Das große Halali: Land der Jäger

Joseph Kapherr, Politiologiestudent in Wien, bekommt einen verklärten Blick, wenn er an seine Wochenenden denkt. Die widmet er nämlich so oft es geht dem Weidwerk. Die Zeit auf dem Hochstand empfindet er als "Schärfen der Sinne", als "mediatives Naturerlebnis" und helfe ihm, nach einer Arbeitswoche "die innere Balance" wiederzufinden. Er schießt selten und "selektiv", wie er sagt. Es sind vorwiegend Rehe, aber auch Schwarzwild, Fasane, Hasen und Rebhühner. Durchaus mit Vergnügen. "Die Jagd", sinniert der Jungjäger, der den Berechtigungsschein erst seit Kurzem in der Tasche hat, "ist halt ein Urtrieb des Menschen. Etwas Archaisches, das einen nicht mehr loslässt, wenn man einmal damit angefangen hat."

125.000 Jäger

Peter Lebersorger, Generalsekretär der Zentralstelle der Landesjagdverbände, stellt fest: "Das Interesse an der Jagd als sinnvolle Freizeitbeschäftigung nimmt leicht, aber signifikant zu." Immer öfter säßen nicht nur Freiberufler und Manager, sondern auch Mittelständler, Installateure, Bankangestellte oder Studenten in den Kursen zur Jäger-Ausbildung. Der Weg zur "grünen Matura" dauert im Schnitt vier Monate und kostet 750 Euro. Die Zahl der Jagdberechtigten steigt also, und auch eine Zunahme des Frauenanteils stellt Lebersorger fest. "Wir haben etwa 30 Prozent Kursteilnehmerinnen, etwa 12 Prozent lösen dann auch eine Jagdkarte." Für Lebersorger ist klar, was hinter der neuen Jagd-Lust steht. "Bei der zunehmenden Bedeutung von Bildschirmarbeit wächst die Sehnsucht nahc dem Echten und Bodenständigen. Es gibt immer mehr Städter, die aus den virtuellen Welten am Wochenende in die Natur flüchten."

Promi-Faktor

Und wer verkörpert die Natur besser als Jägerin und Jäger? Andere hoffnungsfrohe Jagd-Anwärter wiederum zieht der exklusive Lifestyle magisch an. Die Chance, bei Gesellschaftsjagden oder am Jägerstammtisch in die Nähe von Reichen und Einflussreichen zu kommen, ist ja durchaus gegeben. Die Liste der prominenten Hubertusjünger in Österreich ist überlang. Um nur ein paar Namen zu nennen: Ex-Minister Hannes Androsch, Martin Bartenstein und Maria Fekter, Ex-Vizekanzler Josef Pröll, die Grün-Abgeordnete Gabriela Moser und Ex-IV-Chef Veit Sorger, Ex-Raffeisengeneral Christian Konrad oder auch Milliardärswitwe Ingrind Flick, viele Mitglieder des Porsche- und Piech-Clans, der Adel sowieso, Schauspieler, Künstler, Hof- und Landesräte...

Die Land-Jäger

Peter Lebersorger hört die Zuschreibung der Jagd als typische Eliten-Beschäftigung nicht gerne. "Die Jagd hat es immer unter allen Ständen gegeben." Die Tätigkeit als solche ist seit 1894 der Grundherrschaft und somit auch der breiten Landbevölkerung anvertraut. Daran habe sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, sagt Lebersorger. Vor allem am Land mit den vielen Gemeinschaftsjagden ist die Jägerei stark in die gesamte Bevölkerung eingebunden. Seit dem 19. Jahrhundert ist es auch üblich, den Wildbestand zu regulieren, um das Gleichgewicht der verschiedenen Tierarten zu erhalten und um landwirtschaftliche Flächen und Wälder vor Schäden zu bewahren.

