TCM: Heilung oder Hokuspokus?

In China gilt Akupunktur & Co. als rückständig, im Westen steht sie hoch im Kurs. Was man über die "Sanfte Medizin" wissen sollte.

Chinesische Medizin - Cover
Chinesische Medizin auf dem Prüfstand Foto: aireowrt/iStock/Thinkstock

Der Mensch – ein Teil des Kosmos, ständig im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde, zwischen den Polen Yin und Yang. Nur wenn sich Körper, Geist und Seele in Harmonie befinden, ist der Mensch gesund. Ist dieses Gleichgewicht gestört, entsteht Krankheit. Der das sagt, ist der Arzt und "Ö1-Radiodoktor" Christoph Leprich, und das blumige Zitat resümiert in etwa die Grundannahme der "Traditionellen Chinesischen Medizin" (TCM). Zusammen mit Homöopathie, Bachblüten oder auch Ayurveda erfreut sich die Heilkunde aus dem ehemaligen "Reich der Mitte" größter Beliebtheit in Österreich.

"Uralte Tradition"

Allein schon das Alter der TCM – angeblich wird sie seit Jahrtausenden in China, Vietnam und Nepal praktiziert – wirkt Ehrfurcht einflößend. An so viel Tradition müsse ja was dran sein, sagt sich Otto Normalpatient, der schon mal in der Arztpraxis einen Plastikdummy mit den vielen bunten Meridianen bewundert hat. Dass es für diese Kraftlinien keinerlei wissenschaftlichen Beweis gibt, und dass das "Chi", die "Lebensenergie" der China-Medizin, auch noch nie jemand gemessen hat, weiß er nicht.

Naturmedizin

Und wenn er es wüsste, wäre es ihm wurscht. TCM gilt wie die anderen genannten Methoden als typische "sanfte Medizin", als "ganzheitlich". Das heißt im konkreten Einzelfall: Der TCM-Arzt (in Österreich können Mediziner ein Diplom der Ärztekammer für "Chinesische Diagnostik und Arzneitherapie" erwerben) nimmt sich in der Regel Zeit für die Anamnese, prüft den Puls, schaut sich die Zunge des Patienten an und stellt – wie auch der Homöopath – viele teils seltsame Fragen.

Überforderte Ärzte

Allein schon dadurch fühlt sich der Patient als Person wahrgenommen. Der Schnelldurchlauf beim überforderten Kassenarzt bietet diese Streicheleinheiten meistens nicht, da wird man auf den Durchfall, den Ausschlag oder das schlimme Knie reduziert, bekommt etwas verschrieben und Tschüss. Wenn man überhaupt das Glück hat, drangenommen zu werden. Monatelange Wartezeiten (wenn's nicht gerade akut ist) sind bei Orthopäden längst die Regel.

Pharmaskepsis

Dazu kommt noch eine modische Pharmaskepsis und der Groll auf die Zweiklassenmedizin, die viele Patienten in die Arme der Alternativmediziner treibt. Akupunktur, "Tuina-Massage", Qigong und nicht zuletzt die chinesische Arzneimitteltherapie gelten als körperorientierte und emotionale Formen des Behandelns, fernab der "unpersönlichen" Schulmedizin.

Es funktioniert

Heute ist die Akupunktur die in Europa und den USA am meisten praktizierte komplementärmedizinische Methode. Immer mehr seriöse Studien zeigen, dass sie wirkt, allerdings auf eine Weise, die TCM-Gläubige nicht unbedingt mit eitel Wonne erfüllen dürfte. Bei einer mittlerweile klassischen Studie in Deutschland zu Beginn der Nullerjahre wurden 3.000 Patienten mit Knie- und Rückenschmerzen in drei Gruppen unterteilt. Der ersten wurde eine Akupunkturbehandlung zuteil, und die zweite wurde schulmedizinisch behandelt. Für die dritte Gruppe dachte man sich eine Pseudoakupunktur aus, bei der die Probanden "falsch" gepikst wurden.

Egal, wo man sticht

Das beste Ergebnis lieferte die klassische Akupunktur. Rund 50 Prozent der Behandelten berichteten von Schmerzlinderung. Hier war die Erfolgsrate doppelt so hoch wie bei den konventionell mit Medikamenten und Physiotherapie Behandelten. Aber – und jetzt kommt's: Die "wild" gestochenen Versuchspersonen berichteten genauso oft von Schmerzlinderung wie jene, die an den vorgeschriebenen Meridianpunkten genadelt worden waren.

Migränevorbeugung

Das lässt nur einen Schluss zu: Akupunktur kann als Placebo wirken, das sich gut bei Schmerzen einsetzen lässt, bei Gelenks- und Spannungskopfschmerzen, wie man mittlerweile weiß, und auch bei Migräne. Hier ist sie sogar hilfreich, wenn es um Vorbeugung geht – das belegen mittlerweile sogar systematische Metastudien.

Kulturexport

TCM ist für die chinesische Staatsführung ein Exportartikel und sie unternimmt viel zur Verbreitung dieses Kulturguts im Ausland. Besonders wichtig ist dabei die Arzneimittellehre, denn der Vertrieb von Ingredienzien und fertigen Präparaten im Westen ist für chinesische Hersteller ein Riesengeschäft.

