten zu belegen. In Großbritannien bleibt das aus, denn von der einstmals so stolzen britischen Autoindustrie ist nahezu nichts mehr übrig. Über ein Jahrhundert hat Großbritannien auch in der Autoindustrie das getan, was es so wunderbar kann: Es hat die ausgefallensten, dabei irgendwie doch coole und leider notorisch unverlässliche Produkte auf den Markt gebracht. "Gott schütze uns vor Regen, Wetter, Wind und Autos, die aus England sind", war das Stoßgebet aller Autobesitzer zum Schutz vor englischen Ingenieuren, die sich wieder einmal bei ihren Inch-Berechnungen vertan hatten. Damit ist längst Schluss.

Jaguar und Rover waren nach Jahrzehnten des Miss-Management soweit, dass die Briten ihre Traditionsmarken zähneknirschend an die indische Tata verkauft haben. Ausgerechnet nach Indien – den ehemaligen Kolonialherren hat der Schritt absolut nicht gefallen. Bentley gehört seit Ende des letzten Jahrhunderts Volkswagen und damit den Deutschen. Mini haben sich mit BMW die Bayern unter den Nagel gerissen und zu einer feinen Marke für alle gemacht, die für ein schickes Kleinauto mit überreichlicher Motorisierung gern ein bisschen zu viel zahlen – ich gehöre auch dazu. Weil's so schön war und gleich in einem geht, haben die Bayern Rolls-Royce gleich mitgenommen. McLaren spielt nur mehr im Motorsport eine Rolle, und die besteht momentan vorrangig darin, anderen Fabrikaten hinterherzufahren. Lotus ist in malaysischen Händen.

Die einzige namhafte Marke, die noch als englisch gelten kann, ist Aston Martin. Das archetypische James Bond-Auto ist nach Jahren unter Ford wieder heimgekehrt und gehört einem englischen Private Equity-Unternehmen.

Die nationalen Motorbauer sagen also nichts, weil es sie schlichtweg nicht mehr gibt. Die deutsche Autoindustrie hingegen ist so gebeutelt von hausgemachten Skandalen um manipulierte Abgasmessungen und illegale Absprachen, dass sie lieber den Mund hält, als einmal zu viel in den Schlagzeilen zu sein.

Keine Sorge, ein Gesetz ist nur ein Gesetz

Traurig fahren der Mini und ich eine Extrarunde. Nirgends kann ich so gut denken wie im Auto. Höchstwahrscheinlich ist nicht damit zu rechnen, dass die Briten ihre Drohungen umsetzen. Gut, sie werden vermutlich ein wohlklingendes Gesetz formulieren und durch die Instanzen prügeln. Danach werden sie so weiterleben wie bisher.

Großbritannien war Vorreiter in der Einführung von Brennwertkesseln in Gebäuden. Gnadenlos wurde verordnet, dass ein neu eingebauter Heizkessel ein Brennwertgerät sein muss. In der Realität werden diese zwar eingebaut, von ahnungslosen Installateuren aber in den Normalbetrieb zurückgedreht. Für mehr Energieeffizienz wollen sie im Gebäudebereich beachtliche Einsparungen erzielen. Im gleichen Atemzug erzählen sie dir stolz von "double-glazed windows", während wir am Kontinent die Doppelverglasung bereits hinter uns gelassen haben und uns rasch in Richtung Vierfachverglasung bewegen. Bei nahezu jedem englischen Fenster zieht es herein, und sie glauben trotzdem, dass sie demnächst energieautark sein werden. Über britischen Waschbecken thronen noch immer getrennte Wasserhähne und in den Duschen sind Monster namens "Power Shower" montiert, die alles haben, nur keine Power. Wenn die schönen Absichtserklärungen nichts werden, gibt es noch immer den Brexit als Joker und ultimativen Ausweg. Außerdem sind Hybrid-Autos ausgenommen.

Carmen Bischof England Mini
Foto: Carmen Bischof

Die Auslegung, wie ernst man ein Gesetz nehmen muss, ist von Land zu Land unterschiedlich. Das weiß ich seit einer Diskussion mit einer Runde von Italienern. Eine neue Richtlinie steht in Diskussion, die unser Produkt-Portfolio massiv in Frage stellt. Eine Katastrophe, sage ich, was macht ihr zu dem Thema? Nach fünf Minuten heftiger Diskussion in Italienisch und expressiver Zeichensprache kam die Antwort: "Mach dir keine Sorgen, Carmen, es ist nur ein Gesetz, sonst nichts." Schlimm wird es erst, wenn pflichtbewusste Staaten wie Deutschland derartige Vorstöße übernehmen und tatsächlich exekutieren.

Bei der zweiten Extrarunde sinniere ich darüber, wo denn der ganze schöne Strom herkommen soll. Vermutlich nicht aus dänischen Wind- und österreichischen Wasserkraftwerken. Die deutschen und polnischen Kohlekraftwerke fallen mir ein und die rund 70 französischen Atommeiler. Die Öllieferungen aus dem nahen Osten erheitern mich aber ebensowenig.

Ich stelle den Mini ab und steige aus. Bilde ich es mir ein oder schaut sein lustiges Gesicht mir erstmals traurig nach, als ich ihn absperre?

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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