Zersiedelung stoppen, Ortskerne retten

weekend: Die Kärntner sitzen im Österreichvergleich am meisten im Auto. Wieso?
Christian Gratzer: Mit durchschnittlich 7.935 Kilometern pro Person saßen die KärntnerInnen im Vorjahr tatsächlich am meisten hinter dem Lenkrad. Der Österreichschnitt liegt bei 6.530 Kilometern. Das hat mehrere Ursachen: Zum einen ist der Aufwand, die Alltagsziele zu erreichen, deutlich gestiegen. Früher waren die Orte mit guten Nahversorgern ausgestattet, heute werden die Supermärkte außerhalb gebaut. Die Fahrten können – auch aufgrund fehlender Rad-Infrastruktur – nur mit dem Auto und nicht mehr zu Fuß zurückgelegt werden. Wichtig wird es hier sein, die Zersiedelung zu reduzieren. Weiters haben die Arbeits- und Freizeitwege zugenommen. Zum anderen gibt es einfach einen Mangel an möglichen Alternativen.

weekend: Sprich das öffentliche Verkehrsnetz ist mangelhaft?
Christian Gratzer: Ja. Während andere Bundesländer nämlich bereits Ende der 1990er bzw. Anfang der 2000er Jahre erste Schritte in Richtung Verbesserung des öffentlichen Verkehrs gemacht haben, setzte Kärnten damals noch stark auf den Autoverkehr. Heute zahlt es aber die Rechnung dafür.

weekend: Veränderungen gab es in den vergangenen Jahren aber schon in Kärnten.
Christian Gratzer: Ja, es wurden in den vergangenen Jahren gute Maßnahmen umgesetzt. Wie etwa die Verbesserung des S-Bahn-Angebots, auch die Koralm-Bahn wird große Wirkung zeigen. Außerdem trägt auch das Mobilitätsmanagement verschiedener Unternehmen wie Infineon in Villach und Mahle in Unterkärnten Früchte und die Firmen gelten als Vorbilder. Gerade in Kärnten ist es für Beschäftigte nicht so einfach, ihre Arbeitsplätze zu erreichen. Heuer wurde die Firma Mahle Filtersysteme etwa als Gesamtgewinner mit dem VCÖ-Mobilitätspreis Österreich ausgezeichnet. Die beiden Werke in St. Michael ob Bleiburg haben rund 3.000 Beschäftigte. Der Diesel-Werkbus wurde durch einen Elektrobus ersetzt und in den Linienverkehr integriert, so dass dieser nun auch von der Bevölkerung genutzt werden kann. Die Radverbindungen zum Standort wurden verbessert, mehr Radabstellplätze geschaffen.

weekend: Sechs von zehn Alltagsfahrten sind kürzer als zehn Kilometer. Elektroräder haben hier ihrer Meinung nach großes Potenzial...
Christian Gratzer: Rund 40 Prozent der Autofahrten in periphären Regionen liegen sogar unter fünf Kilometern. Diese Distanzen sind auf jeden Fall mit dem Elektrorad bewältigbar, vor allem weil Dank des Motors selbst Steigungen kein Hindernis mehr sind. Damit würde sich auch folgendes Problem lösen: In mehr als 90 Prozent der Autos sitzt nur eine Person.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic , 28.10.2019