Mirelas Familien-Blog: Keine Quality-Time

Ja, es könnte schlimmer sein. Es gibt unzählige Kinder, die nicht frei leben, denen bei jedem Schritt aus dem Haus (sofern eines überhaupt vorhanden ist) Bomben, Raketen und Projektile um die Ohren fliegen. Ich war so eines, im Jahr 1992 als in meinem Herkunftsland der Krieg ausbrach. Als wir angezogen schlafen mussten, weil wir ja nicht wissen konnten, ob es nachts zu brenzligen Situationen kommen würde und wir unser Zuhause in der Dunkelheit überstürzt verlassen müssten. Als wir quer über den Balkan geflüchtet sind und letztlich in Österreich in Sicherheit waren. An meine Gefühle kann ich mich nicht erinnern. Ob ich verwirrt, verängstigt oder sonstwas war und wie sich das geäußert hat - ich weiß es nicht mehr. Aber, wenn ich meine Kinder in der Isolation sehe, kann ich ein wenig erahnen, wie es mir gegangen sein muss. Sie haben Angst, sind verwirrt, haben Sehnsucht. Besonders schlimm: Die Gefahr ist unsichtbar, für sie nicht greifbar und daher unverständlich.

Sie verstehen es nicht

Desto länger diese besonderen Ferien dauern, desto größer wird die Angst. Und die Ungeduld. Sie verstehen nicht, wieso sie auf ihre Freunde verzichten müssen, wieso die Leute beim Spaziergang einen großen Bogen um sie machen. Wieso sie nicht mit zum Einkaufen dürfen. Wieso seit über einem Monat das Radio in der Küche nicht mehr an ist. Wieso sie ihren Papa nicht sofort umarmen dürfen, wenn er nach seiner offenbar systemrelevanten Arbeit nach Hause kommt. Wieso?

Es ist zu viel

Den Kindern, vor allem den kleinen, wird derzeit zu viel zugemutet. Meine Große hat es sich bisher nicht anmerken lassen, doch jetzt ist die Sehnsucht nach dem normalen Alltag zu groß. Die Sehnsucht nach ihren Freunden im Kindergarten ist so groß, dass es mittlerweile täglich zu einem Wutausbruch, gefolgt von einem Tränen-Wasserfall kommt. Weil sie es einfach nicht versteht. Wie soll sie auch? Sie kennt YouTube, weiß aber nicht, dass es nicht DAS Internet ist. Sie kennt Amerika, glaubt aber, dass sie von der Sattnitz dorthin geschwemmt werden kann, wenn sie beim Schwimmen nicht aufpasst. Sie versteht nicht, dass Chips ungesund sind, auch wenn sie nicht zum Süßkram gehören.

Kein Ende in Sicht

Es wird viel über das Hochfahren des Unterrichts geredet. Nun hat sich Bundeskanzler Sebsatian Kurz auch zu den Kindergärten geäußert und meinte sinngemäß, es gebe keinen Grund die derzeitige Regelung zu ändern. Soll heißen, die Elementarpädagogik bleibt weiterhin im Notbetrieb. Eltern, die sich darüber ärgern, werden von anderen (in den sozialen Medien) fast schon geächtet und als Rabeneltern hingestellt, die ihre Kinder nur abgeben, sich aber nicht mit ihnen beschäftigen möchten. Also, ich beschäftige mich gern mit meinen Kindern. Aber wenn das ausnahmslos in den eigenen vier Wänden passieren darf, ohne Kontakt zu anderen (Kindern), der Job und der Haushalt auch noch Platz beanspruchen und irgendwie die Ungewissheit über den Köpfen schwirrt, ist das alles andere als „Quality-Time“.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic , 22.04.2020