Ich bleib da: Hotel Mama

Mamma mia! Das Leben draußen ist kein Honiglecken - und so verlassen junge Leute immer später ihr Elternhaus. Manche gar nicht, wenn's nicht unbedingt sein muss. Ein weltweiter Trend.

Familie Eltern Kinder
Immer mehr Erwachsene leben daheim - wohin führt diese Entwicklung? Foto: syntinka/iStock/Thinkstock

Der gemeine Nesthocker: er schmutzt, frisst den Kühlschrank leer, arbeitet nicht und treibt, seine hart arbeitenden Erzeuger in den Wahnsinn. Das war die Ausgangslage der Reality-TV-Serie "Schluss mit Hotel Mama" auf Kabel 1. 

Nesthocken als Trend

Ein Faktum: Das "Hotel Mama" ist nicht nur der Dauernistplatz für übergewichtige Kids ohne Schulabschluss, sondern beinahe die Lebensform schlechthin für junge Erwachsene. Laut europäischen Statistikamt wohnen in den EU-Ländern derzeit 75 Prozent der jungen Erwachsenen unter 24 Jahren bei den Eltern oder einem Elternteil. Besonders krass ist die Ablösungsproblematik in Italien, wo über 60 Prozent der Männer und 50 Prozent der Frauen unter 35 mit den Eltern die Wohnung teilen. 

Laut Statistik "Kind" 

Und wie sieht's in Österreich aus? Laut Statistik Austria sind fast drei Viertel der Männer (73 Prozent) und über die Hälfte der Frauen (54 Prozent) in der Altersgruppen zwischen 20 und 24 noch nicht flügge. Im Alter bis 29 bevorzugen immer noch mehr als ein Drittel (35,1 Prozent) aller Männer das Elternhaus, während der Anteil der Frauen an den Nesthockern auf immerhin 18,7 Prozent geschrumpft ist. Bemerkenswert ist der Anteil der männlichen Hotel Mama-Bewohner zwischen 30 und 39: Nur mehr 4,2 Prozent der Frauen, aber noch immer 12,6 Prozent aller Männer werden in der Haushaltsstatistik nach wie vor als "Kind" geführt. 

Männer ohne Eile 

Frauen scheint es also generell leichter zu fallen, sich vom heimischen Futtertrog zu lösen. Die Entwicklungspsychologin Ulrike Sirsch von der Uni Wien bestätigt diese Interpretation. "Frauen binden sich früher und beeilen sich mehr mit ihrer Lebensplanung, weil für sie die biologische Uhr der Mutterschaft tickt". Für Sirsch ist es auch klar, dass Mädchen mehr Alltagskompetenzen als Buben erwerben, wenn sie zu Hause im Haushalt mithelfen. Auch das, so die Psychologin, führe dazu, dass sich junge Frauen eher abnabeln. 

Das leidige Geld 

Als End-Dreißiger noch "Kind" sein - was in den wilden 1970er-Jahren ultrapeinlich war, sei jetzt durchaus gesellschaftsfähig, sagt Manfred Zentner vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung. Den Trend zur späten Ablösung macht Zentner grundsätzlich an der wirtschaftlichen Wetterlage und der abnehmenden Kaufkraft der Lehrlingsentschädigungen, Gehälter und Studienbeihilfen fest. "Es ist heutzutage weitaus schwieriger geworden, einen eigenen Haushalt zu gründen, vor allem in den Städten, wo das Wohnen teuer ist." Vielen jungen Erwachsenen bliebe da gar nichts anderes übrig, als weiterhin das Jugendzimmer zu belegen. Das "Hotel Mama", meint Zentner, "ist wegen der Wohnproblematik vor allem auch ein urbanes Phänomen." Aber eben auch ein zeitgeistiges, wie der Jugendforscher bestätigt. 

Man kann miteinander 

Früher zog man aus, um endlich die Wände nach Gusto bekleben, das Zimmer nonchalant zu vermüllen und den Freund/ die Freundin übernachten zu lassen - heute darf man das auch daheim bei Muttern. Das Verhältnis der Generationen zueinander hat sich entspannt, die Lebensstile haben sich angenähert, liberale Erziehungsmethoden sind fest etabliert. Zeitgemäß tickende Eltern drohen im Konfliktfall kaum noch mit dem Tritt in den Hintern, eher verfügen sie sich klammheimlich in die Familientherapie und fragen sich: "Was haben wir falsch gemacht?" Bei so viel Kuscheln lässt es sich gut miteinander aushalten. 

Nesthocker-Typen

Wenn dann auch noch der Service stimmt, steht der Generationen-WG nichts mehr im Wege. Doch Nesthocken ist nicht gleich Nesthocken. Es gibt unterschiedliche Ansätze dazu, wie Psychologen festgestellt haben. Die "Boomerangs", die "Pragmatiker", und die "Anhänglichen". Die pragmatische Einstellung ("daheim ist´s billiger") kommt nicht mehr nur dort vor, wo gespart werden muss. Es gibt sie auch in der oberen Mittelschicht und sogar unter den Reichen. 

Hotel Mama mit 5 Sternen

In Japan und den USA sind Singles, die nach dem Studium wieder in die Villen der Eltern einrücken, um sich ein noch besseres Leben leisten zu können als sie ohnehin schon haben, längst eine heftig umworbene Käuferschicht. Wer die französische Filmkomödie "Tanguy" gesehen hat, weiß was ein verwöhnter und anhänglicher Nesthocker ist. Tanguy ist ein erfolgreicher Uni-Dozent Ende zwanzig in Paris und kommt bei den Frauen an, was er auch weidlich ausnutzt. Längst könnte er sich eine eigene Bleibe leisten, sogar unter Pariser Verhältnissen. Aber er will das Penthouse der Eltern nicht missen. Und vor allem - er hat sie zu sehr lieb. Was diesen immer unheimlicher wird und sie in der Idee bestärkt, den Musterknaben loswerden zu müssen. 

Defizite? 

Der Film hat vielen Quartiergebern von erwachsenen Mit-Essern aus der Seele gesprochen. Die sich fragen: "Auch wenn's praktisch ist, billiger und superharmonisch - stimmt da vielleicht etwas nicht?" Es stimmt in der Tat nicht immer alles. Die Entwicklungspsychologin bestätigt die Lebensweisheit, dass Spät- oder nie Ausziehende Defizite entwickeln können. Die da sind: zu wenig Durchsetzung und Freiheitswillen, geringere Risikobereitschaft, weniger Bereitschaft, eine Beziehung einzugehen und mangelnde Alltagstauglichkeit. 

Endlich frei

Und dann sind da ja auch noch die Eltern selber mit ihrem Freiheitsdrang. Was tun, wenn man als Best Ager endlich sturmfreie Bude haben will und der Nachwuchs einfach nicht weicht? Oder nach der Scheidung wieder vor der Tür steht? Und man einander langsam, aber sicher auf die Nerven geht? Jugendkulturforscher Manfred Zentner kennt Fälle, "da haben die Eltern einfach den Kindern die Wohnung überlassen und sind ins Wochenendhaus gezogen."