Stefan Koubek: So wird Thiem die Nummer eins

weekend: Wir haben seit Langem das stärkste Daviscup-Team. Das muss den Kapitän ziemlich glücklich machen?
Stefan Koubek: Ja, es ist super, was die Jungs leisten. Was der Dominic heuer geschafft hat, ist einfach nur abartig. Aber auch ein Dennis Novak hat sich unter den Top 100 der Weltrangliste etabliert, Sebastian Ofner feiert seine Erfolge und Juri Rodionov kann es noch weit bringen.

weekend: Dennis Novak sagt man ja großes Potenzial nach. Was fehlt da zu einem Dominic Thiem?
Stefan Koubek: Naja, da muss man die Kirche im Dorf lassen. Der Dominic ist mittlerweile einer der Topleute, spielt ganz oben mit. Am Ende des Tages fehlt Dennis Novak die Konstanz. Er hat aber sicher das Potenzial, ein Top-50-Spieler zu werden.

weekend: Und wie weit kann es Juri Rodionov schaffen?
Stefan Koubek: Auf jeden Fall in die Top 100. Das ist allemal möglich. Das ist ein wichtiger Schritt, dann kann es schnell gehen. Juri ist ein unglaublicher Fighter, das liegt ihm einfach im Blut.

weekend: Manche werfen Dominic Thiem mangelnden Patriotismus vor, weil er beim Daviscup öfter mal absagt. Ärgert das auch den Kapitän?
Stefan Koubek: Was heißt ärgern? Es ist halt schade und man ist enttäuscht. Die eine oder andere Absage habe ich nachvollziehen können, die eine oder andere nicht. Aber das lag wohl in erster Linie an Günter Bresnik.

weekend: Inwiefern?
Stefan Koubek: Naja, da wurde immer erst im letzten Moment zu- oder abgesagt. Da hatte man wirklich den Eindruck, dass Spielchen gespielt werden. Ich hoffe und glaube auch, dass das mit Herwig Straka besser funktioniert.

Stefan Koubek

Manche Absage war nicht nachvollziehbar. Aber das lag wohl an Bresnik. – Stefan Koubek über Thiems Daviscup-Fehlstunden.

weekend: Aber das liegt wohl auch an den Erfolgen und hängt mit den damit verbundenen engen Terminplänen von Thiem zusammen?
Stefan Koubek: Ja, das ist schon klar. Die Erfolge sind natürlich unfassbar. Australian Open im Finale, US Open gewonnen und in Paris immerhin auch ins Viertelfinale gekommen. Da geht sich Daviscup nicht immer aus.

weekend: Worauf führst du die Leistungsexplosion in diesem Jahr zurück?
Stefan Koubek: Er hat nochmal einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Ich glaube, dass die Trennung von Günter Bresnik ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist. Nicht von der schlagtechnischen Seite –da kann man Bresnik nichts vorwerfen – aber von der menschlichen. Ich glaube, dass zum Ende hin die Reibungen zwischen den beiden so stark waren, dass das im Hinterkopf von Dominic immer eine Rolle gespielt hat.

weekend: Hätte Thiem den Schlussstrich schon früher ziehen sollen?
Stefan Koubek: Das ist immer schwer zu sagen. Darüber möchte ich nicht spekulieren. Er hat jetzt mit Herwig Straka, Nicola Massu und Alex Stober ein perfektes Team gebildet. Da wird noch einiges kommen.

Handshake zwischen Dominic Thiem und Stefan Koubek

Jetzt hat er die große Chance, dieses Cindarellamärchen wahr werden zu lassen. – Stefan Koubek über Thiems Chancen auf den Tennis-Thron.

weekend: Dominic hat immer betont, ein Grand-Slam-Titel ist ihm wichtiger als die Nummer 1. Den hat er in der Tasche …
Stefan Koubek: Ja, klar will er jetzt die Nummer eins werden. Ich kann mich da an ein Interview von ihm als 14-Jähriger erinnern, bei dem er auf die Frage, was sein Ziel sei, geantwortet hat: die Nummer eins werden. Und jetzt ist die Chance, dieses Cindarella-Märchen wahr werden zu lassen, ziemlich groß.

weekend: Was fehlt noch?
Stefan Koubek: Für mich persönlich hat er vor allem beim Return noch Luft nach oben. Das ist zwar viel besser geworden, aber für meinen Geschmack steht er da zu weit hinten. Das würde ihm eine zusätzliche Variante geben. Daran arbeitet er aber eh und man sieht auch, dass da was weitergeht. Und ansonsten ist es noch immer die geringere Erfahrung gegenüber Leuten wie Nadal oder Djokovic. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Ich bin mir sicher, dass er noch mehrere Grand Slams gewinnen wird und auch den Tennisthron erobert.

weekend: Abschließend noch etwas Verbandspolitik. Es scheint fix, dass Magnus Brunner neuer ÖTV-Präsident wird und damit auch Jürgen Melzer das Amt des Daviscup-Kapitäns übernehmen soll. Stimmt das?
Stefan Koubek: Ja, das habe ich auch gehört und ich weiß auch, dass Jürgen Melzer dann Sportdirektor wird. Letztlich kann ich eins und eins zusammenzählen. Aber mein Vertrag läuft noch bis Ende 2021 und ich gehe davon aus, dass ich den erfüllen kann.

weekend: Das heißt, du rechnest damit, dass du nächstes Jahr beim Daviscup-Finalturnier auf der Bank sitzt?
Stefan Koubek: Damit rechne ich stark. Wir haben den Erfolg als Team geschafft, also gehe ich davon aus, dass ich beim Finale dabei bin.

Autor: Robert Eichenauer, 25.10.2020