Sex in Zeiten von Corona: Herausforderung und Chance

Sie erinnern in Ihrem Buch „Aufrichten!“ daran, nicht das Sprichwort „man soll den Teufel nicht an die Wand malen“ zu verwenden, sondern lieber einen Engel zu malen." Welches Werkzeug brauche ich dafür?

Ich brauche geistige Bilder – Bilder, die mir helfen für jede Situation die Engel-Sehweise zu entwickeln. Ein Beispiel: Denken Sie an eine Filmszene. Ein Pokerspiel. Einer ärgert sich, wirft den Tisch um, tobt – das wäre der Teufel. Aufzustehen und zu sagen, ich habe den Verdacht ihr betrügt mich, und entspannt von dannen zu ziehen, wäre der Engel. Gerade jetzt, in Zeiten von Covid-19, ist es wichtig, nicht diabolisch Zwietracht zu sähen, sondern die Engelsform zu benützen.

Heißt das derzeit zum Beispiel kuscheln statt streiten?

Es besteht die Möglichkeit, dass manche Menschen aus einer psychischen Notlage heraus besonders viel kuscheln wollen und dem Anderen damit auf die Nerven gehen oder Sex haben wollen, weil sie wissen, wenn ich Sex habe, bin ich entspannt und es geht mir gut. Ich finde es wichtig, den Menschen zu sagen, dass sie sich daran erinnern sollen, wie ihre Beziehung in der Zeit war als sie sich angebahnt hat, was sie damals gespürt haben. Das aktiviert Erinnerungsspuren - ein Chance, damit Sex wieder mehr wird als ein Dahinschludern zwischen zwei Halbzeiten eines Fußballspieles.

Haben Sie einen konkreten Tipp für die Menschen daheim?

Ja, lest Bücher über Tantra, Partnermassage, übt ein bisschen. Ja, manchmal wird es floppen, aber jetzt habt ihr Zeit. Und ja, man kann den Kindern auch in einer kleinen Wohnung sagen, jetzt brauchen wir Zeit für uns, sonst werden wir grantig aufeinander, hört euch Märchenkassetten an und lasst uns eine Stunde in Ruhe.

Und wenn ich getrennt von meiner Liebsten, meinem Liebsten bin?

Aber es gibt ja auch eine Dimension in der Sexualität, wo man keine körperliche Nähe braucht, wo rein auf der Energieebene Sexualität ausgetauscht wird – und man genauso einen Orgasmus haben kann. Das kann man in meinem Buch „Lieben!“ nachlesen.

Sie zitieren in „Aufrichten“ aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke. Wo nehmen Sie die Zeit dafür her, auch noch Gedichte zu lesen? Arbeiten Sie eigentlich immer?

Natürlich arbeite ich immer. Ich gehöre zur Berufsgruppe, zu der auch Landwirte gehöre, mir fällt immer etwas auf. Außerdem besitze ich eine fundierte Basis. Ich bin ein doppeltes Lehrerkind, meine Mutter war Lehrerin und ausgebildete Konzertpianistin, mein Vater Germanist und Anglist. Er hat 27 Sprachen gesprochen. Wir hatten keinen Fernsehapparat, mein Vater hat uns vorgelesen, vom Blatt weg übersetzt – keine Wunder, dass ich heute so viele Bücher habe, so zwischen 30. und 40.000 Bücher.

"Aufrichten!" ist im Verlag Kremayr&Scheriau erschienen. Der Verlag postet derzeit auf Instagram kurze Videos seiner AutorInnen - statt der abgesagten Lesungen.

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Autor: Andrea Schröder , 06.07.2020