Warum Au Pair zu sein nicht immer einfach ist

Der heutige Blog ist all jenen Tagen gewidmet an denen ich mich frage, Lisa, was zur Hölle machst du hier in London. Warum bist du hier und nicht zu Hause, bei den Menschen auf die du dich verlassen kannst, die dich aufrichtig lieben.

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Foto: Lisa Krempl

Manchmal oder vielleicht sogar häufig ist das Au Pair_Dasein nicht ganz so spaßig und aufregend, wie ich es mir vorgestellt oder erhofft hatte. Es sind die Tage, an denen man in seinem Zimmer sitzt, nichts zu tun hat, und man plötzlich und unweigerlich zum Nachdenken anfängt. Warum bin ich hier in London? Warum fliege ich nicht einfach wieder nach Hause? Ich möchte in diesem Blog die Schattenseiten des "Alleine im Ausland"-Lebens darlegen, zumindest so, wie ich es erlebe. Natürlich kann ich nicht versprechen, dass jeder so fühlt ...

Hier also einige Schwierigkeiten, auf die ich in den letzten Wochen gestoßen bin, und was ich daraus gelernt habe.

  • Nicht immer ist eine Gastfamilie wirklich eine Familie. Meine Hoffnung und mein Wunsch war es, hier in London eine Gastfamilie zu finden. Logisch eigentlich, aber ich möchte den Teil Familie in dem Wort betonen. Da ich das erste Mal von zu Hause weg bin, war es mir wichtig zu wissen, dass ich in einer Familie als Mitglied aufgenommen und willkommen geheißen werde. Doch leider kann man das nicht erzwingen. Über die letzten Wochen hinweg musste ich feststellen, dass meine Gastfamilie keine wirklich familiäre Beziehung zu mir aufbaut, vielleicht auch nicht aufbauen kann. Es wird so gut wie nie über Sorgen und Ängste gesprochen, und immer wieder kommt es zu unerwarteten Meinungsverschiedenheiten. Das musste ich akzeptieren. Lernen konnte ich daraus, meine Angelegenheiten selbstständig zu regeln, was mir im Endeffekt wahrscheinlich sogar zu Gute kommt.
  • Einheimische kennen zu lernen ist ein Ding der Unmöglichkeit: Auch wenn ich hier quasi an der Quelle sitze, um Briten kennenzulernen, hab' ich außer meiner Gastfamilie und deren Verwandten noch keine Altersgenossen getroffen. Natürlich trifft man sich mit anderen Au Pairs aus den verschiedensten Ländern auf der ganzen Welt, was wahnsinnig interessant ist, doch Einheimische kennenzulernen gestaltet sich deutlich schwieriger als ich mir gedacht habe. Doch vielleicht ist es gerade in diesem Punkt wichtig, noch mehr rauszugehen und offen und freundlich zu sein.
  • Kinder sind meistens nicht das Problem. Gasteltern schon: Ich habe schon mit einigen anderen Au Pairs darüber gesprochen, und immer ist es dasselbe: Bei der Frage "Wie ist deine Gastfamilie so?" ist die Antwort so gut wie immer "Ja, die Kinder passen schon, nur die Gastmutter/der Gastvater ..." Die meisten Au Pairs genießen die ruhigen Stunden, wenn sie mit den Kindern allein sind (mich eingeschlossen), denn sobald Gastmutter oder Vater, aber meistens Gastmutter nach Haus kommen, ändert sich die Atmosphäre. Gerade in der Anfangszeit ist es für Au Pairs schwierig sich anzupassen - neues Umfeld, neue Familie, fremdes Land, für manche sogar eine fremde Sprache. Doch für das Einleben bleibt oft nur wenig Zeit: Da Familien es hier gewohnt sind, mehrere verschiede Au Pairs im Jahr zu haben, fehlt manchmal das Verständnis für den "Einlebeprozess". Man muss flexibel sein und sich so schnell wie möglich in die Alltagesroutine einfinden. Sonst kann es leicht sein, dass Gasteltern und Au Pair aneinander "anecken".
  • Heimweh. Ein "Problem", mit dem ich persönlich sehr zu kämpfen habe. Wie bereits erwähnt, hatte ich mir erhofft, hier eine Familie zu finden, nicht um meine zu Hause zu ersetzen, sondern einfach um nicht allein zu sein. Denn genau das ist der Grund, warum zumindest ich unter Heimweh leide. Obwohl man in einer Gastfamilie wohnt und Freunde findet und Kontakte knüpft, ist man doch auf eine gewisse Weise einsam. Gerade am Anfang verbringt man viel Zeit alleine und hat viel zu viel Zeit nachzudenken und vor sich hin zu grübeln. Und das macht es schwer, nicht an zu Hause zu denken und wie es jetzt wohl daheim wäre. Ich habe außerdem feststellen müssen, dass Heimweh nicht die Sehnsucht nach einem Ort ist, sondern nach Personen. Familie, Freunde, der Freund. Zum ersten Mal muss ich Fernbeziehungen mit all den Menschen führen, die bisher immer an meiner Seite waren. Und das ist bei weitem nicht so einfach wie gedacht. Doch auch hier möchte ich etwas anmerken, was ich dadurch gelernt habe: nämlich die Anwesenheit derer, die oft zu selbstverständlich sind, mehr zu schätzen und zu genießen. Jede einzelne Minute auszukosten.

Ich möchte mit diesem Blog darauf aufmerksam machen, dass Au Pair-Sein nicht immer "London entdecken" und "Spaß haben" heißt. Ich war sehr überrascht, wie schwer es manchmal ist durchzuhalten, sei es in Bezug auf Meinungsverschiedenheiten mit Gasteltern oder mit Heimweh-Problemen. Trotzdem, und das möchte ich nach diesem eher nachdenklichen Blog betonen, bereue ich es keine Sekunde nach London als Au Pair gekommen zu sein ... Ich sehe es als Herausforderung und als die Chance, als Persönlichkeit zu wachsen und selbstständiger zu werden. Natürlich gibt es schlechte Tage, an denen man sich in seinem Zimmer einrollt und die Taschentuchpackungen schwinden, doch die guten Tage überwiegen. Ich habe die Möglichkeit eine Weltmetropole kennenzulernen, hier in London zu leben und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

 

Weekend-Bloggerin Lisa Krempl liebt es, den Globus zu erkunden und ihre Eindrücke und Erlebnisse schriftlich festzuhalten. Als Au Pair lässt die frisch gebackene Maturantin ihre Leser auf weekend.at an ihrem Alltag teilhaben.

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