Wie Roboter unser Leben verändern

Sowohl der ehemalige Präsidentschaftskandidat Andreas Khol als auch Ex-Grünen-Chefin Eva Glawischnig haben sich für eine Untergrenze des persönlichen Einkommens stark gemacht - Khol wünschte sich für jeden Arbeitnehmer mindestens 2.400 Euro netto, Glawischnig wollte es ein wenig billiger geben: Zumindest 1.700 Euro Mindestlohn sollten jedem ausbezahlt werden, der Arbeit habe. Einen Schritt weiter gingen die Schweizer, diese stimmten im Juni letzten Jahres über ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von etwa 2.500 Franken ab - dieses wurde jedoch von der Mehrheit abgelehnt. Bedingungslos heißt: Auch wer keine Arbeit hat oder keinen besonderen Nachweis für Bedürftigkeit erbringen kann, erhält das Geld.

Robotersteuer

Andernorts wird über ein ganz anderes Phänomen nachgedacht: Oxford-Ökonomen untersuchten anhand des US-Arbeitsmarktes 702 unterschiedliche Berufe daraufhin, wie wahrscheinlich ihre Tätigkeiten durch Maschinen ersetzt werden können. Auch das Beratungsunternehmen McKinsey hat sich mit diesem Thema ausführlich beschäftigt. Beide kommen zum gleichen Schluss: Auch Arbeitsplätze hoch qualifizierter Fachkräfte seien extrem gefährdet. McKinsey rechnet mit bis zu 140 Millionen "Kopfarbeiter-Jobs", die bis 2025 verloren gehen werden. Das wirft die Frage auf: Wenn in absehbarer Zukunft immer mehr Menschen arbeitslos sein werden, weil Roboter und digitale Dienste ihre Arbeiten übernehmen können - wer zahlt dann die Steuern dieser Arbeitnehmer? Schon jetzt übernehmen Roboter und Computer Aufgaben, die bis vor Kurzem noch zwingend menschliches Personal erforderten. Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten maschineller Arbeitskraft reicht vom klassischen Fließband in der industriellen Produktion bis zum Roboterjournalismus, bei dem Sportergebnisse in vorgefertigte Textschablonen einfließen.

Mittelausfall

Setzt sich dieser Trend fort - und viel spricht dafür - hat nicht nur das durch Steuern finanzierte Sozialsystem ein veritables Problem. In einem Land wie Österreich, in dem Vollbeschäftigung eines der obersten politischen Ziele ist, die Arbeitslosenquote bereits jetzt 10 Prozent erreicht und 1,3 Millionen Menschen armutsgefährdet sind, ist diese Vision ein Albtraum.

Vollbeschäftigung ade

Was aber wäre, wenn nur mehr arbeiten müsste, wer arbeiten will? In absehbarer Zeit wird man sich dank Industrie 4.0 so weit wie nie vom Ziel der Vollbeschäftigung weg entwickelt haben, so eine These. Weite Teile der Bevölkerung würden schlicht nichts mehr zu tun haben. Irgendwann also werde Arbeitslosigkeit nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein. (Erzwungenes) Nichtstun wäre dann nicht mehr mit einem Stigma behaftet, sondern common sense. Die neuen Arbeitslosen wären auf eine Mindestsicherung angewiesen, die nur durch eine Steuer auf Maschinenarbeit finanziert werden kann.

Work-Life-Balance

Unabhängig davon verdichten sich mehr als 30 Jahre später die Hinweise, dass der Tausch Geld gegen Freizeit ein Konzept zu sein scheint, mit dem man rechnen muss. "New Work" ist ein Zauberwort, das nicht nur mehr Freizeit sondern auch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Unabhängigkeit von einem Arbeitsplatz verheißt. Bereits jetzt gibt es in verschiedenen Branchen ein Modell, das es ermöglicht, auf Lohnerhöhungen zugunsten von mehr Freizeit zu verzichten. Wer etwa in der Elektronikindustrie auf die kollektiv-vertraglich vereinbarte Lohnerhöhung von 2% verzichtet, wurde mit einer extra Urlaubswoche belohnt. Diese Freizeitoption erfreut sich wachsender Beliebtheit. Trotz solcher Konzepte wird ein bedingungsloses Grundeinkommen von immer mehr Menschen als alternativlos gesehen.

Win-Win-Situation

Von ebenso vielen Menschen wird das Modell allerdings abgelehnt. "Letztlich eine Philosophiefrage: Will man das schaffen oder will man das nicht schaffen? Wenn man es schafft, senkt man den Anreiz zum Arbeiten. Das ist klar. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass Mensch ein persönliches Animo hat, sich in irgendeiner Form von Arbeit zu engagieren. Sei das entgeltlich oder unentgeltlich", erklärt Clemens Zierler, Geschäftsführer vom Institut für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz. Prognosen über durch die Industrie 4.0 bedingten Veränderungen in der Arbeitswelt hält der Experte übrigens für Kaffeesudlesen. Studien, die die baldige Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Roboter vorhersagen, hält er entgegen: "Fragt man Unternehmer nach verschiedenen Änderungen und den Möglichkeiten der Industrie 4.0, dann sagen die alle: Ja, ist ohnehin schon Bestandteil unserer Planungen, ja, tun wir. Aber das ist keine Revolution und das verändert sich auch nicht von heute auf morgen. Stellen Sie sich bitte einen Betrieb vor, der gewaltige Investitionen in seine Anlagen getätigt hat. Da gibt´s Betriebe, deren Anlagen sind 30 Jahre und älter. Wie soll man diese Anlagen denn plötzlich durch komplett andere Systeme ersetzen? Das ist schlichtweg nicht rentabel." Ohnehin sagen anderen Theorien Gegenteiliges: Alleine in Deutschland, so schätzen Experten, werde die Anzahl an erwerbsfähigen Menschen bis 2025 um bis zu 6,5 Mio. Personen zurückgehen. Durch diese Entwicklung nähere man sich immer mehr der Vollbeschäftigung, in der sich die meisten der hoch qualifizierten sogenannten Wissensarbeiter ihren Arbeitgeber aussuchen können.

Entsetzlich ersetzlich

Die Frage, womit sich die Hunderttausenden niedrigqualifizierten Arbeitskräfte beschäftigen werden, bleibt indes unbeantwortet. Jedenfalls brauche man sich vor den Entwicklungen nicht allzu sehr fürchten, ist Arbeitsweltexperte Clemens Zierler überzeugt. "Es wird sich alles verändern, aber wir werden das aus meiner Sicht alles schaffen. Wir müssen natürlich antizipieren und schauen, was können wir tun? Denn die Notwendigkeit, sich darauf vorzubereiten, die ist ja unbestritten. Es stellt sich immer die Frage: Was macht man mit einer Technologie? Nutzt man sie, um den Menschen zu unterstützen und seine Fähigkeiten zu fördern? Oder nutzt man Industrie 4.0, um den Menschen in ein System zu zwingen, in dem er eigentlich nur mehr Ausführungsroboter ist? Will man dieses Spezialisierungsszenario, reduziert man in einem Automatisierungsszenario die negativen Einflüsse des Menschlichen auf ein möglichst geringes Maß? Diese Entscheidungen treffen Betriebe mit jeder einzelnen Entscheidung über den Einsatz neuer Technologien. Wir alle treffen sie dadurch, dass wir vorgeben, wie wir unsere jungen Menschen ausbilden und bilden. Es ist aber auch eine Entscheidung der Politik, was wir ermöglichen und welche Entwicklungen wir fördern."

Autor: Laura Engelmann , 07.07.2020