Sehnsucht Sinnsuche: Wie viel Glaube braucht der Mensch?

Society-Priester, City-Missionar und seit zwei Jahrzehnten Dompfarrer von St. Stephan: Toni Faber (57) ist Österreichs prominentester Seelsorger. Wir haben mit ihm über Glaube, Religion und Gottessehnsucht gesprochen.

Weekend: Zur Weihnachtszeit strömen viele Ausgetretene in die Kirche. Warum feiern Atheisten und Agnostiker religiöse Feste wie Weihnachten?

Toni Faber: Wir bieten ein Fahrzeug an, das bei allen Menschen – Atheist, Agnostiker oder Gläubiger – die Sehnsucht nach gelingendem Leben bedient. Sie steigen in unseren Bus zu, fahren ein paar Stationen mit uns und steigen dann wieder aus. Sie schätzen diese kleine spirituelle Reise, diese spirituelle Seelenmassage. Viele, die ausgetreten sind, nützen den Advent als eine Zeit, um dem näherzukommen, was wir das Unfassbare nennen. Ich bin herzlich bereit, diese Nähe zu fördern. ­Jeder Mensch ist rettungslos gottessehnsüchtig.

Weekend: Mit Gottessehnsucht meinen Sie ein klassisches Gottesbild?

Toni Faber: Nein, das meine ich größer – die Sehnsucht nach Ankommen, nach Geborgenheit. "Woher komme ich, wohin gehe ich, was gibt meinem Leben Sinn?" Diesen Fragen kann niemand ausweichen. Ich glaube an die Existenz, oder an die Nichtexistenz Gottes. Alle sind wir Gläubige.

Weekend: Wir Menschen sind gezwungen, zu glauben?

Toni Faber: Du bist in deinem Leben immer darauf angewiesen: Du glaubst, dass die Straßenbahn kommt. Du glaubst daran, dass deine Eltern für dich sorgen. Dass der Lichtschalter funktioniert. Wir sind in tausendfacher Hinsicht Gläubige.

Weekend: Glaube ist unausweichlich – wie unausweichlich ist Religion?

Toni Faber: Die Religionen sind Anbieter am spirituellen Marktplatz. Wir sind heute nicht mehr die alleinseligmachende Wirklichkeit, garantiert nicht.

Weekend: Gottessehnsucht ließe sich außerhalb stillen?

Toni Faber: Hundertprozentig! Ich kenne aufrichtige Gläubige, die nicht Mitglied der katholischen Kirche sind. Als Pfarrer vom Stephansdom nehme ich mir heraus, dass ich nicht nur für die "katholischen Supergläubigen" zuständig bin, sondern auch für die vielen, die sich von der Kirche verabschiedet haben. Die zweitgrößte gläubige Konfession in Wien sind nicht die Muslime, sondern die Ausgetretenen. Sie abzuholen ist mein Geschäft.

Weekend: Sie bezeichnen sich ja selbst auch als City-Missionar.

Toni Faber: Das ist meine liebste Bezeichnung! Ich versuche, in Interviews, in Segnungen von Geschäften oder auch bei Veranstaltungen da zu sein. Ich will die Sehnsucht ansprechen und wachhalten: Du musst nicht stromlinienförmig, hundertprozentig katholisch sein, um Teil der Kirche zu sein.

Weekend: Wie hat sich der Glaube in Österreich verändert?

Toni Faber: Er ist individueller geworden. Kaum mehr jemand sagt, dass er am Sonntag in die Kirche geht. Die Kirche muss sich spirituell und biografisch viel stärker beweisen: Dass du mit Tod und Leben, mit Neuanfang und Scheitern besser umgehen kannst. Sie macht krisenfester, gelassener, optimistischer. Katholisch zu sein bedeutet aber nicht, jeder Krise auszuweichen – ich bekreuzige mich und habe keine Probleme. Das spielt’s nicht.

Weekend: Mit Katholizismus verbindet man oft eher Sünde und Buße, bei Ihnen grenzenlose Liebe und Vergebung.

Toni Faber: Ich brauche nur die Nachrichten aufdrehen und sehe eine verletzte Menschheit – Menschen, die sich grausam Wölfe sind. Darauf kann es nur eine Antwort geben: nicht Bestrafung und Verdammnis, sondern grenzenloses Erbarmen und Vergebungsbereitschaft.

Weekend: Liegt das auch am schwindenden Glauben?

