Pizzera im Interview: "Wusste nicht, warum ich traurig bin"

Weekend: Corona bestimmt seit Monaten unser Leben. Wird das Virus auch Thema im Kabarett werden oder ist es dafür zu ernst?

Paul Pizzera: Ich denke, Corona wird unweigerlich Einzug in der Kunst finden, weil es einfach etwas mit uns allen gemacht hat. Es ist eine Zäsur, ob positiv oder negativ. Wir haben eine unheimliche Wagenladung Gegenwart geschenkt bekommen.

Weekend: Du arbeitest an deinem dritten Album. Wird Corona thematisiert?

Paul Pizzera: Man wird das Wort Corona nicht explizit hören, aber die Krankheit hat sich natürlich auf unsere Psyche und unser Verarbeiten ausgewirkt und somit hat es auch meine Arbeit beeinflusst.

Weekend: Was hat es mit dir ganz persönlich gemacht?

Paul Pizzera: Mir wurde wieder bewusst, wie wichtig soziale Kontakte sind. Einer meiner Bekannten war die ganze Corona-Zeit alleine. Wir haben oft telefoniert und da habe ich gemerkt, dass er immer weniger gut drauf war. Ich mag gar nicht daran denken, wie sich Menschen in Altersheimen gefühlt haben. Durch die ganzen Maßnahmen, die sicher richtig waren, ist für viele von uns ein riesiger Kollateralschaden entstanden.

Weekend: Du bist also mit dem Krisenmanagement der Regierung zufrieden?

Paul Pizzera: Obwohl ich kein Kurz-Fan bin, habe ich zu Beginn das Auftreten der Regierung total souverän empfunden. Dann war diese Geschichte mit Ostern, wo man dann im Nachhinein gesagt hat, ihr hättet eh alles machen können. Mit dem Auftritt des Kanzlers im Kleinwalsertal ist es dann endgültig zu einem Vertrauensverlust gekommen.

Weekend: Gerade die Kulturschaffenden fühlen sich von der Regierung verraten. Du auch?

Paul Pizzera: Die Kultur hat halt leider nicht die Lobby der Wirtschaft. Was mich ärgert, ist, dass Politiker bei jedem kulturellen Sauaustreiben dabei sind und immer über die Kulturnation der Dichter und Denker philosophieren. Wenn es aber darauf ankommt, fehlt das Feuer, der Kultur wirklich helfen zu wollen. Ich hoffe, dass sich das mit der neuen Staatssekretärin ändert.

Weekend: Wie hat sich das Auftrittsverbot für dich persönlich ausgewirkt?

Paul Pizzera: Finanziell ist es nicht so das Problem. Bei uns ist es in den letzten Jahren wirklich gut gelaufen. Aber die Bühne hat mir schon gefehlt. Ich brauche diesen speziellen Kick und die Bestätigung, dass mich andere Leute gut finden. Das ist die Wahrheit. Jeder lügt, der sagt, er mache das nur für sich selber.

Weekend: Das klingt, als hätten alle Künstler eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Paul Pizzera: (lacht) In gewissem Sinne definitiv. Psychische Probleme haben sowieso sehr viele Menschen. Mir sind jene suspekt, die immer betonen, dass bei ihnen alles passt. Im Showbusiness hat halt jeder ein riesen Ego.

Weekend: Das klingt, als hättest du Erfahrung auf diesem Gebiet?

Paul Pizzera: Ich war selbst schon in psychologischer Behandlung, weil ich mich einfach nicht mehr wohl gefühlt habe. Man muss sich vorstellen: du spielst am Donauinselfest vor 120.000 Leuten und drei Tage später stehst du in deiner Wohnung und räumst den Geschirrspüler aus. Du fragst dich zwangsläufig, ob du auch ohne Bühne etwas wert bist. Und dann muss man sich von jemandem helfen lassen. Ich wusste nicht, warum ich traurig bin, es lief eigentlich alles super. Was ich daraus gelernt habe: Wer Knieschmerzen hat, geht zum Arzt, wem die Seele weh tut, sollte zum Psychologen gehen. Ich thematisiere das übrigens in einem Buch, an dem ich gerade arbeite. Der Titel lautet „Der hippokratische Neid“.

Weekend: Was dürfen sich deine Fans außer diesem Buch in nächster Zeit erwarten?

Paul Pizzera: Wie gesagt, die dritte CD ist in Arbeit, wird aber wohl erst nächstes Jahr herauskommen. Dann sind natürlich ganz viele Konzerte nachzuholen. Außerdem arbeite ich an ein paar englischen Liedtexten. Das wird ein spannendes Experiment, weil uns ja viele Leute auf den Dialekt reduzieren.

Um das Warten erträglicher zu machen, haben wir hier nochmal "HC Pizzera" und das Entweder-Oder-Spiel für euch!

Autor: Teresa Frank, 28.08.2020