Überraschung des Jahres: Ford Mustang GT V8

Über 50 Jahre mussten europäische Fans warten, bis es Fords Sportwagen-Ikone offiziell über den großen Teich geschafft hat. Wer die Menge an Import-Mustangs auf hiesigen Straßen analysiert, darf sich über die deftige Verspätung schon ein wenig wundern. Die Filmlegende, der Inbegriff von amerikanischer Freiheit, ist auch bei uns äußerst beliebt. Es mag mit Fords neuer "One-World"-Politik zu tun haben. Oder einfach damit, dass der neue Mustang nun auch technisch auf einem Level ist, das europäischen Sportwagen-Freunden endlich mehr als ein mitleidiges Lächeln abringt.

Weg mit der Starrachse

Ganz richtig, nach gefühlten drei Ewigkeiten hat der Hengst seine hintere Starrachse zum Teufel gejagt und sie durch eine Integrallenkerachse mit Einzelradaufhängung ersetzt. Fords Fahrwerksgurus waren von der Güte der neuen Hinterachse offenbar so überrascht, dass die Vorderachse - um mitzuhalten - gleich mal zum Nachsitzen geschickt wurde. Mustang Nummer Sechs hat nun eine wesentlich breitere Spur und 30 Millimeter tiefer als bisher sitzt er auch.

Kaum Extrawürste für Europa

Neben der Dynamik profitiert freilich auch die Optik von einer derartigen Operation. Schwer genug, aber der Stang steht schärfer da denn je. Mit seinen massiven Schultern, dem gemeinen Haifischmaul und angsteinflößend dreinblickenden Scheinwerferschlitzen wirkt er alles andere als Retro. Dass es sich um einen Mustang handelt, sieht man trotzdem sofort. Europäische Extrawürste gibt es übrigens nicht. Der Euro-Mustang ist weitgehend identisch mit der US-Version. Lediglich das mehr als brauchbare Performance-Pack (Hinterachs-Sperrdifferenzial, große Brembo-Bremse, 19-Zöller) müssen die Amis extra bezahlen und wir nicht.

Wie machen die das?

Apropos bezahlen: Wir wissen noch immer nicht genau, wie Ford es gemacht hat, aber im Falle des Mustang GT erhält man für rund 40.000 Euro einen 421-PS-Aluminium-V8, besagte Performance-Extras, elektrische Ledersitze, eine Klimaautomatik, Xenon-Scheinwerfer, eine Launch Control, ein sehr unsinniges aber erheiterndes Spielzeug namens Line Lock sowie einen Acht-Zoll-Touchscreen. Eine Aufpreisliste ist quasi nicht vorhanden: Es gibt ein Navi, eine Automatik, Parkpiepser, Recaro-Sportsitze und ein besseres Soundsystem. Und ja, auch die Optionen sind ungewohnt höflich eingepreist.

Schalten wie im Japan-Sportler

Von null auf hundert km/h vergehen nur 4,8 Sekunden. Eine Mercedes-C-63-ähnliche Biturbo-Dampflock ins Kreuz sollten Sie allerdings nicht erwarten. Der Mustang ist zweifelsfrei schnell, er kämpft aber auch mit 1.720 Kilo feinstem amerikanischem Bacon. Die Lösung lautet: viel Drehzahl! Und die kriegen Sie auch. Der Mustang mag Drehzahl. Was Sie am Mustang mögen könnten, ist sein neues Schaltgetriebe. Der kleine Hebel klackt kurz und knackig durch die Gassen und man wähnt sich eher in einem Mazda MX-5, denn in einem deftigen US-Powerhaus. Auch wenn wir die Sechsgang-Automatik noch nicht ausprobieren konnten, scheint der Griff zum Schalter also zumindest nicht ganz verkehrt.

Was kann der EcoBoost-Vierzylinder?

Sollten Sie den Mustang als Alltagsauto in Erwägung ziehen, ist das ebenfalls kein Problem. Freuen Sie sich auf 408 Liter Kofferraum und lernen Sie mit seiner gewaltigen Breite sowie null-komma-null Kopffreiheit im Fond zu leben. Und rechnen Sie damit, dass er sich gut und gerne 15 Liter gönnt. Mit sehr wenig Enthusiasmus sollten auch 11 bis 13 Liter drin sein. Trotzdem zu viel Sprit? Es gibt da noch einen 2,3-Liter-EcoBoost-Vierzylinder, dessen 314 PS immerhin für 5,8 Sekunden auf 100 km/h gut sind. Er startet schon bei 35.000 Euro, wirkt sehr elastisch, leidet aber unter akuter Angst vor dem roten Bereich und einem arg künstlichen Motor-Sound aus dem Verstärker. Natürlich gibt es den Mustang auch als Cabriolet. Es wiegt etwa 60 Kilo mehr und ist jeweils 4.000 Euro teurer.

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Autor: Ute Daniela Rossbacher , 04.08.2020