Lizz Görgl im Interview: „Ich will Mut machen“

weekend: Von der Piste auf die Bühne: Ist Abwechslung deine Leidenschaft?
Lizz Görgl: Ich bin ein neugieriger Mensch, lebe das Leben irrsinnig gern und will vieles ausprobieren. Schon seit Kindertagen: Skifahren war meine Nummer eins. Aber auch tanzen, singen und malen haben mich sehr begeistert. Ich bin gerade dabei mich in vielen Disziplinen selbst zu verwirklichen. 

weekend: Das klingt nach bewusstem Spurwechsel.
Lizz Görgl:  Ich war in meiner Sportzeit sehr fokussiert. Da hatte nebenbei wenig Platz. Nach 16 Jahren Weltcup war es mit Mitte 30 Zeit, sich neu zu finden. Ich habe nach dem Leben in den Bergen auch bewusst das Weite gesucht. Lebe jetzt im Raum Wien und liebe es. Ich weiß, das ist vielleicht nicht so typisch für eine Skifahrerin. Die Stadt hat mich aber immer fasziniert. Ihre Offenheit, die Internationalität. Mich verunsichert das nicht, im Gegenteil. Freiheit ist für mich ein ganz großer Wert.

Ex-Skistar Lizz Görgl beim Interview

weekend: Du gibst heute deine vielen Erfahrungen aus dem Spitzensport in Vorträgen weiter. Wie motivierst du dich selbst?
Lizz Görgl: Jede Inspiration erwächst in einem selber. Das ist die treibende Kraft, die mich bewegt. Mein Motto: Weniger müssen, mehr wollen! Ich habe in den letzten drei Jahren eine Trainerausbildung absolviert und dabei wieder sehr viel dazugelernt – auch über mich! Im Sport beispielsweise ist es wichtig den inneren „Schweinehund“ zu überwinden, aber noch wichtiger ist: Du musst wissen, warum er bellt. Du lernst Energiemanagement und wie du am leistungsfähigsten wirst und bist ständig mit dir selbst konfrontiert.

Im Sport beispielsweise ist es wichtig den inneren Schweinehund zu überwinden, aber noch wichtiger ist: Du musst wissen, warum er bellt.

Ex-Skistar Lizz Görgl ist mit neuer Single am Start

weekend: Musik steht auf deiner „Wollen-Liste“ aktuell auch ganz oben.
Lizz Görgl: Absolut. Ich wollte schon im Frühjahr ein neues Lied veröffentlichen, aber dann kam Corona dazwischen. Die Pandemie wird uns wohl noch länger beschäftigen. Umso wichtiger ist es, die Zeit zu nützen, sich zu adaptieren und das Beste aus der Situation zu machen. Mit „Probier es aus“ möchte ich Mut machen und positiv sein. Ich war immer neugierig und habe mich gefragt, was ist hinter dem Berg? Ich wollte hinaus in die Welt, das Leben entdecken. Darum geht es in meinem neuen Song. Ich möchte den kleinen und großen Mädels und Burschen sagen: Erweitere deinen Horizont, sei offen für die Welt da draußen, hab´ keine Angst und finde was dich fasziniert.

Ich war immer neugierig und habe mich gefragt, was ist hinter dem Berg? Ich wollte hinaus in die Welt, das Leben entdecken.

Mut, Zuversicht und Happy Sound: Lizz Görgls neue Single „Probier es aus" sprüht vor Fröhlichkeit.

Weekend: Lampenfieber kennst du?
Lizz Görgl: Ja natürlich! Vor einem Auftritt steigt das Adrenalin, ganz klar. Da habe ich eine Grundspannung wie früher kurz vor dem Start. Dieser Zustand ist aber auch nötig um gut zu performen. Ich habe meine Technik, um mich gut zu konzentrieren und zu fokussieren und dann freue ich mich einfach nur, dass ich auf die Bühne darf.

weekend: Du hast in diesem Jahr auch die öffentliche Bühne gesucht, um die Menschen im Land aufzurütteln – Stichwort Klimavolksbegehren.
Lizz Görgl: Ich will hier wachrütteln. Wir haben jetzt wahrscheinlich die letzte Chance, um Veränderungen einzuleiten. Es gibt einfach keinen Plan B für unseren wunderschönen Planeten. Ich wünsche mir, dass auch meine zwei Neffen in einer gesunden Umgebung aufwachsen können. Es hat mich wirklich überrascht, wie verhältnismäßig wenig Menschen unterschrieben haben. Dabei wäre es höchst an der Zeit Verantwortung zu übernehmen, sonst ist beispielsweise unser Winter wirklich bald Schnee von gestern.

weekend: Ein Appell auch an die Ski-Industrie im Land?
Lizz Görgl: Ja natürlich! Wir müssen behutsam mit unseren Bergen umgehen, Naturschutz und Wirtschaft in Einklang bringen. Schon Hubert von Goisern hat gesungen, dass wir Geld nicht essen können. Wir haben den Alpenraum touristisch genug ausgebaut. Jetzt braucht es Querdenker, die neue, sanfte Lösungen vorantreiben.

Es gibt einfach keinen Plan B für unseren wunderschönen Planeten.

Frischer Wind bei Lizz Görgl

weekend: Was erwartest du dir hier von der Politik?
Lizz Görgl: Ich denke es ist wichtig unser gesamtes System neu zu überdenken und unsere Werte neu zu ordnen. Was hilft der ganze Wohlstand, wenn wir krank, müde, antriebslos und leer sind? Es soll ein Sowohl-als-auch sein. Ein mit der Natur wertschätzendes Leben, wie es schon indigene Völker gelebt haben. Wieso kann man nicht die Vorteile einer zivilisierten Wohlstandsgesellschaft mit der ursprünglichen Natur des Menschen vereinen? Wir wissen, wie wichtig der Wald beispielsweise für unser gesamtes Ökosystem ist. Ich war letzte Woche in einem der letzten Urwälder Österreichs. Es ist unglaublich faszinierend, wie der Wald funktioniert und wir zerstören ihn. Das verstehe ich nicht! Bedienen wir uns unserer Empathie und übernehmen Verantwortung!

Was hilft der ganze Wohlstand, wenn wir krank, müde, antriebslos und leer sind?

weekend: Schule soll jetzt auch dein Bewegungskonzept machen. Was hast du vor?
Lizz Görgl: Zehnjährige können heute nicht mehr stiegen steigen. Der Purzelbaum geht nicht rund, sondern schief: Das schafft Probleme für jeden einzelnen, der später wackelig im Leben steht. Wirft aber auch große gesundheitspolitische wie volkswirtschaftliche Fragen auf. Ich will mit meinem Namen und meinem Netzwerk hier den Kids wieder auf die Beine helfen. Ein großes Schulprojekt ist in Vorbereitung, ich stehe einmal mehr in den Startlöchern. Es geht dabei nicht darum Spitzensportler heranzuzüchten, sondern dem Nachwuchs ein feinmotorisches Grundgerüst fürs Leben mitzugeben, das auch mental stärkt. Ein starkes Körpergefühl ist die Grundvoraussetzung für Kreativität und Köpfchen. Je mehr Action für die Kleinen, umso besser.

Ich will mit meinem Namen und meinem Netzwerk hier den Kids wieder auf die Beine helfen.

weekend: Du warst in deiner Volksschulzeit sicher ständig in Bewegung.
Lizz Görgl: Nicht nur. Ich habe regelmäßig in der Ecke stehen müssen, weil ich im Unterricht gesungen habe (lacht). Aber wie man sieht, ist auch aus mir was geworden.

Autor: Rudolf Grüner , 06.10.2020