Sex der Zukunft: Die heißesten Trends

Virtuelle Verführung, digitales Dating und beziehungslose Bettgeschichten prägen schon heute unser Sexleben. Wie werden wir Liebe, Lust und Leidenschaft in den
kommenden Jahren leben?

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Intimität auf Zeit - in der Zukunft die Regel Foto: Deagreez/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Intimität im Bett. Im Mittelpunkt unseres Beziehungs- und Sexual­lebens steht nicht mehr die Reproduktion, sondern die individuelle Lust an der Erotik. Eine Entwicklung, die sich in verschiedensten Varianten fortsetzt.

Digitales Dating

"In einer Gesellschaft, in der Zeit und Aufmerksamkeit die knappsten Ressourcen sind, übernehmen Casual Datingportale die mehr oder weniger geplante Vermittlung von Sex", sagt Ulrich Kühler vom Trendbüro, der für secret.de die Zukunft des Sex untersucht hat. Dank Tinder, Grindr und Co. ist Sex heute nur einen Klick entfernt. Entgegen aller Erwartungen geht es deswegen aber nicht öfter zur Sache. "Millennials, die die Pioniere der Apps waren, haben im Vergleich zu vorherigen Generationen sogar weniger Sex", sagt Zukunftsforscher Tristan Horx. Aber: "Der Kontrast zwischen den schnelllebigen 'Wischdates' und einer funktionsfähigen Beziehung hat dazu geführt, dass Zweiteres umso besonderer ist." Nichtsdestotrotz befinden sich klassische Beziehungsmodelle im Wandel.

Sex vor Liebe

Fernbeziehungen sind im Steigen begriffen, traditionelle Familienbilder bröckeln. Lockere Affären à la "Freundschaft plus" werden möglich. Aus "erst Liebe, dann Sex" ist heute "erst Sex, dann (vielleicht) Liebe" geworden. "Eine große Veränderung ist das Sinken des Stellenwertes einer lebenslangen Ehe", sagt Horx. "Die Generation Z will zwar zu 90 Prozent heiraten, ist aber viel gewillter, eine Ehe auch wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr erträglich ist. Eine Ehe ist besser gescheitert als unglücklich." Das Motto der Zukunft lautet "serielle Monogamie". Lebensabschnittspartner sind weniger verpönt, sondern normal. Sexu­alität wird individueller, facettenreicher und digitaler, so die Studie des Trendbüros. Dennoch bleibt Sexualität untrennbar mit Intimität verbunden.

1. Technik

Erotische Elektronik: 20 Milliarden Euro setzt die Sexindustrie jährlich um. Die Finanzstärke befeuert die Innovationskraft der Branche. Ständig drängen neue Produkte auf den Markt. "Cannabis, Bitcoin und Sextech sind die innovativsten Geschäftsfelder der Welt", ist Unternehmerin Cindy Gallop überzeugt.

Smarte Sextoys: Der Trend zur Selbstoptimierung schlüpft mit uns unter die Bettdecke. Wearables überwachen unsere Performance im Bett. Der smarte Penisring i.Con wurde eigens für die elektronische Leistungsmessung entwickelt. Sensoren, die die Erregung messen sollen, sind auch in MysteryVibe verbaut. Der Vibrator soll sich zudem mit dem Smart Home vernetzen, das Licht der Stimmung entsprechend steuern und Alexa die passend kuratierte Playlist auf Spotify abspielen lassen. Horrormeldungen gehackter Geräte machen bereits die Runde. Allzu leicht können Dritte die Kontrolle über die Toys übernehmen, sie fernsteuern und private Nutzerdaten abziehen. Dabei ist gerade die Fernsteuerungsfunktion ein Feature, das durch veränderte Beziehungsmodelle an Bedeutung gewinnt.

