Selbstoptimierung: Wann sind wir endlich gut genug?

Schöner, schlanker, optimistischer, hingebungsvoller, leidenschaftlicher, gelassener, aufmerksamer, fitter, effektiver, erfolgreicher, lustiger, schlagfertiger, ausgeglichener – und dann? Sind wir dann glücklicher?

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Einfach mal so sein, wie man ist Foto: g-stockstudio/iStock/Thinkstock

Ständig wollen wir uns verbessern: Wir machen Sport, um gesünder, schlanker und fitter zu sein. Wir lesen Selbsthilfebücher, um optimistischer durchs Leben zu gehen oder effizienter bei der Arbeit zu sein. Wir meditieren, um all das gelassener sehen zu können. Dabei übersehen wir schnell einmal, wie viel wir uns eigentlich aufbürden und welchem Stress wir uns aussetzen.

Die richtige Motivation

Es ist nichts Falsches dabei, wenn man an sich arbeiten und sich verbessern möchte. Eine gesündere Ernährung, mehr Bewegung und das Ablegen ungesunder Gewohnheiten wirken sich positiv auf unsere Gesundheit und unser psychisches Wohlbefinden aus. Den ganzen Tag nur faul auf der Couch zu liegen kann irgendwann auch frustrierend sein … Wichtig ist aber, wieso man zum Sport geht und herzhaft in die Selleriestange beißt. Mache ich das, weil es mir Spaß macht und schmeckt, und ich mich danach wohl in meiner Haut fühle? Oder mache ich es, weil es eben nun mal alle in meinem Umfeld so handhaben, und ich nicht aus der Reihe fallen möchte? 

Selbstoptimierung betrifft das ganze Leben 

Die Selbstoptimierung betrifft schon längst nicht mehr nur die körperliche Fitness oder die eigenen Ernährungsgewohnheiten. Auch unsere Psyche soll doch bitteschön auf ein höheres Niveau gehoben werden. Konflikte wollen wir konstruktiv und sachlich klären, einer ungerechten Behandlung mit Gelassenheit und Gleichmut begegnen und unsere Liebsten selbstaufopfernd und großherzig verwöhnen. Dabei würde man am liebsten einfach einmal stur sein, trotzig reagieren und "Neeeeeeiiiiin!!!" brüllen. Kaum erkennt man aber eine solche Gefühlsregung in sich, hat man schon gleich ein schlechtes Gewissen und versucht sie zu unterdrücken – genügend Atemtechniken, die dabei helfen, kennt man ja. 

Der Markt boomt

Eine kurze Recherche in gängigen Online-Shops spuckt rasch über 18.000 Treffer für das Schlagwort "Selbsthilfebuch" aus. Es gibt kein Problem, für das es nicht die passende Antwort gibt. Und wer bis jetzt dachte, er hätte kein Problem, ist einfach ignorant und sollte sich dringend mehr mit sich selbst beschäftigen, irgendwas wird sich schon finden … Egal, ob man der Überzeugung ist, man sei zu schüchtern, zu wild, zu ungeduldig, zu lethargisch, zu undankbar, zu launisch – kurz, zu sehr man selbst, also einem Ich verhaftet, das eigentlich so viel besser sein könnte – man findet bestimmt das passende Hilfsmittel, um sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. 

Mehr Glück = mehr Stress?

Bei der Selbstoptimierung hat man dann die Qual der Wahl: Lieber etwas lesen, das einen zufriedener mit dem Status quo macht oder doch ein Buch wählen, mit dem man seine rhetorischen Fähigkeiten verbessern kann, um einen besseren Eindruck auf seine Mitmenschen zu hinterlassen? Schwere Entscheidung … am besten wäre es natürlich, beide zu lesen – aber jetzt hat man gerade keine Zeit darüber nachzudenken, man muss ja rasch zum Yogakurs, seine innere Mitte finden … 

