Nissan Qashqai im Test: Der Pate, zweiter Teil

Verdammt, jetzt bloß nicht wieder etwas zum Namen sagen. Qashqai ist aber auch ein (übrigens bewusst gewähltes) Meisterwerk der Unaussprechlichkeit. Die Kunden scheint es nicht gestört zu haben, denn Nissans Kompakt-SUV hat seit 2007 gut 1,5 Millionen Liebhaber in Europa gefunden. Selbst auf dem einheimisch dominierten deutschen Automarkt konnte der Qashqai enorm punkten. Obwohl er 2013 eigentlich schon ein Auslaufmodell war, griffen 26.710 SUV-Freunde zu. Zum Vergleich: Damit liegt er vor dem Skoda Yeti (22.045 Stück) und wird in seinem Segment nur vom Platzhirsch VW Tiguan (57.838 Exemplare) überflügelt.

Unauffällig aufgefrischt

Jetzt blasen die Japaner zum Halali und bringen die zweite Qashqai-Generation zur Tiguan-Jagd in Stellung. Dabei muss man schon genauer hinsehen, um den Nachfolger identifizieren zu können. In der Länge gibt es knapp fünf Zentimeter mehr, während die Höhe um 1,5 Zentimeter gesenkt wurde. Optisch greift der neue Qashqai das Design des Vorgängers auf, bekam aber von den Stilisten mehr Dynamik und Schärfe ins Blech gepresst. Doch kein Grund zur Sorge: Groteske Auswüchse im Stil eines Mercedes GLA finden nicht statt. Warum auch? Schließlich hat sich die bisherige Gestaltung ausgezahlt, zudem profitieren die Sichtverhältnisse davon. Übrigens: Wer einen Nachfolger des siebensitzigen Qashqai +2 sucht, muss künftig zum 4,66 Meter langen, neuen X-Trail greifen.

Clevere Lösungen

Durchdacht präsentiert sich der Kofferraum, hier passen mindestens 430 Liter Gepäck hinein. Die Stehhöhe unter der Heckklappe wurde um 20 Zentimeter auf 1,86 Meter vergrößert. Werden die hinteren Lehnen umgeklappt, entsteht eine ebene Fläche, das maximale Kofferraumvolumen beträgt 1.585 Liter. In der Praxis überzeugen sowohl die niedrige Ladekante und der variable Ladeboden namens "Flexi-Board". Der Clou hierbei: Der vordere Teil kann als Raumtrenner hochgestellt werden, was sich beim Verstauen von kleineren Einkäufen auszahlt. Wir arbeiten uns weiter nach vorne und checken den Fond. Dort ist die Beinfreiheit gut, wenngleich nicht grenzenlos üppig. Dann machen wir uns mit dem Cockpit vertraut. Große Probleme bereitet das nicht, fast alles ist an der richtigen Stelle. Durchdachte Details sind die Mittelarmlehne mit massig Stauraum und USB-Anschluss, das Fünf-Zoll-TFT-Display zwischen den Instrumenten und die elektronische Parkbremse, die sich beim Anfahren automatisch löst. Was generell auffällt, ist die deutlich verbesserte Materialauswahl und Qualitätsanmutung.

Erste Hilfe

Ein Kritikpunkt betrifft die Bedienung der Assistenzsysteme, für die man sich durch die Menüs arbeiten muss. Und Helferlein gibt es im neuen Qashqai viele: Schon in der mittleren Ausstattung sind ein Notbrems- und ein Spurhalteassistent serienmäßig, ebenso ein Müdigkeitswarner und eine Verkehrszeichenerkennung. Nur für die Topversion lieferbar sind darüber hinaus ein Totwinkelwarner und ein automatischer Einparkassistent für Quer- und Längslücken.

Geladene Gesellschaft

Die Motorenpalette besteht ab Februar 2014 aus alten Bekannten und Neuzugängen. Auf der Benzinerseite bildet ein 1,2-Liter-Turbo mit 115 PS die künftige Basis, im Sommer soll sich ein aufgeladener 1.600er mit 150 PS dazugesellen. Überarbeitet wurden die Diesel: Hier markiert der 1,5-Liter mit 110 PS den Einstieg, darüber rangiert ein 1,6-Liter mit 130 PS. Nur für ihn gibt es eine stufenlose Automatik (eines der besseren CVT-Getriebe auf dem Markt, dennoch ein Fall für Fans) und optionalen Allradantrieb, den bisher nur etwa 20 Prozent der Kunden wählten.

