Der große Tattoo-Boom: Die Tätowierung als salonfähiger Körperschmuck

Früher Randgruppen-Branding, heute populärer Körperschmuck und Lifestyle-Phänomen: Tätowierungen finden sich schon lange nicht mehr bloß an den Oberarmen von Häftlingen. Was bringt Menschen dazu, sich Farbe unter die Haut stechen zu lassen?

Tattoos
Das „Peckerl“ ist kein Randgruppenprogramm mehr. Foto: picturedesk.com

Die deutsche Sprache ist nicht ­gerade reich an polynesischen Lehnwörtern. ­Eines davon hat ­jedoch eine steile Karriere hinter sich und ist allseits ­bekannt. „Tätowierung“, bzw. in seiner englischen Form „Tattoo“, leitet sich von „tatau“ her. Die Vokabel kam 1775 mit James Cook und seinen Matrosen nach England und hat sich von dort aus weiterverbreitet. Wie auch das „Tatauieren“ selbst.

Matrosen, Knackis, Rocker 

Bis vor gar nicht so langer Zeit waren in die Haut gestochene Bilder und Symbole ein freiwillig gewähltes Branding von Außenseitern. Typischerweise waren Seeleute tätowiert (noch heute kommt keine Matrosenkarikatur ohne Anker am Bizeps aus), Zuchthäusler, Zuhälter, Fremdenlegionäre oder auch die Mitglieder von Rockerbanden. Oftmals auch Schausteller oder Hilfsarbeiter.

29 Prozent Tätowierte 

­Heute ist das „Peckerl“ kein Randgruppenprogramm mehr. In Österreich sind Tätowierungen mittlerweile so flächendeckend verbreitet wie Dirndl und Lodenmantel. Laut einer 2013 vom Linzer IMAS-Institut durchgeführten repräsentativen Umfrage haben sich schon 19 Prozent der Österreicher ein Tattoo verpassen lassen. In der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 29 Prozent, zwischen 30 und 50 Jahren 26 Prozent und nur die Generation 50+ ist mit "nur" sieben Prozent Tattoo-Trägern noch vergleichs­weise abhold.

Lust an der Nadel 

Tattoos sind ein internationaler Trend – von dem vor allem die Arbeitgeber nicht immer hellauf begeistert sind. Sowohl die deutsche Bundeswehr als auch die US-Army weisen zu stark Tätowierte zurück und sahen sich ­gezwungen, diesbezüglich Richtlinien zu definieren. Nicht nur die US-Streitkräfte verbieten Verzierungen auf normalerweise unbedeckten Körperstellen, auch die ­österreichische Polizei und andere Branchen, in denen Kundenkontakt eine Rolle spielt. Der großen Lust an der Nadel tut das keinen Abbruch. Da trägt die Supermarktkassiererin ihr „Tribal“ eben am Nabel, der Bankmensch den Tiger auf der Wade und der Polizist den China-Drachen auf der ­Hinterbacke. Die Ergebnisse kann man dann im Freibad und in der Sauna bestaunen.

Tattoo-Moden 

Da kreucht und fleucht jegliches Getier, da geben Runen und chinesische Schriftzeichen Rätsel auf, da blinken Sterne, Totenschädel und Sinnsprüche in Frakturschrift. Da grüßen Homer Simpson, Nelson Mandela oder die Diddlmaus von der bleichen Wampe, da ranken sich florale und abstrakte Muster über komplette Körperteile und manche Tattoo-Fans scheinen ihren Ehrgeiz darin zu setzen, mit einer Blumentapete von Laura Ashley oder einem japanischen Yakuza verwechselt zu werden. Und dann gibt es auch noch die Hardcore-Fraktion. Der neueste Trend unter Tattoo-Avantgardisten sind illusionistische Abbildungen – etwa mit Einblicken ins Hirn, falschen Brustwarzen, einem Zyklopenauge am Kahlkopf oder gefakten Einschusslöchern im Rumpf. Wer’s nicht glaubt, besuche einfach einmal eine „Tattoo Convention“ (die nächste ­findet vom 10. bis 11. Oktober in Wien statt).