China-Apotheke

Es gibt Abertausende dieser Mixturen aus überwiegend pflanzlichen, aber auch mineralischen und tierischen Inhaltsstoffen. Blättert man die Arzneibücher mit den verwendeten Inhaltstoffen durch, stößt man auf viele Merkwürdigkeiten, die an die europäische Brachialmedizin des Mittelalters erinnern. Da gibt es etwa zerbröselte Zikaden und pulverisierte Regenwürmer, Blutegel, Käferlarven, Ochsengallensteine, Seidenraupenlarven, Skorpione und Tausendfüßler – alles mit lateinischen Namen inventarisiert, damit der Kunde nicht mitbekommt, was er sich da einverleibt. Da finden sich Inhaltsstoffe, deren Wirksamkeit eher zweifelhaft ist, wie etwa Gips, Muschelschalen, Bernstein, fossile Haizähne, Igelhaut, Bimsstein, Schildkrötenpanzer, zerriebene Perlen oder Eisenspäne.

Giftige Pflanzen

Einige der verwendeten Pflanzen sind giftig, zum Beispiel Kroton, Seidenbast oder Eisenhut. Besonders gefährlich ist die in Österreich verbotene Aristolochiasäure – sie schädigt die Nieren und kann Krebs erzeugen. In Belgien erkrankten in den 1990er-Jahren über 100 junge Frauen an Nierenversagen, nachdem sie in einer Klinik Kräutermischungen mit "Aristolochia fangchi" zum Abnehmen bekommen hatten.

Erfahrungsbericht

Die Pharmaziestudentin Claudia Graneis hat vor einigen Jahren eine Famulatur in einem TCM-Labor einer deutschen Apotheke absolviert. Ihre Erfahrungen seien niederschmetternd gewesen, sagt Graneis. Man habe geschützte Tier- und Pflanzenarten verarbeitet sowie etliche "unappetit­liche, nutzlose, aber dafür teure Inhaltsstoffe". 

Kinderwunsch

Die Abnehmer der TCM-Tees beschreibt sie als "Freunde der sanften Medizin" und als "Pharmaskeptiker". Auch viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch seien unter den Kunden gewesen. Graneis: "Da kauften sich Frauen jahrelang teure Tees und werden am Ende entweder nicht schwanger oder doch, wobei sie den Erfolg natürlich dem Zaubergebräu zuschreiben." Interessant ist es, was die TCM-Ärzte und Heilpraktiker den Paaren verordneten. Die Väter in spe bekamen einen Tee mit Hirschhorngelatine zur Potenzsteigerung. Die Damen wurden mit "Trogopteropi Excrementum" behandelt. Das ist auf gut Deutsch nichts anderes als – nun ja: getrockneter Fledermauskot.

Wo hilft TCM?

Zur Anwendung kommen Akupunktur, Kräutertherapie und die Fünf-Elemente-Ernährung je nach Krankheit alle drei Therapieformen oder zwei. Bronchial/Lungenerkrankungen: Allergien, Asthma, COPD, Nikotinentzug.

  • Hauterkrankungen: Akne, Allergien, Herpes zoster, Ekzeme, Neurodermitis
  • Neurologische Erkrankungen: Migräne, Spannungskopfschmerz, Phantomschmerzen, Trigeminusneuralgie
  • Orthopäische Erkrankungen: Gelenksbeschwerden, Arthrosen, Rheuma, Muskelverspannungen
  • Magen-Darm-Krankheiten: Reflux, Durchfall, Erbrechen, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa
  • Augenerkrankungen: Bindehautreizung, Trockenes Auge

Schattenseiten

Die Galle von Bären wird in der TCM unter anderem zur Behandlung von Augenkrankheiten und Verdauungsproblemen eingesetzt und ist noch immer ein begehrtes Produkt auf dem Schwarzmarkt und im Internet. Obwohl offiziell verboten, gibt es in Vietnam und Laos noch immer illegale "Farmen", in denen den Bären unter unwürdigen Bedingungen Gallenflüssigkeit abgezapft wird.

Auch Tigerknochen und Nashorn wandern in die Mörser von TCM-Apotheken. Zwar ist der Handel mit diesem Rohmaterial in China seit Langem verboten, aber wo Verbot und Bedarf, da auch ein Schwarzmarkt. Nashorn soll angeblich gegen Fieber, Gicht, Rheuma und Bluthochdruck helfen. Die vor Kurzem von China beschlossene Lockerung des Verbots wurde nach internationalen Protesten wieder zurückgezogen.

Short-Talk

Univ.Prof. Dr. Gerald Gartlehner, Leiter der Abteilung für evidenzbasierte Medizin der Donau-Uni Krems

Weekend: Akupunktur wirkt als Placebo. Gibt es darüber hinaus Hinweise auf eine tatsächliche Wirkung?

Gerald Gartlehner: Studien zeigen, dass Akupunktur bei chronischen Schmerzen zu einer Linderung führen kann. Das heißt, es wirkt besser als Placebo. Der genaue Mechanismus der Schmerzlinderung ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich kommt es durch Akupunktur zu einer Ausschüttung von körpereigenen Botenstoffen, die schmerzlindernd wirken, den sogenannten Endomorphinen. Ob man dazu wirklich in Akupunkturpunkte stechen muss, ist aber unklar. Wahrscheinlich führt das Verursachen von Mikrowunden mit Nadeln zur Endorphinausschüttung, unabhängig von Akupunkturpunkten und Meri­dianen.

Weekend: Wie gut eigentlich ist die Wirksamkeit der TCM-Arzneien und -Kräuter erforscht?

Gerald Gartlehner: Wissenschaftlich sind sie sehr schlecht belegt. Ich würde TCM insgesamt als Pseudomedizin bezeichnen. TCM ist auch nicht sanft und ungefährlich – es wurden schon mehrfach Fälle berichtet, bei denen es durch Kräuter zu schweren Leber- oder Nierenschäden kam.