Leise gebrummt statt gut gebrüllt: Der BMW X4 im Test

Ungewöhnliche Optik, wuchtiges Auftreten: So hat der BMW X6 überraschend viele Fans gefunden. Nun soll der Erfolg eine Klasse tiefer mit dem X4 wiederholt werden. Gelingt vermutlich auch. Aber am Sound wird's nicht liegen.

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Im Juli 2014 steht der BMW X4 bei den Händlern Foto: BMW

Der neue X4 basiert auf dem jüngst gelifteten X3. Mit 4,67 Meter ist der X4 geringfügig länger als sein braver Bruder, in der Höhe wurde Nummer Vier um knapp vier Zentimeter gekappt. Soweit die nicht sofort sichtbaren Fakten. Ich nehme mir ausführlich Zeit, um den BMW X4 auf mich wirken zu lassen. Der Sinn oder Unsinn eines SUV-Coupés bleibt dahingestellt, das möge bitte jeder für sich selbst beurteilen. Auf jeden Fall wirkt der X4 stimmiger und weit weniger klotzig als sein großer Bruder. Zwar haut das beim Testwagen verbaute M-Paket optisch ganz schön rein, ohne aber ins Obszöne abzugleiten. Seltsam wirken nur die wie nachträglich angebaut wirkenden (und stets serienmäßigen) Verbreiterungen der Radhäuser. In denen befinden sich in unserem Fall 19-Zoll-Felgen, welche den Raum bei weitem nicht ausfüllen.

Geräumiger als gedacht

Und wie füllen die Insassen den X4 aus? Bis zur B-Säule erwartet mich nichts Aufregendes, Cockpit und vorderes Platzangebot sind vom X3 bekannt. In Abwandlung eines Kanzlerzitats geht es in erster Linie darum, was hinten reinkommt. In meinem Fall sind das 1,88 Meter Körpergröße, deren Unterbringung im Fond keine Probleme bereitet. Über dem Kopf bleibt genug Luft übrig, auch die Beine fühlen sich wohl. Erkauft wird dieser Eindruck durch eine im hinteren Teil recht stark geneigte Sitzfläche, die zu angewinkelten Beinen führt. Offiziell sitzen die Fondpassagiere übrigens um 2,8 Zentimeter niedriger als im X3.

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Im optionalen M-Paket sind Sportsitze serienmäßig an Bord, die Lederpolsterung kostet dennoch 1.210 Euro extra Foto: BMW

Flexibilität ist gefragt

Auch der Einstieg erfordert etwas Gelenkigkeit: Die hinteren Türen sind nicht übermäßig groß geraten. Bedingt durch die abfallende Dachlinie sollte der Kopf eingezogen werden. Gleichzeitig steht das hintere Radhaus vorwitzig im Weg und will mit dem Allerwertesten geschickt umschifft werden. Merke: Wer öfters Omi kutschiert, sollte besser zum X3 greifen. Ebenso alle, die gerne bis unters Dach vollladen. Zwar beträgt das Kofferraumvolumen im X4 500 bis 1.400 Liter (im Vergleich der X3: 550 bis 1.600 Liter), aber durch die schräge Heckklappe wird die Ausnutzung eingeschränkt. Ein netter Zug von BMW ist die serienmäßig elektrisch öffnende Heckklappe. Noch netter wäre aber eine im Preis inbegriffene Rückfahrkamera, denn der Blick nach hinten ist praktisch sinnlos. Der X6 grüßt aus der Ferne. Immerhin sind Parkpiepser hinten beim X4 inklusive. Ob BMW nun mit Dankesbriefen überhäuft wird?

An der Spitze

Anfang Juli 2014 kommt der BMW X4 auf den Markt. Zur Auswahl stehen dann drei Benziner von 184 bis 306 PS und drei Diesel mit 190 bis 313 PS bereit. Serienmäßig ist immer ein Allradantrieb an Bord, eine Achtgang-Automatik ist mit Ausnahme des X4 xDrive20d ebenfalls stets im Preis inklusive. Apropos Diesel: Sie dürften gerne für den X4 geordert werden. Für unsere Testfahrt stand indes nur der doppelt aufgeladene Sechszylinder-Benziner im X4 xDrive35i bereit.

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Der Sechszylinder im X4 xDrive35i ist mit 306 PS der vorerst stärkste Benziner der Modellreihe Foto: BMW

Geschmeidiges Topmodell

Er verrichtet seine Arbeit diskret, zumal gemeinsam mit der immer wieder hervorragend agierenden Automatik. Für nicht nur meinen Geschmack aber etwas zu unauffällig. Wo ist der markentypische Sechszylinder-Sound geblieben? Erst oberhalb von 4.000 Umdrehungen dringt ein Hauch von Turbine ans Ohr. Zum allgemeinen Komforteindruck passt wiederum das nicht zu straffe Abrollverhalten der 19-Zöller. Auch die serienmäßige variable Sportlenkung verrichtet ihren Dienst gut, gelegentlich wäre etwas mehr Rückmeldung nett. Mit wenig Wankneigung durcheilt der X4 enge Kurven, doch es bleibt nicht verborgen, dass der xDrive35i inklusive Fahrer schon 1,9 Tonnen wiegt. So war der alte Slogan "Viel Auto fürs Geld" eigentlich nicht gemeint. Ein Pluspunkt für den BMW X4 ist, dass er derzeit recht konkurrenzlos dasteht.

Wertung

 

Autokauf ist immer auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Insbesondere gilt das für den BMW X4. Ob man sein Äußeres mag oder nicht, bleibt dem Betrachter überlassen. Fest steht: Er fährt sich agiler als der schiffige X6. Hinzu kommt, dass der X4 durch seinen dezenteren Auftritt sozial weniger polarisieren dürfte. Und wer soll ihn nun kaufen? Eine Möglichkeit: Alle, die mit einem BMW 4er Gran Coupé liebäugeln, aber lieber höher sitzen wollen. Quasi Vier mal Vier.

+gelungenes Design, agiles Handling, sehr gute Automatik
-miese Sicht nach hinten, nur mit Allrad erhältlich

  • Antrieb

     85%
  • Fahrwerk

     85%
  • Karosserie

     90%
  • Kosten

     80%
 

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