Dirk Stermann im exklusiven Weekend-Talk

Weekend: In deiner Brust wohnen ja zwei Stermanns: der Satiriker und der ernsthafte Schriftsteller. Willst du ein Klamauk-Interview oder lieber ein ernsthaftes führen?

Dirk Stermann: Lieber ein ernsthaftes. Ich habe das schon beim Radio gehasst, wenn ich Komiker interviewt habe, die versucht haben, komisch zu sein. Das fand ich schrecklich.

Weekend: Gut, dann ernsthaft. "Willkommen Österreich", Kabarett, Schauspielrollen und mittlerweile Autor von 15 Büchern. Wird Schlafen überbewertet?

Dirk Stermann (lacht gequält): Ich dachte, es gibt keine komischen Fragen. Also nein, Schlafen ist natürlich viel wichtiger als arbeiten. Aber ich habe so viel Tagesfreizeit. Ich kann irgendwie nicht mehr fernsehen, daher muss ich die Zeit anders verbringen.

Weekend: Sagt einer, der fürs Fernsehen arbeitet ...

Dirk Stermann: Ich denke, Fleischhauer werden auch nicht zu Hause noch weiter schlachten.

Weekend: Wenn du dich nun für einen deiner Jobs entscheiden müsstest, welchen würdest du nehmen?

Dirk Stermann: Ich würde genau die nehmen, die ich jetzt mache. Fernsehen ist halt gut, weil es gut bezahlt ist. Schreiben ist gut, weil es Spaß macht, aber natürlich schlechter bezahlt ist. Mir wird halt schnell fad und daher mache ich dann immer wieder was Neues. Das unterscheidet mich von Grissemann. Der hätte am liebsten nur ein Kabarett-Programm geschrieben, um das bis an sein Lebensende zu spielen. Bei mir ist das dann wie chinesische Wasserfolter.

Weekend: Kommt es denn bei "Willkommen Österreich" wie in anderen Berufen auch vor, dass man ab und zu mal gar keinen Bock auf die Arbeit hat?

Dirk Stermann: Ja, ständig. Es ist ganz oft so, dass ich überhaupt keine Lust habe, obwohl es ja nur einmal pro Woche ist. Ich traue mich aber deshalb auch nicht zu jammern, denn meine Vorfahren im Ruhrgebiet waren richtige Hackler – da hätte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich über die eine Stunde Arbeit in der Woche beschwere.

Weekend: In deinem neuen Buch "Der Hammer" beschreibst du sehr plastisch die hygienischen Zustände in Wien um 1800. Ist das die gute alte Zeit, von der immer alle reden?

Dirk Stermann: Tatsächlich war Wien damals die stinkendste Großstadt Europas. Da gibt es jede Menge Zeugenaussagen. Vor allem ältere Leute schwärmen oft von der guten alten Zeit. Ich glaube, das hat nur den Grund, weil man damals jung war. Außerdem hat man das Gefühl, dass einen die Moderne überfordert. Die Vergangenheit hingegen gibt einem Ruhe. Da gab es noch den Schilling und grüne Wiesen. Alles, was noch kommt, macht Angst, weil man ja nicht weiß, was kommt.

Weekend: Angst scheint auch ein bestimmendes Phänomen unserer Zeit zu sein. Wir fürchten uns vor dem Klimawandel, dem Corona-Virus ...

Dirk Stermann: Ja, ich habe mich vorhin auch im Raum umgesehen, ob eh kein Chinese da ist. Früher haben sich die Menschen halt vor anderen Dingen gefürchtet, besonders vor dem, was sie nicht verstanden haben. Blitz und Donner zum Beispiel. Ich fürchte mich nicht, weil ich so eine Art fröhliche Resignation in mir trage.

Weekend: War es nicht so, dass man sich früher trotz der immerwährenden Angst zumindest noch mit dem Jenseits anfreunden konnte?