Schuss nach Quote

Es gibt verpflichtende Abschusspläne - erstellt werden sie von der jeweiligen Bezirkshauptmannschaft - für jedes Jadgebiet über 115 Hektar. Der Grundbesitzer muss sie abarbeiten, ob es ihn nun freut oder nicht. Meistens freut es ihn, denn Bejagung ist mitunter sehr einträglich. Für eine Pacht kann bis zu 90 Euro pro Hektar und Jahr verlangt werden, der Preis richtet sich nach Lage und Wildbestand. Der Eigner oder Pächter des Forstbetriebs kann auch Abschüsse verkaufen, was für viele Freizeitjäger oft die einzige Gelegenheit ist, ein Tier aufs Korn zu nehmen. Ein Wildschwein ist ab 200 Euro zu haben, für eine Gams muss man mindestens 500 Euro hinlegen und der Preis für einen Hirsch beginnt bei rund 1.500 Euro und kann zig Tausende für ein kapitales Exemplar erreichen. Das sind wohlgemerkt nur die Abschussrechte - für das Fleisch fällt noch der Kilopreis an.

43% Jagdgegner

Manchmal entsteht in der Öffentlichkeit das (falsche) Bild, die Jagd sei bloß ein Geschäft. Und ein blutiges obendrein. Was in einer waffenächtenden und pazifistisch eingestellten Gesellschaft mit ihrer zunehmenden Zahl an Vegetariern und Veganern nicht besonders gut ankommt, ist das mit dem Jagen verbundene Töten von Säugetieren. Nach einer für die österreichische Bevölkerung repräsentativen IFES-Meinungsumfrage aus dem Vorjahr deklarierten sich nur 26 Prozent der Befragten als Jagdbefürworter. 31 Prozent hatten keine Meinung und 43 Prozent outeten sich als mehr oder weniger überzeugte Jagdgegnerinnen und -gegner.

Selbstregulierung?

Die Tierschützerszene schürt die jagdskeptische Stimmung in der Bevölkerung. Zum Beispiel mit dem Vorschlag nach einer "Natur ohne Jagd." Österreichs Jäger "bringen jedes Jahr eine Million Wildtiere oder 2.700 pro Tag um", klagen da etwa die Betreiber von www.zwangsbejagung-ade.at an. Sie sind der Meinung, dass sich die Bestände an Hirschen, Rehen und Wildschweinen ohne Jagd automatisch herunterregeln würden. Der "Jagddruck" selbst habe dazu geführt, dass sich Wildschweine explosionsartig vermehrten. Würde das Abschießen der Tiere aufhören, hätten diese weniger Fortpflanzungsstress und die Rotten würden sich dann quasi von selbst auf umweltverträgliche Familiengrößen einpendeln.

Nahrung im Überfluss

Doch ob das so funktionieren würde, weiß man nicht. Es könnte sein, dass die starke Vermehrung trotzdem ungebremst weitergeht. Die Fortfplanzungsfreude der überaus anpassungsfähigen Paarhufer hat ja auch mit dem überreichen Nahrungsangebot zu tun, das die moderne intensive Landwirtschaft - und da vor allem in Form von Mais- und Getreidefeldern - unfreiwilligerweise offeriert. Die Schäden, die das sich dramatisch vermehrende Schwarzwild in ganz Europa anrichtet, sind immens. In Italien spricht von Ernteausfällen von über 100 Millionen Euro. In der Toskana wurde jetzt sogar schon einmal der regionale Notstand ausgerufen und ein Sondergesetz beschlossen, das den nimmersatten "Schadschweinen" den Krieg erklärt. Ziel ist es, mindestens 170.000 davon zu schießen.

Fressfeinde

Natürlich laufen die Tierschützer Sturm gegen den Plan. Besonders gewitzte Tierfreunde lancierten die Idee, doch lieber Wölfe auszusetzen, die natürlichen Fressfeinde des Schwarzwilds. Bei der Mehrheit der toskanischen Bürger kam die Idee nicht so gut an. Die Vorstellung, beim Spazierengehen einem Wolfsrudel in die Quere zu kommen, empfanden sie dann doch als zu naturnah. Dann doch lieber menschliche Jäger, prego.

Autor: Laura Engelmann, 01.08.2017