Klein, aber nicht unbedingt fein

Wir beginnen unsere Testfahrt im neuen Qashqai mit dem kleinen Benziner. Ein unaufgeregter Geselle, der aber unter 2.000 Touren nur sehr zäh in die Puschen kommt. Als Bremsklotz wirkt darüber hinaus der lang übersetzte sechste Gang. Für Wenigfahrer und Sparfüchse kann der 1,2-Liter-Motor interessant sein, unsere erste Wahl ist jedoch der 110-PS-Diesel. Er geht laufruhig und ausreichend spritzig zu Werke. Zwar schlägt auch hier eine lange Getriebeübersetzung zu, doch die 260 Newtonmeter maximales Drehmoment können auch oberhalb von (akustisch dezenten) 130 km/h noch zulegen. Allzu rasant sollten Überholmanöver dennoch nicht angegangen werden. Eine Überraschung liefert der Verbrauch: Zwar verspricht Nissan eine Drei vor dem Komma, doch auch unsere 4,6 Liter sind sehr respektabel. Möglich macht es unter anderem ein serienmäßiges Start-Stopp-System.

Der Weg ist das Ziel

Wenig zu beanstanden gibt es am durchaus straffen, aber nicht unkomfortablen Fahrwerk, obwohl hinten nur eine Verbundlenkerachse verbaut wird. Tipp: Nehmen Sie nicht mehr als 17-Zoll-Felgen. Größere Formate spüren fast jede Bodenwelle auf. Kritik gibt es schon eher an der Lenkung, die gerne etwas präziser ansprechen dürfte und der Schaltung. Auf langen Wegen gleitet der Knüppel durch die Gassen, zudem fehlt eine Prise Exaktheit.

Finanziell im Rahmen

Ziemlich exakt sind hingegen die Preise: Sie beginnen bei 19.940 Euro für den kleinsten Benziner und bei 21.890 Euro für den 110-PS-Diesel. Letzterer liegt bis auf den Cent genau auf Augenhöhe mit dem gleich starken Skoda Yeti 2.0 TDI. Beim Nissan Qashqai gibt es aber schon in der Basis eine Klimaanlage, ein CD-Radio und einen Tempomat mit Lenkradfernbedienung. Möchte man den VW Tiguan als 2.0 TDI haben, werden saftige 26.675 Euro fällig. Diese Summe reicht locker, um den Qashqai 1.5 dCi mit der sehr empfehlenswerten Acenta-Ausstattung zu bekommen. Sie lässt kaum Wünsche offen: 17-Zoll-Alus, Parkpiepser vorne und hinten, das Flexi-Board, eine Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Sitzheizung vorne, eine Verkehrszeichenerkennung und eine Spurhalteassistent. Kostenpunkt: 24.850 Euro. Wir würden noch das gute Navi inklusive Rückfahrkamera für 800 Euro ordern, ebenso Metallic-Lack für 550 Euro. Mehr geht auch gar nicht, sodass wir unter dem Strich bei 26.100 Euro landen. Am Preis dürfte der Erfolg des neuen Nissan Qashqai jedenfalls nicht scheitern.

Wertung

Die Chancen stehen gut, dass der neue Nissan Qashqai die Erfolgsgeschichte des Vorgängers fortsetzt, obwohl die Konkurrenz größer geworden ist. Ein modernes, aber nicht übertrieben dynamisches Design und der hervorragende 110-PS-Diesel sind nur zwei Argumente. Hinzu kommt eine reichhaltige Ausstattung zu einem Preis, von dem VW-Kunden nur träumen können. Leider ist das letzte Quäntchen an Assistenzsystemen ebenso wie LED-Scheinwerfer der Topversion vorbehalten. Störfaktoren sind zudem die etwas labberige Schaltung inklusive sehr langer Übersetzung.

.laufruhiger 110-PS-Diesel, viele Assistenzsysteme, sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

.unpräzise Schaltung, kaum Extras einzeln erhältlich

  • Antrieb
    90%
  • Fahrwerk
    80%
  • Karosserie
    85%
  • Kosten
    90%

Probefahrt mit Nissan vereinbaren:

www.nissan.at

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Autor: Weekend Online, 14.07.2014