Dirk Stermann: Ja, wahrscheinlich. Wenn du glaubst, dass der Tod ein Schritt in das Bessere ist, dann willst du vielleicht sogar vom Blitz getroffen werden. Wenn du nicht an Gott glaubst, ist das natürlich ein Problem. Vielleicht sollte ich auch einmal an Gott glauben. Andererseits hat aber einmal ein italienischer Priester gesagt, das wäre nichts für mich.

Weekend: Glaubst du denn an eine Art der Wiedergeburt oder machst du dir darüber keinen Kopf?

Dirk Stermann: Uns hat immer Angst gemacht, dass Vera Russwurm an Wiedergeburt glaubt. Aber dann haben wir herausgefunden, dass sie den Begriff nur falsch versteht und glaubt, Wiedergeburt heiße, dass man bereits ein Kind hat und dann noch ein weiteres bekommt. Mit dieser Art der Wiedergeburt kann ich leben.

Weekend: Viele Leute fürchten sich auch vor dem Rechtspopulismus. Glaubst du, dass die FPÖ durch Ibiza endgültig in die Schranken gewiesen wurde?

Dirk Stermann: Nein, das ist jetzt kurzfristig. Die werden sich schon wieder erholen, wenn sie nicht komplett deppert sind – was sie im Moment sind. Es gibt überall so viele Leute, die eben auch Angst haben und denen das dann wurscht ist, wenn eine Bewegung sehr rechts steht. Die Angst vor Flüchtlingen ist scheinbar größer als die Moral. Das ist aber offenbar in jedem Land so. Früher haben sie in Deutschland oft gefragt, wie das denn sein kann mit der FPÖ. Jetzt gibt es dort auch die AfD.

Weekend: Und was hältst du von der Veränderung von Türkis-Blau auf Türkis-Grün?

Dirk Stermann: Atmosphärisch ist es zumindest mal eine Verbesserung. Ob es die Grünen zerreißen wird, weiß man nicht, die Türkisen wird es nicht zerreißen, weil die sind ja scheinbar unzerreißbar. Aber ich glaube, dass Türkis-Blau tendenziell ein bisschen unheimlicher war.

Weekend: Wenden wir uns einer erfreulicheren Art von Politik zu. "Willkommen Österreich" lebt ganz stark von den fantastischen Gästen. Wie weit bringt ihr euch bei der Einladungspolitik ein?

Dirk Stermann: Wir haben ein Vorschlagsrecht. Machen davon aber nicht mehr so stark Gebrauch. Gott sei Dank, denn in den ersten Jahren neigten wir dazu, betrunken Leuten zuzusagen, dass sie als Gäste zu uns kommen können. Die Redaktion musste diese Leute dann immer ausladen. Das war doch peinlich.

Weekend: Würdet ihr zum Beispiel auch jemanden wie Thilo Sarrazin einladen?

Dirk Stermann: Nein, das würde bei uns nicht passen, weil wir immer dazu neigen, die Gäste sehr überschwänglich vorzustellen und zu sagen, es kommt der Tollste, der Schönste, der Interessanteste, der Lustigste. Da gibt es ein paar Leute, da wollen wir das nicht so gern sagen. Außerdem muss es schon auch ein bisschen unterhaltungskompatibel sein.

Weekend: Gibt es auch Gäste, die immer absagen?

Dirk Stermann: Ja, manche schon. Sehr lustig war Hermann Maier. Grissemann hat ihn mal bei einer Gala angesprochen, warum er nie zu uns kommt. Die Redaktion hätte schon unzählige Male bei Maiers Management angefragt. Er meinte daraufhin lapidar: Ach so, das Management gibt mir nur die wichtigen Termine weiter.

Weekend: Hattet ihr auch Gäste, von denen ihr euch viel erwartet habt und die dann total enttäuschten?

Dirk Stermann: Ja, Boris Becker war so einer. Der war ungut, weder lustig noch interessant noch gescheit, der war einfach nur deppert.

