Holz vor der Hütte: Der Wald, das Leben

Im Wald, da sind die Räuber. Wie man in ihn hinein ruft, so schallt's zurück. Und wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht - nun, dann ist man wahrscheinlich nicht in Österreich. Denn hierzulande spielt der Wald eine so ausnehmend bedeutende Rolle im kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben, dass er als unübersehbar gelten darf.

Holzland

Kein Wunder: Annähernd die Hälfte des Landes ist von Wald bedeckt, was umso bemerkenswerte ist, als Österreichs Landschaft ja, wie man weiß, durchaus auch vom alpinen Charakter unserer Geografie geprägt ist. Heißt: Gar nicht so wenig der österreichischen Landfläche liegt über der Baumgrenzen. Was darunter liegt, ist überwiegend bewaldetes Gebiet. Österreich belegt mit seinen vier Millionen Hektar Wald (von 8,4 Millionen Hektar Gesamtfläche) einen Platz im europäischen Spitzenfeld. Nur in Finnland (73%), Schweden (69%) und Slowenien (62%) wächst im Verhältnis zur Gesamtfläche mehr Holz.

Wirtschaftswunder

Das Holz, das in diesem Wald wächst, stellt eine enorme Ressource dar: so enorm, dass fast 300.000 Personen österreichweit in der Wertschöpfungskette von Wald und Holz leben. Die heimische Holzwirtschaft exportiert rund 70% ihrer Erzeugnisse. Der Exportüberschuss der Holzindustrie liegt dabei bei etwas mehr als 3,5 Milliarden Euro, unsere Hauptabnehmer sind Deutschland und Italien. Wald ist der zweitgrößte Devisenbringer Österreichs neben dem Tourismus und erzielt insgesamt einen Produktionswert von 12 Milliarden Euro. 53% des geernteten Holzes gehen in die Sägeindustrie, 18% in die Industrie (Papier/Platte/Zellstoff) und 29% in die energetische Nutzung.

Nachwachsend

Im Gegensatz zu den meisten anderen Rohstoffen wächst Holz immer nach. Zwar benötigt ein einzelner Baum je nach Art Jahrzehnte, bis er "erwachsen" ist, aber österreichische Wälder haben so viele Bäume, dass diese Jahrzehnte statistisch kaum ins Gewicht fallen. Das Holz in unseren Wäldern wächst nämlich so schnell nach, dass man alle 40 Sekunden damit ein Einfamilienhaus bauen könnte. Täglich wäre das Holz für ca. 2.100 Einfamilienhäuser, pro Jahr rund 788.400 Häuser. Dieses schnelle Wachstum ist aber nicht nur Segen, sondern auch ein Problem: Es wächst etwa ein Drittel mehr Wald nach, als verbraucht oder durch Wildverbiss, Borkenkäfer, Windbruch etc. geschädigt wird. Auch hier macht sich die hohe staatliche Abgabenlast und die spezielle Geografie Österreichs bemerkbar: Beides verteuert die Holzbringung, weshalb es manchmal billiger ist, Holz zu importieren, als selbst zu schlagen. Zudem gewinnt der Wald durch Stilllegung landwirtschaftlicher Flächen ebenfalls an Terrain. Während die Erde alleine im Jahr 2016 eine Waldfläche verloren hat, die doppelt so groß wie Portugal ist, hat die Waldfläche in Österreich seit 1961 um 300.000 Hektar zugenommen.

Mythos

Der Wald spielt aber nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht eine enorme Rolle. Unser gesamtes kulturelles Erbe ist geprägt von ihm: Schon immer war "der Wald" ein mythischer Landschaftsbestandteil. In ihm hausten nicht nur die Räuber, sondern auch Wölfe und Bären. Im Wald haben die Hexen ihre Knusperknäuschen und Robin Hood sein Lager. In den Werken der bildenden Kunst ist er ein fast so beliebtes Motiv wie das Gebirge. Zahllose Grimmsche und andere Volksmärchen und Sagen haben den "dunklen Tann" zum Schauplatz. Von Urwald kann hierzulande allerdings kaum mehr die Rede sein: Nur 0,7% der heimischen Wälder sind noch in ihrem natürlichen Zustand.

Experten

Der Rest des Waldes wird als gehegt und gepflegt. Die Waldbesitzer - der überwiegende Teil österreichischer Wälder ist in privatem Besitz - sind gesetzlich dazu verpflichtet; sie delegieren diese Arbeit u.a. an die Jägerschaft. Die ballert - entgegen der landläufigen Meinung - nicht wild in der Gegend herum, sondern sorgt sich um eine Regulierung des Wildbestands, der unreguliert dazu neigt, große Teile land- und forstwirtschaftlicher Nutzfläche zu verwüsten. Berufsjäger und Förster haben zudem eine Auge auf den Baumbestand - sie sind hoch spezialisierte Naturexperten, die sich mit Leib und Seele dem Erhalt und der Pflege des Waldes verschrieben haben.

Alter Adel

145.000 Waldbesitzer gibt es, wobei man wissen muss: Als Wald gilt, was mindestens 500 m2 groß, mindestens 10 m breit und zumindest zu einem Drittel "beschirmt" ist. Wenngleich die Forstwirtschaft eher kleinteilig strukturiert ist, so gibt es doch bemerkenswerten Großgrundbesitz unter den hiesigen Forsteignern. Ein seriöses Ranking nach Grundbesitz existiert zwar nicht, bekannt ist aber, dass neben den Bundesforsten vor allem alter Adel und Organisationseinheiten der katholischen Kirche die größten Besitzer unserer Wälder sind: Die Familie von Mayr-Melnhof besitzt etwa 27.000 Hektar Wald in Oberösterreich, der Steiermark und Salzburg, die Familie von Esterházy nennen 22.000 Hektar ihr Eigen. Gut dabei sind auch die Abkömmlinge aus dem Hause Habsburg-Lothringens, die fast 13.000 Hektar besitzen, die Liechtensteins (12.000 ha) oder die Schwarzenbergs (19.000 ha). Unter den Organisationsformen der katholischen Kirche stehen das Stift Admont mit 16.000 ha, das Zisterzienserstift Lilienfeld in Niederösterreich (11.000 ha), dem Domkapitel Gurk (rund 9.000 ha) und das Stift Klosterneuburg (8.000 ha) ganz oben auf der Liste der Großwaldbesitzer. Bis auf wenige Ausnahmen dürfen Wälder übrigens - anders als andere Nutzflächen oder Grundstücke - von jedermann betreten werden.

Grüne Lunge

Der Wald erfüllt neben dem wirtschaftlichen und kulturhistorischen auch einen zutiefst ökologischen Zweck. Die Bezeichnung "grüne Lunge" kommt nicht von ungefähr: Als Naherholungsgebiet ist der Wald auch deshalb so beliebt, weil man dort spürbar leichter atmet - der Bewuchs wirkt als Filter für Schadstoffe. Darüber hinaus ist Holz an sich ein wesentlicher Speicher für CO2. In nur einem Kubikmeter Holz ist eine Tonne CO2 gebunden - etwa so viel, wie ein Mensch durchschnittlich pro Monat verbraucht. Wald wirkt auch geräuschdämpfend, was den Stresspegel und damit den Blutdruck senkt. Im Sommer kühlt das spezielle Waldinnenklima durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit und den Schatten der Bäume. Und zahlreiche Schutzwälder üben vor allem in lawinengefährdeten Wohn- und Tourismusgebieten eine Funktion aus, die für Sicherheit und Wohlbefinden der Menschen unverzichtbar geworden ist.

Author: Laura Engelmann , 07.07.2020