Wenn die Quarantäne zum Wettbewerb wird

Gerade in Krisenzeiten scheint Instagram einem Wettkampf zu gleichen: Wer macht die meisten Workouts? Wer liest mehr Bücher? Wer lernt eine neue Sprache? Wer bildet sich weiter? Viele nutzen die Heimquarantäne, um etwas Neues zu lernen oder sportliche Ziele zu erreichen – was natürlich nichts Schlechtes ist. Problematisch wird es erst dann, wenn gezeigte Leistungen auf sozialen Plattformen das eigene Selbstwertgefühl schmälern. Denn nicht alle können die freie Zeit dazu nutzen, ihren Interessen nachzugehen. Viele fühlen sich von der Angst, die der Virus ausgelöst hat, gelähmt oder sind ohnehin psychisch belastet. Stories von Home Workouts oder Lernzetteln verschlechtern somit eher das eigene Befinden. Doch woran liegt es eigentlich, dass wir uns selbst in Heimquarantäne diesem Leistungsdruck unterziehen? Und können wir überhaupt noch abschalten?

Dem Stress entziehen

„Über die Sache mit dem Abschalten kann keine allgemeine Aussage getätigt werden. Vielen Menschen fällt es einfacher, sich beim Nachgehen von Hobbys, wie z. B. beim Tanzen, fallen zu lassen. Workaholics haben da schon eher Schwierigkeiten, wobei das nichts mit klassischen Berufsgruppen zu tun hat. Das können auch Studenten oder Mütter sein“, meint die Klinische- & Gesundheitspsychologin Christa Schirl (www.christa-schirl.at). Den Grund für die verstärkte Selbstoptimierung in Zeiten wie diesen, sieht Schirl im klassischen Angstszenario: „Wenn der Körper Gefahr oder Stress verspürt, schütter er Hormone aus, darunter auch Cortisol, welches Energie zur Bekämpfung der Gefahrenquelle liefert.“ Durch den Corona-Virus steht der Körper im Dauerstress – Unruhe, Hektik, ein schlechter Schlaf sind nur einige der vielen Symptome, die in solchen Zeiten auftreten können. Doch die Menschen können handeln, um sich diesem Stress zu entziehen, beispielsweise mit Sport. Das beruhigt nicht nur physisch, sondern auf psychisch.

Die Dosis macht das Gift

Doch was kann dagegen getan werden, um sich selbst diesen starken Druck, etwas zu schaffen oder zu lernen, zu nehmen? Und es generell zu verhindern, den eigenen Selbstwert zu verringern? „Die Dosis macht das Gift“, sagt Schirl. Sich nicht ständig mit Informationen über den Corona-Virus oder Instagram-Stories zu beschallen, hilft dem eigenen Ego und der eigenen Gesundheit. Außerdem ist es wichtig zu wissen, wem man auf Social Media folgt. Schirl: „Der Blick sollte auf das Ganze gerichtet werden, eben auch bei einem Instagram-Profil. Ich sollte mir klarmachen, was dieses Profil zu bieten hat, welche Themen behandelt werden, und was dies in mir auslöst.“ Sind diese ausgelösten Gefühle negativ behaftet, gilt es, die Finger davon zu lassen. Doch gewisse Profile können auch als Inspirationsquelle und als Ansporn dienen, sich selbst zu verbessern. Soziale Medien können also einerseits als Gefahr, andererseits auch als Motivation gesehen werden – es kommt auf den eigenen Umgang an. Und zu guter Letzt meint Schirl, dass es auch eine Plattform für Ängste und Sorgen brauche: „Zweifel und Ängste sind normal und dürfen bzw. sollten auch angesprochen werden. Das kann ein Anruf bei einer Telefonseelsorge, einer Psychologin oder ein Gespräch mit einer vertrauten Person sein.“ Eines sollte jedoch nie außer Acht gelassen werden: Jeder Mensch verarbeitet Ereignisse auf seine Weise. Während die einen, zu Höchstleistungen auflaufen, schaffen andere es schwer aus dem Bett – und beide Bewältigungsstrategien sind vollkommen legitim.

Author: Patrick Deutsch , 10.04.2020