Weekend: Und umgekehrt? Gab es auch Gäste, die im Nachhinein mit eurer Interviewführung nicht so zufrieden waren?

Dirk Stermann: Hugo Portisch war einmal zu Gast. Wir haben dann am Anfang der Sendung noch unser Stand-up gemacht, wo ich irgendwelche Witze über den Papst gerissen habe. Was wir damals noch nicht wussten, ist, dass der Portisch sehr gläubig ist. Der hat sich dann den Mantel angezogen und wollte schon fast gehen. Er ist dann aber doch noch auf die Bühne gekommen, total grimmig. Ich habe mir dann gedacht, das ist ein eitler Mann, und gleich gesagt, wie interessant sein Buch doch ist. Dann war er gleich gebauchpinselt und hat vergessen, dass er gehen wollte.

Weekend: Das Genre Satire ist in den letzten Jahren stark in die Kritik geraten. Darf Satire alles?

Dirk Stermann: Ich habe da keine richtige Antwort auf die Frage. Satire darf grundsätzlich alles, außer es steht persönliches Leid dahinter. Das Problem ist, dass man als Satiriker einfach zu viel redet. Da läuft man natürlich Gefahr, einen Vollhonk-Spruch abzulassen. Wenn einem das passiert, muss man sich halt auch dafür entschuldigen können.

Weekend: Satiriker erhalten oft sogar Drohungen. Seid ihr davon auch betroffen?

Dirk Stermann: Nein, das passiert ganz selten. Vor einem Auftritt in Klagenfurt gab es einmal Drohungen. Daraufhin saßen dann im Saal viele Security-Mitarbeiter und die Kripo Klagenfurt. Passiert ist natürlich nichts. Die einzigen Skinheads im Saal waren dann unsere Security-Leute. Mir war das so peinlich, dass dann niemand auf uns geschossen hat. Ich habe immer das Gefühl, ich müsste mich dann bei allen, die uns bewacht haben, entschuldigen, dass nichts passiert ist.

Weekend: Was passiert, wenn einer von euch einmal krank ist? Fällt die Sendung dann aus oder habt ihr eine Zweitbesetzung?

Dirk Stermann: Wir sind die Zweitbesetzung, da ist ja das Problem (lacht). Aber ich habe noch nie im Leben einen Auftritt abgesagt. Wir gehen dann halt auch krank auf die Bühne, sogar im Bademantel, und die Leute glauben dann, das gehört zu einem schlechten Witz.

Weekend: Welche Projekte stehen an in den nächsten Monaten und Jahren?

Dirk Stermann: Ich werde wahrscheinlich irgendwann im nächsten Jahr einmal ein Solokabarett machen. Das habe ich ja noch nie gemacht und jetzt bin ich schon so alt, wenn ich es jetzt nicht bald mache, dann werde ich es gar nicht mehr machen. Und nachdem mein aktueller Roman wirklich sehr viel Arbeit war und so intensiv, möchte ich als nächstes ein eher kleines und leichtes Buch schreiben, ich weiß aber noch nicht, welches Genre.

Weekend: Zur Zukunft von "Willkommen Österreich". Gibt es da so etwas wie ein Ablaufdatum?

Dirk Stermann: Wir haben gerade den Vertrag um zwei weitere Jahre verlängert. Was danach kommt, kann ich noch nicht sagen. Wir wissen ja nicht einmal, ob es uns dann biologisch noch gibt.

Weekend: Du bist nach wie vor deutscher Staatsbürger, fühlst du dich noch als Deutscher oder mittlerweile schon eher als Österreicher?

Dirk Stermann: In Berlin gibt es diesen Begriff "Berliner Türke", so fühle ich mich halt als Wiener Deutscher. Also ich bin Deutscher, der Österreich im Herzen trägt.

Autor: Ute Daniela Rossbacher , 27.02.2020