Conchita Wurst: "Wer sich liebt, ist glücklich"

Ein Jahr nach ihrem Song-Contest-Triumpf setzt Conchita Wurst zu neuen Höhenflügen an. Weekend Magazin sprach mit der Künstlerin über persönliche Erlebnisse, den Song Contest in Wien und ihr neues Album.

Conchita Wurst - Cover
Conchita Wurst ist weltweit gefragt Foto: Markus Morianz

Weekend: Wenn Sie mit einem Jahr Abstand auf den Gewinn des Song Contest zurückblicken, was fühlen Sie dabei?

Conchita Wurst: Mir fiel neulich auf, dass sich meine Erinnerungen an den Sieg beim Song Contest in Kopenhagen mehr an den vielen TV-Bildern orientieren, die ich danach immer wieder gesehen habe, als auf den tatsächlichen Moment selbst. Dieser ist wie im Trance passiert. Vermutlich gibt es einen Art Schutzmechanismus im menschlichen Körper, der verhindert, nicht umzukippen.

Weekend: Sie haben im letzten Jahr viele interessante Persönlichkeiten getroffen. Was war Ihr Highlight?

Conchita Wurst: Ich habe so unglaublich interessante Menschen aus allen Bereichen getroffen, sei es Ban Ki-moon, Jean Paul Gaultier, Karl Lagerfeld, die Crew im Crazy Horse, die Abgeordneten vom Europaparlament und allem voran die vielen Fans auf der ganzen Welt. Ich bin enorm dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen und wüsste gar nicht, welche Begegnung mehr beeindruckt hätte. Meinen Fans gehört mein Herz in beson­derem Ausmaß.

Weekend: Sie reisen viel, wie verändert sich dadurch der Blick auf Österreich?

Conchita Wurst: Österreich ist ein schöner und weltoffener Ort, und von dort kann man gut wegreisen und genauso gut und gerne wieder heimkommen. Eigentlich ideal für ein Zuhause.

Conchita Wurst
Conchita Wurst schwimmt auf der Erfolgswelle Foto: Markus Morianz

Weekend: Ihr Sieg wurde ja auch als Zeichen der Toleranz gewertet. Würden Sie sagen, dass sich Österreich, aber auch die Welt, seither zum Besseren entwickelt hat?

Conchita Wurst: Das kann ich schwer beurteilen, weil meine Kunst ja ein subjektiver Ausdruck ist, die ich mache, weil ich das in dieser Form tun will. Aber wenn es den einen oder die andere zum nachdenken veranlasst hat, bin ich natürlich sehr froh darüber.

Weekend: Nun ist das Album, das schlicht „Conchita“ heißt, da. Worauf sind Sie stolz?

Conchita Wurst: Ein Album zu machen war für mich eine neue Erfahrung. Zuerst einmal bin ich stolz, ein Debüt­album präsentieren zu dürfen, aber auch über die Vielfalt meiner Möglichkeiten.

Weekend: Wie haben sich die Arbeiten daran gestaltet?

Conchita Wurst: Vom Auswählen der Songs bis zum Endprodukt ist ein langer und sehr kreativer Weg, daher bin ich froh, dass ich mir genug Zeit ließ und nicht einen Schnellschuss produziert habe. Die Songs müssen einerseits zu mir passen, sowohl stimmlich als auch inhaltlich, und andererseits ins Album passen, das ja immer auch ein Gesamtkunstwerk ist.

Weekend: Ihre bisherigen Singles waren recht hymnische Songs, das Album wartet aber mit einer großen Stil-Vielfalt auf. Was erwartet uns denn?

Conchita Wurst: Ich liebe dramatische Balladen, keine ­Frage, und deshalb sind diese auch am Album zu finden. Andere Stile und Möglichkeiten auszuloten war aber ein enorm spannender Prozess. Einen Song mit orien­talischen Klängen, Uptempo-Nummern für die Tanzflächen oder sogar Swing mit Bläsereinsätzen auszuprobieren, war einfach großartig.

Weekend: In Ihren Songs ermutigen Sie auch dazu, aus sich heraus zu gehen, Vertrauen und Mut zu haben. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Conchita Wurst: Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch, der sich selbst liebt und zu dem was er ist steht, ein glücklicher Mensch ist. Und dass es wertvoll und gut ist, jede Person mit dem entsprechenden Respekt zu be­gegnen, auch wenn dieser Mensch weit weg von meinen eigenen Wertvorstellungen und Lebensrealitäten steht.

Weekend: Sie werden den Song Contest eröffnen und auch als Moderatorin präsent sein. Was bedeutet das für Sie?

Conchita Wurst: Es war nach dem Sieg mein durchaus egoistischer Wunsch, auch Gastgeberin des Events zu sein. Ich freue mich unglaublich auf diese neue ­Rolle, auf die ich mich aber auch dementsprechend vorbereiten werde. Auch Moderation ist etwas, das gut geprobt sein muss.

Weekend: Der Song Contest hat in der öffentlichen Wahrnehmung eine Renaissance ­erfahren. Wie sehen Sie persönlich diese Mutter aller ­Gesangsbewerbe?

Conchita Wurst: Ich war immer schon Fan des Bewerbs, und werde es auch immer bleiben. Es ist lustig, manchmal skurril, man sieht atemberaubend schöne und umwerfend komische Darbietungen. Es ist die Vielfalt Europas in einem Bewerb. In den letzten Jahren ist der Bewerb qualitativ zudem besser geworden, mit vielen zeitgemäßen Pop-Songs.

Weekend: Sie sind für mich auch ein Synonym für einen gelebten Traum. Wann war Ihnen erstmals klar, dass dieses Leben für Sie möglich ist?

Conchita Wurst: In meinem Buch „Ich, Conchita“ beschreibe diesen Traum, den ich schon als Kind gehabt habe, ohne dass ich damals gewusst hätte, wie ich diesen Weg gehen kann. Am wichtigsten scheint mir die Visualisierung dessen, was man ­erreichen kann. Es sich also ausmalen und vorstellen, wie es denn wäre, wenn … Dann geht sich der Weg besser, ­disziplinierter und vielleicht auch etwas zielbewusster.

Weekend: Welches ist Ihre weiblichste Eigenschaft. Und welche Ihre männlichste?

Conchita Wurst: Das können meine Freunde und Freundinnen vermutlich besser beantworten als ich. Zudem was ist denn weiblich und männlich? Ist Fürsorglichkeit wirklich nur weiblich, oder ist es nicht schön, wenn diese Eigenschaft genauso ein männliches Attribut ist?

Das Debüt-Album von Conchita Wurst
Das Album von Conchita Wurst bewegt sich zwischen Pop und Dance Foto: Sony Music

Weekend: Wie darf man sich diese Metamorphose vorstellen, wenn Sie von Tom zu Conchita werden?

Conchita Wurst: Eine Kunstfigur zu schaffen ist eine große Herausforderung, die Drag-Künstlerinnen sehr ernst nehmen. Es geht dabei ja nicht nur um Gesang und Musik, sondern auch um die Darstellung. Nur als Beispiel: Conchita würde etwa nicht im ­österreichischen Dialekt sprechen. Daran habe ich, so wie alle großen Drag-Künstlerinnen, intensiv gearbeitet.

Weekend: Gab es auch schon Momente, in denen Sie bereut haben, den Weg der Conchita zu gehen?

Conchita Wurst: Niemals.

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