Toni Faber: Ja. Wir sind in einer Situation, in der Glauben immer weniger alltäglich, immer weniger modern wird. Aber Leben ohne Glauben und ohne Vertrauen funktioniert nicht.

Weekend: Wie viel muss man aktiv zum Glauben tun?

Toni Faber: Der wichtigste Glaubensschritt ist zuzulassen, dass man dich beschenkt, und zu sagen: "Lieber Gott, mein Leben ist ein riesengroßes Geschenk. Danke." Aus Dankbarkeit wächst ethisches, spirituelles und religiöses Handeln. Wenn ich so reich beschenkt bin, warum geht es dem armen Hund neben mir so schlecht? Wenn ich keine Sorgen habe, habe ich dann nicht auch die verdammte Pflicht, für ihn etwas zu tun?

Weekend: Glaube bleibt nie bei einem selbst?

Toni Faber: Nie. Auch nicht als Einsiedler. Ich habe mich kürzlich einige Tage ins Kloster zurückgezogen, um Kraft zu schöpfen für die Adventszeit und um Menschen diese Berührung Gottes, die ich erfahren habe, weiterzugeben.

Weekend: Das klingt nach diesem modernen Schlagwort der Selbstfürsorge.

Toni Faber: Absolut. Wir sagen: "Liebe Gott wie deinen Nächsten, wie dich selbst." Christen, die auf ihre Selbstliebe und auf ihre Fürsorge vergessen, sind keine guten Christen. Ich brauche mich nicht zu verwöhnen, ich brauche mich nicht egoistisch einzulullen; aber ich muss mich selbst lieben können. Christliche Liebe ist immer nur lebbar, wenn ich mich so liebe, wie ich bin, weil Gott mich so liebt.

Weekend: Wie erleben Sie andere Religionen in Österreich?

Toni Faber: Jeder aufrichtig muslimisch Gläubige der fasten kann, der teilen kann, Almosen gibt, mit Armen teilt – faszinierend! Da haben wir ein ganz ähnliches Programm. Jeder, der nach seiner Lehre Gutes tut, ist mir hoch angesehen und hoch wertvoll. Fanatiker machen mir in jeder Religion Angst – in der muslimischen Religion wie im christlichen Glauben.

Weekend: Kann man falsch glauben?

Toni Faber: Falsch zu glauben heißt, gegen das eigene Gewissen zu handeln. Es gibt so viele Glaubenswege wie Menschen. Früher hieß es: "Das muss genau so sein! Wenn nicht, liegst du falsch!" Das würde ich niemandem so zusprechen. Niemand von der Kirche kann dir deinen Weg abnehmen, keinen Schritt. Die Glaubensgemeinschaften können ein Geländer anbieten, aber gehen musst du den Weg selbst.

4 auffällige Trends

  1. Publikumsliebling Weihnachtsmesse: Zu Weihnachten ziehen Glauben, Tradition und Gemeinschaftsgefühl bekennende Christen und Nichtkirchenmitglieder gleichermaßen in die Christmette. Etwa 5.000 Menschen besuchen zu diesem Anlass allein den Stephansdom.
  2. Ersatzreligion Lifestyle: Für viele ist die Kirche aus der Mode gekommen. Stattdessen erheben sie ihre Lebenseinstellung mit religiösem Eifer zum Kultus - seien es Nachhaltigkeit, Veganismus, der Lieblings-Fußballclub oder Yoga. Dahinter stecken tiefere Bedürfnisse: der Wunsch nach Zugehörigkeit, Sinnstiftung und bleibenden Werten.
  3. Glaube im Wandel: Österreich geht in Glaubensfragen heute eher esoterische denn religiöse Wege. 72 Prozent glauben an gutes Karma, 60 Prozent an Gedankenübertragung und 45 Prozent an Wünschelruten. Bei klassischen christlichen Themen nehmen die Zahlen ab: 39 Prozent glauben an einen allmächtigen Gott, 15 Prozent a den Papst als Stellvertreter Gottes und acht Prozent an die katholische Kirche.
  4. Christentum in Österreich: In den letzten 15 Jahren sank der Anteil der Katholiken von 75 auf knapp 64 Prozent. Am stärksten wächst die Gruppe der Konfessionslosen. City-Missionar Faber: "Sie abzuholen ist mein Geschäft." Er fordert die Modernisierung und Öffnung der Kirche.
Autor: Ute Daniela Rossbacher , 06.07.2020