Neuer Trend: Die Sehnsucht nach der Sehnsucht

Herzrasen, Schmetterlinge im Bauch, überglücklich, zu Tode betrübt - und alles gleichzeitig. Das Wissen, dass das Begehrte nicht greifbar ist, lässt den Sehnsüchtigen durch Himmel und Hölle gehen. Und dennoch kann der Mensch nicht aufhören sich nach dem Unerreichbaren zu verzehren.

Das perfekte Leben

Ob sich die Sehnsüchte in den letzten 50 Jahren grundlegend verändert haben, ist nicht erforscht. Soziologen orten derzeit eine verstärkte Sehnsucht nach Entschleunigung, Spiritualität und dem einfachen Leben - als Gegenbewegung zu Überfluss und Komplexität unserer Zeit. Yoga, Wellness, Esoterik, Lust am Wandern und der Bio-Boom sind Ausdruck dieses Wunsches nach weniger statt mehr. Doch die grundsätzlichen Sehnsüchte nach Liebe und Verständnis dürften zeitlos sein. "Sehnsüchte sind Ideale und keine realistischen Wünsche oder Ziele. Sie sind - im Gegensatz zu Zielen - emotional sowohl positiv als auch negativ, nämlich bittersüß", sagt Alexandra Freund, Psychologieprofessorin an der Universität Zürich, die zu der weltweit kleinen Schar an Sehnsuchtsforschern zählt. Das Gefühl Sehnsucht umfasst Gedanken und Gefühle zum idealen Leben. Das Verlangen nach dem Ort, dem bestimmten Menschen, der Vergangenheit oder der erträumten Lebensweise geht einher mit der Gewissheit es nicht zu erreichen. Doch warum verzehren wir uns nach dem Utopischen? Obwohl die Sehnsucht wohl so alt ist wie die Menschheit, ist die Sehnsuchtsforschung ein sehr junges Feld. Denn dieses hochkomplexe und individuelle Gefühl in harte Zahlen und Fakten zu gießen, ist unmöglich. Mittels Befragungen und Interviews versuchen die Forscher mehr über Wurzel und Sinn des Sehens zu erfahren.

Sehnsucht im Wandel

Es sind in erster Linie die Grundmotive des Lebens wie Freundschaft, Liebe, Verstandenwerden und Erfüllung, die begehrt werden und weniger materielle Wünsche wie Geld, schnelle Autos oder der Traumurlaub. Diese Dinge stehen oft nur als Symbole für das ersehnte Lebenskonzept, das sich jedoch mit zunehmendem Alter wandelt. Im Laufe des Lebens wird so manches konkrete Ziel durch sein Nichterreichen zur Sehnsucht. So wird eine erfüllte Liebesbeziehung in jungen Jahren als realistisches Ziel ins Auge gefasst. Gelingt dies nicht, beginnt die Sehnsucht. Das spiegelt sich auch in den Befragungen wider. Denn erst ab dem mittleren Alter nennen Menschen die ideale Partnerschaft als Sehnsucht. Auch im Berufsleben zeigt sich ein altersspezifischer Wandel, wie die Sehnsuchtsforscherin Susanne Scheibe in 1.000 Interviews herausgefunden hat. Scheint in jungen Jahren der Karriereaufstieg "einen Doktortitel erwerben und Chef einer Firma werden" als erstrebenswert, bezeichnen ältere Semester, die dies womöglich erreicht haben, "Künstler werden, ein Buch schreiben" als utopische Wünsche. Ähnlich verhält es sich mit dem Kinderwunsch bei Frauen. Je unerreichbarer ein Kind scheint, desto stärker wird die Sehnsucht danach. Kinder kennen übrigens keine Sehnsucht. Ihnen fehlt die Erkenntnis, nicht alles erreichen zu können. Erst ab dem 15. Lebensjahr entwickeln wir Sehnsüchte.

Geschäft mit der Sehnsucht

Das "innig-schmerzliche Verlangen" ist auch seit jeher Triebfeder für künstlerisches Schaffen. Ob "Die Leiden des jungen Werther" von Goethe, "Die Blaue Blume" von Novalis oder Richard Wagners Sehnsuchtsmotiv in "Tristan und Isolde" - ohne die Sehnsucht wären viele Bücher, Musikstücke, Bilder und Filme nicht entstanden - und zu Erfolgen geworden. Dass die Menschen die Sehnsucht regelrecht suchen, haben sich auch ganze Industriezweige zunutze gemacht. Telenovelas und Seifenopern zielen ebenso wie die Werbung auf die Wünsche nach der wahren Liebe, grenzenloser Freiheit oder ewiger Jugend ab - fernab jeglicher Realität. Ein Spitzenreiter der "Sehnsuchtsindustrie" ist der Liebesroman-Verlag "Cora". Seit 1973 produzieren 1.500 Autoren fließbandartig Herz-Schmerz-Literatur mit Happy-End-Garantie. 15 Millionen Exemplare der beliebten Reihen wie "Baccara" oder "Julia" werden im deutschsprachigen Raum pro Jahr verkauft. Auf ein beachtliches Umsatzvolumen von rund 160 Millionen Euro pro Jahr kommt die Sparte Schlagermusik in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Klassische Sehnsüchte nährt seit 1987 die US-amerikanische Seifenoper "Reich und Schön". Mit mehr als 6.400 Folgen und 300 Millionen Zuschauern aus über 130 Ländern gilt die Endlosserie als erfolgreichste Soap der Welt. Der Inhalt ist einfach wie genial: Lieben und Leiden der Reichen und Schönen. Am Wunsch nach der großen Liebe naschen auch Online-Partner-Agenturen kräfitg mit. Umfragen zu folge sucht bereits jeder zweite Single sein Glück im Internet.

Privates Utopia

Sofern die utopischen Wünsche nicht ausarten, und der verzweifelte Verliebte zum Stalker wird, tut Sehnsucht auch niemandem weh. "Negative Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden - allerdings nicht im pathologischen Bereich - haben Sehnsüchte unserer Forschung nach nur dann, wenn die Sehnsuchtserfahrung als unkontrollierbar empfunden wird", sagt Alexandra Freund. Nämlich dann, wenn man dabei das wahre Leben verpasst. Sehnsucht zu verspüren, bedeutet nicht unglücklich zu sein. Die beiden Merkmale der Sehnsucht - die unerreichbare persönliche Utopie und die erlebte Unvollständigkeit - werden im Gegensatz zur grauen Hoffnungslosigkeit in der Depression von den Befragten als "glitzernd" beschrieben. "Sehnsüchte können auch dabei helfen, unwiederbringliche Verluste in die Gegenwart zu integrieren", sagt Alexandra Freund. So kann beispielsweise die Sehnsucht nach einem verstorbenen Lebenspartner dazu führen, dass diese auch jetzt in meinem Leben noch Platz hat. Und im Gegensatz zu erreichbaren Zielen, hat die Sehnsucht einen entscheidenden Vorteil: Der Realisierungsdruck fällt weg - ebenso wie Erkenntnis und Enttäuschung, dass die Wirklichkeit nie so schön ist wie die idealisierte Vorstellung davon.

Autor: Laura Engelmann, 28.04.2017