Lebenslänglich 

Was steckt nun hinter der neuen Lust am Körperbild, die alle Altersschichten vom Teenie bis zum Best Ager erfasst hat? Für den österreichischen ­Soziologen Roland Girtler (er hat einst über die Be­deutungen von Knast- Tätowierungen geforscht) sind Tattoos mittlerweile fixer Bestandteil der Jugendkultur und eine anerkannte Form von Schmuck. Die Voraussetzung dafür hätten die profes­sionellen Studios geschaffen, die die schlichte Bilderstecherei von früher zur Kunst weiterentwickelt hätten. „Der Mensch ist ein Wesen, das Symbole und Zeichen braucht wie die Luft zum Atmen.“ Doch warum ist ausgerechnet die eigene Schwarte als Bildträger so beliebt? „Weil das quasi eine lebenslängliche Beziehung zu dem, was da abgebildet ist, erzeugt“, so Girtler.

Die Haut als ­Tagebuch 

Nur weil auf die Beständigkeit der Haut Verlass sei, sagt Oliver Bidlo, Kommunikationswissenschafter an der Uni Duisburg-Essen. Bidlo hat nach vielen Gesprächen und Recherchen in der Szene einen intelligenten Essay zum Thema veröffentlicht. Weil das moderne Leben immer vergänglicher und flüchtiger werde, nehme das Sicherheitsbedürfnis zu, meint Bidlo. Partnerschaften, Jobs, Besitztümer und Freundschaften kommen und gehen, Karrieren stürzen ab, am Ersparten knabbert die Inflation, und der Euro ist auch nicht mehr sicher – aber die eigene Haut, die schon. Und mit ihr die Erinnerungen, die auf ihr ein­gebrannt sind wie auf einer absturzsicheren Festplatte.

Tattoo, Tätowierung
Wer seine Tätowierung loswerden will, muss sich unter den Laser begeben. Foto: Getty Images

Birgit forever?

Doch manchmal will man seine Erinnerungen auch wieder löschen. Zum Beispiel das Versprechen „Birgit forever“, wenn Birgits Nachfolgerin schon auf der Matte steht. Oder das „Arschgeweih“, das in der gesellschaftlichen Wertschätzung stark ­abgeglitten ist und das der Volksmund wenig charmant als „Nuttenstempel“ („Tramp Stamp“) umschreibt. Auf rund eine Million Betroffene schätzt das GfK Fessel-Institut aktuell die Zahl der deutschen Tattoo-Träger, die ihren Körperschmuck wieder loswerden wollen.

Laserentfernung 

Genauso wie die Tattoo-Produktion boomt auch die Tattoo-Vernichtung in den Facharztpraxen. Als State-of-the-Art gilt das Lasern. Ältere Methoden wie das Abschleifen (Abrasion), das Spritzen von Milchsäure oder die Hauttransplantation gehören eher ins Schreckenskabinett von Dr. Eisenbart und sind vom Resultat her wenig zufriedenstellend. Beim Lasern werden die in der Dermis eingekapselten Farbpartikel mit einem Lichtimpuls erhitzt und aufgesprengt. Die zerkleinerten Reste können nun vom Immunsystem eliminiert werden. „Die Zahl der Patienten, die ihr Tattoo entfernen wollen, hat in den vergangenen anderthalb Jahren eindeutig zugenommen“, berichtet der Allgemeinmediziner Matthias Brandstetter, der zusammen mit Fachkollegen in Linz die „Newskin“-Gemeinschaftspraxis betreibt. „Newskin“ (Slogan: „Nothing is forever“) verwendet als ­bisher erste österreichische Praxis einen Pico-Sekundenlaser, mit dem die Zahl der Behandlungen um rund ein Drittel reduziert werden kann.

Nicht umsonst 

Je gründ­licher das Tattoo-Studio ­ge­arbeitet hat, desto mehr Sitzungen sind nämlich ­notwendig. Um ein großes Motiv zum Verschwinden zu bringen, müssen schon mal bis zu zehn Termine ­gebucht werden. Und diese Einzelbehandlungen mit einem herkömmlichen Laser im Abstand von mehreren Wochen sind nicht gerade billig – zu rechnen ist mit Preisen zwischen 200 und 400 Euro. Über den Daumen gepeilt, kostet eine Tattooentfernung das Zehnfache dessen, was für das Stechen auszulegen ist. Den Ratschlag „Think before you ink“ – man sollte ihn also beherzigen. Wäre übrigens auch ein super Tattoo. 

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