"Liebe auf Distanz": Jeder 12. Österreicher führt Fernbeziehung

Fast zwei Drittel aller Österreicher haben laut einer Umfrage bereits Fernbeziehungen geführt. Die Mehrheit der Befragten (55 Prozent) findet Liebe auf ­Distanz grundsätzlich auch in Ordnung. Solange sie zeitlich begrenzt sind. Und nicht zuletzt räumlich.

Kopie von Fernbeziehung
Nicht jede/r ist für eine Fernbeziehung geeignet Foto: thinkstockphotos.com

Jeden Freitag gegen 19 Uhr, wenn sich der Schlüssel geräuschvoll in der Wohnungstür dreht, klopft Monika das Herz bis zum Hals. Dann springt sie vom Sessel auf und ihrem Mann Thomas direkt in die ausgebreiteten Arme. Wenn Monika einen Wunsch freihätte, wäre jeder Tag ein ­Freitag. Sonntage gehörten dagegen gesetzlich verboten. Sonntage sind Abschiedstage, an denen sich Thomas in Graz in sein Auto setzt und die 600 Kilometer nach Basel fährt, zu seinem Arbeitsplatz bei einem großen Pharmaunternehmen.  

Liebe vor der Haustür

Fast zwei Drittel aller Österreicher haben laut einer Umfrage bereits Fernbeziehungen geführt (Quelle: ­ImmobilienScout 24). Die Mehrheit der Befragten (55 Prozent) findet Liebe auf ­Distanz grundsätzlich auch in Ordnung. Solange sie zeitlich begrenzt sind. Dass eine Fernbeziehung jedoch keineswegs die erste Wahl ist, zeigen Zahlen der Online-Partneragentur Parship: 44 Prozent der befragten Singles beschränkten den geografischen Umkreis bei der Partnersuche auf mickrige 40 Kilometer. Eine einsame Wienerin würde mit dieser Einschränkung alleine bleiben, selbst wenn ihre große Liebe in Wiener Neustadt lebt. Jede/r Fünfte zeigte sich jedoch einer Fernbeziehung aufgeschlossen, indem er/sie die Suche auf Österreich, die Schweiz und Deutschland ausdehnte. Partnerschaft auf Distanz: Modell der Zukunft oder doch nur Beziehung zweiter Klasse?

Auf dem Prüfstand

Weder noch, resümiert Dr. Peter Wendl seine zehnjährigen Forschungen auf dem Gebiet der Fernbeziehung. 900 Paare hat der Theologe und Therapeut von der Universität Eichstätt (Bayern) befragt und begleitet. Wendls wichtigste Erkenntnis: "Fernbeziehungen sind ein Trainingslager für die Liebe." "In jeder Partnerschaft ist das Allerwichtigste die Kommunikation", stellt der Therapeut fest. "Das gilt ganz besonders für Fernbeziehungen." Drei wichtige Aspekte stehen dabei stets im Raum: Die gemein­samen Perspektiven. Das Alleinseinkönnen. Auch die Vorteile sehen.

Reinen Wein einschenken

Beim Thema Perspektiven lohnt es sich, ganz genau hinzusehen. Ein Dauerbrenner  ist natürlich die Frage: Wann sehen wir uns wieder – kommendes Wochenende, in 14 Tagen? Mittelfristig sind längere Zeitinseln für die Beziehung wichtig, etwa ein Urlaub. Der entscheidende Aspekt aber ist die langfristige Perspektive. Wie lang soll das so gehen? "Gerade dieses wichtige Thema wird aber oft totgeschwiegen", hat Peter Wendl festgestellt: "Sie hat die Schnauze voll, er findet's toll, oder umgekehrt." Besser: gelbe Karte zeigen! "Man muss auch sagen dürfen: Ich hätte dich lieber hier! Dann heißt es verhandeln. Es darf keinen Verlierer geben, sonst ist ein Scheitern vorprogramiert." Zu einer gelingenden Fernbeziehung wird es auch nicht kommen, wenn ein Partner (oder beide) in den Zeiten der Trennung nichts mit sich allein anzufangen wissen. Den Italienisch-Kurs belegen oder ins Fitnesscenter gehen: "einen erfüllenden Alltag allein ­kultivieren" nennt Wendl das. Und kommt damit zum Aspekt: Vorteile erkennen.

Pick nicht auf mir

"Es ist ja nicht so, dass nur Fernbe­ziehungen mit dem Thema Nähe und Distanz umgehen müssten", so der Wissenschafter. "Bei Paaren, die ­zusammen leben, empfindet häufig ein Partner ein Zuviel an Nähe, möchte sich auch einmal zurückziehen dürfen. Fernbeziehungen kennen eher das umgekehrte Problem, ein Partner wünscht sich mehr Nähe. Deswegen bin ich auch dagegen, diese Beziehungen besonders 'schwierig' zu nennen." Tatsächlich konnte der Therapeut keine höhere Scheidungsrate bei Paaren feststellen, die eine Liebe auf Distanz leben, jedenfalls wenn – wichtigste Beziehungsregel überhaupt! – es beide wollen. Die deutsche Autorin Dorit Kowitz bringt es in ihrem Buch "Kommst du Freitag" auf den Punkt: "Fernbeziehungen müssen sich lohnen, für den Kopf und für die ­Seele." Zwei Wohnungen, zwei Autos oder häufiges Fliegen: Zumindest materiell ist diese Form der Partnerschaft ein teurer Spaß.

Sieben Spielregeln

Tipp 1: Tauschen Sie sich aus und lernen Sie, Probleme gemeinsam zu lösen.
Tipp 2: Seien Sie trotz Entfernung ein Team – und zeigen sich das auch gegenseitig.
Tipp 3: Achten Sie auf sich selbst und kultivieren einen Alltag, der Sie auch allein erfüllt.
Tipp 4: Verschonen Sie Ihre/n Partner/Partnerin nicht. Unerfreuliches muss gesagt werden.
Tipp 5: Planen Sie Zeit-Inseln für Spontaneität, Nichtstun und Erholung ein.
Tipp 6: Sie brauchen gemeinsame Perspektiven – klären Sie, warum und wie lange Sie die Distanz­beziehung führen werden.
Tipp 7: Keine Angst vor Traurigkeit beim Abschied oder Spannungen beim Wiedersehen.

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