Wollüstige Wearables: Ausgeklügelte Gimmicks ermöglichen Paaren den Liebesakt aus der Ferne. Fundawear von Durex stimuliert über Smartphone-Steuerung den Partner über räumliche Grenzen hinweg. Die Lovesense-Geräte Max und Nora simulieren ein Miteinander. Die Sensoren des Masturbators und Vibrators erfassen die Bewegungen der Devices und übertragen sie auf das jeweilige Gegenstück.

Virtuelle Lust: Stark zu spüren ist die Digitalisierung auch in der Pornoindustrie. Virtual Reality (VR) hebt die Illusion prickelnder Erlebnisse auf eine neue Stufe. VR-Brillen vermitteln das Gefühl, hautnah dabei zu sein, die Perspektive der 360-Grad-Videos wird vom User gesteuert. Mit Augmented Reality (AR) werden Hologramme virtueller Personen über eine Brille in den Raum projiziert, die eines Tages mit dem Nutzer interagieren können.

Roboterliebe: An einfacher Interaktion arbeitet man auch im Bereich androider Sexpartner. Wie aus einer Studie des Fraunhofer Instituts hervorgeht, würde jeder Fünfte gerne einmal einen Sexroboter ausprobieren. Maschinen werden künftig einen immer größeren Raum in unserem Sexualleben einnehmen. "Eines Tages könnten Sexroboter so normal sein wie Vibratoren", sagt Josef Le, Gründer von Real Companions. Seine Puppen sehen echten Menschen bereits heute zum Verwechseln ähnlich – Hautporen inklusive. Die Haptik steht dem in nichts nach. "Die Brust greift sich anders an als der Bauch, der Schlüsselbeinbereich anders als Knie oder Oberschenkel. Ein Mensch fühlt sich ja auch nicht überall gleich an", erklärt Le. Die nächste Evolutionsstufe ist bereits in Sicht: Künstliche Intelligenz (KI) soll künftig einfache Gespräche und auf den Nutzer angepasste Reaktionen möglich machen.

2. Pornografie

Schöner Schein: Pornografie ist fest im gesellschaftlichen Mainstream verankert – und längst keine rein männliche Domäne mehr. Frauen konsumieren fast ein Drittel aller Pornos.

Weibliche Lust: Das Genre befindet sich im Wandel. Frauen sind nicht mehr nur am Bildschirm zu sehen, sondern ziehen vermehrt auch hinter der Kamera als Regisseurinnen und Produzentinnen die Fäden. Die Folge: Filme, die sich auf Einvernehmlichkeit und weibliche Lust konzentrieren. Pornosternchen, die durchs Set turnen als gäbe es einen Preis in Rhythmischer Gymnastik zu gewinnen, sucht man in diesen Videos vergeblich. Die realistischere Darstellungsweise sorgt dabei keineswegs für eine Einbuße an Erotik – im Gegenteil, sie bietet ein Mehr an Identifikationsfläche. Künftig werden Clips generell an Interaktivität zulegen.

Deep Fake: Virtual und Augmented Reality (siehe Technik) bieten dabei völlig neue Möglichkeiten. Die Digitalisierung der Branche birgt aber auch Schattenseiten. Deep Fakes stellen Pornoplattformen vor Probleme. Täuschend echt sind die Fälschungen, in denen Köpfe realer und unbeteiligter Personen in Sexfilme montiert werden. Teilweise sind sie so ausgefeilt, dass sie vom menschlichen Auge nicht als unecht erkannt werden können.

3. Pharmazeutika

Lust aus dem Labor: Schon einmal hat die Pharmaindustrie unser Sexualleben nachhaltig revolutioniert: Seit der Erfindung der Anti-Babypille in den 60er-Jahren sind Sexualität und Fortpflanzung voneinander trennbar. Einen nächsten Sprung wird diese Entkoppelung mit der Erfindung der Verhütungspille für den Mann machen, die in circa fünf Jahren marktreif sein soll. Heutige Methoden, bei denen Spermien durch Hormone unfruchtbar gemacht werden, haben häufig unerwünschte Auswirkungen wie Lustlosigkeit zur Folge. Beim Thema: Nach dem Erfolg mit Viagra kommt in absehbarer Zeit ein Pendant für die Frau auf den Markt. Trotz Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit, hofft Pharmakonzern Amag auf Umsätze von bis zu einer Milliarde Dollar jährlich. Von der US-Arzneitmittelbehörde wurde die Lustpille bereits zugelassen.

