Krieg am Gartenzaun: Die höllischen Nachbarn

Es sind - nüchtern betrachtet - meist Lappalien, die einen Krieg am Gartenzaun auslösen. Streitereien wegen Grundstücksgrenzen - da geht es meist um ein paar Zentimeter, lärmende Kinder, bellende Hunde, quakende Frösche, lüstern aussehende Gartenzwerge, üble Gerüchte. Nichts, was vernunftbegabte Menschen nicht bei einem Glas Wein ausreden könnten. Glaubt man. Gernot Murko, Präsident der Rechtsanwaltskammer Kärnten: "Nachbarschaftsstreitigkeiten machen einen erklecklichen Teil der Arbeit von Rechtsanwälten aus." Ob in städtichen Wohnanlagen, idyllischen Reihenhaussiedlungen oder im ländlichen Raum: Gestritten wird überall, manchmal bis aufs Blut.

Skurrilitäten

Peter Resetarits, Moderator der ORF-Sendung "Am Schauplatz Gericht", bekommt jedes Jahr Tausende Beschwerden auf den Tisch. "Rund 15 bis 20 Prozent davon haben Nachbarschaftsstreitigkeiten zum Thema", erzählt er. Als die Sendung vor 15 Jahren startete und er über einen Streit unter Nachbarn berichtete, konnte er sich nicht annähernd vorstellen, wie oft und nachhaltig ihn dieses Thema begleiten sollte. "Da gibt es Verfahren wegen zu lautstarken Übens am Klavier oder Menschen, die in ihrer Wohnung 250 Vögel halten, die den ganzen Tag schreien und damit die Nachbarn zur Weißglut bringen." Er erinnert sich auch an einen Fall, in dem das zu laute Quaken von Fröschen in einem Biotop vor Gericht kam. Diese Klage wurde allerdings abgewiesen. Nicht zu selten passiert es auch, dass verfeindete Nachbarn sich hinter der Hecke verstecken und den verhassten Nachbarn mit verstellter Stimme stundenlang beschimpfen. Auch der Wiener Anwalt Franz Galla erinnert sich an eine andere kuriose Story: "Dabei ging es um die zu grelle Farbe eines Hauses. Der Kläger brachte ein Gutachten bei, dass die Fassadenfarbe (!) des Nachbarhauses seine Gesundheit beeinträchtige. Wegen besonderer Umstände musste der Beklagte dann tatsächlich sein Haus in einer anderen Farbe streichen."

Mord und Totschlag

Ein extremer Fall ereignete sich etwa vor einigen Jahren in Linz-Urfahr: Nach einem Streit, bei dem es um den Bau einer Garage ging, verklagte Herr K. seinen Nachbarn wegen Ehrenbeleidigung. Die Verhandlung endete mit einem Freispruch. K. sprang darauf mit den Worten "Was ist das für eine Gerechtigkeit" auf, zog eine Pistole und erschoss fünf Menschen und verletzte zwei schwer. Nach einer Alarmfahndung wurde der Täter im Haus eines Bekannten tot aufgefunden. Der 63-Jährige hatte sich selbst erschossen. Ein anderer Fall mit letalem Ausgang ereignete sich im Waldviertel: Hierbei ging es um ein kleines Stück Garten von 20 Zentimetern Breite. Der Streit eskalierte, ein Nachbar erschlug den anderen mit einem Schalleisen und beging daraufhin in U-Haft Selbstmord. Unvorstellbar: Die beiden Witwen stritten weiter.

Uneinsichtig

Streitigkeiten unter Nachbarn sind meist höchst emotional. Lappalien werden oft auf einer kränkenden Ebene ausgetragen, irgendwann geht es dann nicht mehr um Interessen und Bedürfnisse, sondern um die Positionen, die (partout) verteidigt werden muss. Resetarits bringt es auf den Punkt: "Die kämpfen oft wegen nichts. Da geht es um 200 bis 300 Euro, die Prozesskosten aber machen ein Vielfaches des Streitwerts aus." Andrea Lederer-Rothe, Mediatorin aus Klagenfurt, kann das nur bestätigen: "Wir sind oft mit solchen Streitigkeiten konfrontiert. Oft ist die Situation schon so verfahren, dass nicht einmal mehr Mediation hilft." Da werden die Nachbarn dann mittels Videokamera überwacht, es werden Pflanzen und Haustiere vergiftet. Lederer-Rothe rät dringend dazu, Konflikte bereits im Anfangsstadium zu bearbeiten, da sind die Chancen auf eine gültige Einigung noch am größten. "Eigentlich möchte sich doch jeder in den eigenen vier Wänden wohlfühlen", sagt sie, "unter einer dermaßen belastenden Spannung leiden alle Beteiligten, auch wenn sich jeder persönlich im Recht fühlt." Das kann dann sogar so weit führen, dass der Streit auch die Psyche der Betroffenen angreift.

Unnötige Prozesse

"Viele vor Gericht ausgetragene Kämpfe zwischen Nachbarn ziehen sich bis zum Sankt Nimmerleins-Tag", resümiert Peter Resetarits. "Wer seinen Nachbarn wirklich hasst, wird immer wieder einen Grund finden, selbigen anzuzeigen." Auch Gernot Murko weiß. dass Urteile in vielen Fällen keine nachhaltige Lösung des Konflikts bringen. "Kaum jemand ist so schwer zu versöhnen, wie zerstrittene Nachbarn", weiß Peter Resetarits. Grund genug, jeden Streit beziehungsweise Kleinkrieg mit dem Typen oder der Typin von nebenan im Vorfeld ganz genau abzuwägen.

Author: Laura Engelmann , 07.07.2020