Wir sind so sehr vom Gedanken besessen, was und wie man alles richtig und besser machen könnte, dass wir uns damit unheimlich stressen. Dabei stecken wir zwischen zwei Extremen fest: Nicht nur effizienter und schneller wollen wir werden, nein, auch gelassener, achtsamer und ganz im Augenblick lebend. Wir wollen unsere Mails zügig beantworten und mindestens drei Tageszeitungen lesen, dabei aber auch einfach einmal bewusst die Stille genießen und zu uns finden – schließlich ist das ja auch wichtig. Und so passiert es paradoxerweise, dass "Stilles Sitzen" Eingang in unsere To-do-Listen findet und uns noch zusätzlich Stress bringt. Da hat man es doch heute glatt nicht geschafft, zwischen Arbeit, Kinder von der Schule abholen und Hausarbeiten erledigen 20 Minuten für sich zu finden – schämen sollte man sich! Dabei übersieht man komplett, was man an diesem Tag eigentlich alles schon geleistet hat und dass man eigentlich stolz auf sich sein könnte. Aber nein, lieber denkt man darüber nach, was man am nächsten Tag besser machen könnte, um möglichst alle Punkte der To-do-Liste zufriedenstellend abzuhaken. 

Entspannt durch Fehler

Der Mensch ist vieles, nur nicht perfekt. Wie entspannend dieser Gedanke doch sein kann. Der Mensch ist rund und eckig, fröhlich und launisch, großherzig und egoistisch. Und das ist völlig normal! Wer einen ungerechtfertigten Rüffel vom Vorgesetzten erhält, der muss nicht drüber stehen und es stoisch ertragen, weil er ja so viel besser ist als der Chef. Nein, man kann auch seinen Gefühlen freien Lauf lassen, sich ärgern und diese ganze ungerechte Welt verfluchen. Und wer keine Lust hat, die Zustände, die in dieser Welt vorherrschen, zu verändern und zu verbessern, der kann es auch einfach sein lassen, ohne sich komplett nutzlos und egoistisch zu fühlen. Wer will es einem schon verübeln? Die anderen?

Ich bin ich

Wer aufhört, seine Mitmenschen argwöhnisch zu begutachten (also so viel Kekse wie die ist, ist es kein Wunder, dass sie so einen dicken Hintern hat. Hat wohl keinen Charakter die Frau. Uh, aber die Kekse sehen schon wirklich lecker aus … Nein! Du nicht! Wo waren doch gleich noch diese Akupressurpunkte gegen Heißhungerattacken?), der wird auch sich selbst weniger kritisch unter die Lupe nehmen. Und so wirklich entspannter werden, wie man sich das eben vorgenommen hat. Der findet dann vielleicht auch die Zeit, einfach nur die Stille zu genießen – nicht weil es auf einer Liste steht und man diesen Punkt abhaken möchte, sondern weil man einfach ganz natürlich die Zeit dafür gefunden hat. Ohne großartig darüber nachzudenken oder sich zu stressen. Wer aufhört, ständig besser sein zu wollen, kann vielleicht endlich wieder wirklich den Augenblick genießen – bei einem spannenden Krimi, für den man nun wieder Zeit hat, da man das Selbsthilfebuch über Achtsamkeit und bewusstes Leben genüsslich in die Ecke gepfeffert hat. Wer weiß, vielleicht holt man es später wieder aus der Ecke hervor und beginnt auch darin zu lesen – weil es einen wirklich interessiert. 

Besser ist manchmal schlechter

Hört man auf, immer alles besser machen zu wollen, sondern akzeptiert auch einfach einmal sein Leben so, wie es jetzt gerade in diesem Moment ist, erfährt man wirklich ein befreiendes Gefühl und erlebt die ein oder andere Überraschung. Stellen Sie es sich vor: Wie wäre es, wenn gerade in diesem Moment alles, einfach so, wie es ist, vollkommen in Ordnung wäre? Wenn die Figur ok wäre, so wie sie ist? Wenn es in Ordnung wäre, furchtbar gestresst und genervt zu sein? Wenn es erlaubt wäre, sich abends einfach zu Hause zu verkriechen, ohne eine soziale Verpflichtung erfüllen zu müssen? Und wenn es ok wäre, wenn man am nächsten Tag alles anders machen würde, fröhlich wäre und Menschen treffen würde, weil man spontan Lust dazu hätte? Wenn man einfach so sein könnte, wie man in diesem Moment gerade ist? Vielleicht würde man sich selbst überraschen und erstaunt feststellen, dass viele der Ideale, denen man so eifrig nacheifert, eigentlich schon längst in einem stecken und nicht verbessert, sondern einfach bemerkt und geschätzt werden möchten. 

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