Intensiverer Sex durch Pillen: Im Englischen verwendet man das Wort "drug" übrigens für Drogen wie auch für Medikamente. Ganz schön zutreffend, wenn man sieht, was sich in den Pharmalaboren dieser Welt zusammenbraut. Medikamente, die die männliche Ejakulation hinauszögern, Frauen (zurück) zu mehr sexuellem Verlangen verhelfen und Orgasmen optimieren: All das könnte sich schon bald in unseren Schlafzimmern wiederfinden.

Experten-Interview

Mag. Sandra Teml-Jetter, Einzel- und Paarcoach

Weekend: Tinder, Grindr und Co: Sex scheint jederzeit auf Knopfdruck verfügbar zu sein. Verlernen wir, Bindungen einzugehen?

Sandra Teml-Jetter: Ich glaube nicht, dass wir etwas verlernen können, was die meisten von uns noch gar nicht bewältigen: Verbindungen einzugehen, in denen eine Balance zwischen Verbundenheit und Autonomie herrscht, in der zwei Menschen miteinander über sich selbst hinauswachsen. Dieses Abenteuer wollen nicht alle erleben. Müssen sie auch nicht! Egal, was Menschen tun, sie sollten wissen, warum sie es tun, was Sex und was Beziehung für sie bedeutet und welche Sehnsucht sie haben. Wenn Tinder diese Sehnsucht ist – fein!

Weekend: Im Durchschnitt verbringen wir mehr als drei Stunden pro Tag am Smartphone, Millennials pflegen ihre Beziehungen großteils digital. Hat das Einfluss auf unser Sexual­leben?

Sandra Teml-Jetter: So viel wie virtuelle Realitäten und eine digitalisierte Welt leisten können – eine echte Begegnung werden sie nie ersetzen. Haut auf Haut, touch with feeling, sich psychisch und physisch nackt machen. Einander in die Augen schauen und sich in die Seele blicken lassen. Wow! Das ist riskant und erfordert Mut. Das ist es, was uns Menschen zu Menschen macht. Ich glaube fest daran, dass sich dem auch die Millennials stellen werden. Es gibt ja zum Beispiel auch den Gegentrend von den professionellen Kuschlern. Wir sind soziale Wesen, wir brauchen den Kontakt.

Weekend: Sexshops und -toys sind am Vormarsch, geworben wird mittlerweile auch im TV. Was macht die Kommerzialisierung von Lust und Sex mit uns im Schlafzimmer?

Sandra Teml-Jetter: Dass Sex kein Tabu ist, begrüße ich. Dass es bei Sex um zwei Seelen gehen kann und um Spaß, Vergnügen und Spiel, darüber würde ich nachdenken. Ansonsten halte ich es mit Augustinus, der meinte: Liebe, und tu was du willst. Paaren und Menschen steht es offen, wie und womit sie spielen. Am Ende ist es also nur Werbung für Spielzeug.

Weekend: Sex-Tech-Unternehmen bringen immer raffiniertere Gadgets auf den Markt. Wird das unseren Sex zwangsläufig verbessern?

Sandra Teml-Jetter: Nichts ersetzt eine echte Begegnung. Ich rate: Anstatt das nächste Gimmick zu kaufen, fragen Sie sich mal, wo Sie hinschauen, wenn Sie beim Sex mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin einen Orgasmus haben. Haben Sie die Augen überhaupt geöffnet? Probieren Sie mal aus, sich gegenseitig in die Augen zu schauen, während Sie kommen.