Kommentar: Über die „Mohr im Hemd-Debatte“

Was macht der dumpfe Rassist, wenn ihm die Debatte zu viel und zu anstrengend wird? Genau, er zieht sie auf das „Mohr im Hemd-Niveau“ hinunter. Nach dem Motto: das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Oder: das haben meine Eltern und Großeltern schon gesagt. Oder noch besser: das hat doch bei uns Tradition. Ist die Debatte erst beim „Mohr im Hemd“ angelangt, kriechen die Ausländer-Hasser, die in Wahrheit nichts anderes sind als bemitleidenswerte Kellernazis, nichts anderes als getarnte Antisemiten, aus ihren Löchern und beschwören den Hausverstand, sagen „ja eh, aber“ und beschuldigen jene, die gegen Rassismus aufstehen, als Demokratiefeinde und die wahren Nazis. Schließlich seien sie es, die ihr verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung beschränken möchten. Aha, Rassist zu sein, ist also eine Meinung. Begibt man sich auf das zeitgemäße „Schlachtfeld der Meinungen“, sprich Social Media, kann es einem schon mal den Magen umdrehen. Nicht viel anders ist die Stimmung auf Kommentarfunktionen so mancher Boulevard-Zeitung. Das ist also die Volksmeinung, denkt man, und möchte kotzen.

Es gibt nichts, was man ins Lächerliche ziehen sollte. Das hat auch nichts mit Links-Rechts zu tun, sondern einfach damit, dass wir Menschen anderer Hautfarbe als gleichwertig anerkennen. Und davon sind wir weit entfernt. In den USA gehört der strukturelle Rassismus ohnehin zum guten Ton. Trump-Fans sprechen bei einem durch einen Polizisten begangenen Mord an einem Schwarzen, den die meisten von ihnen wohl als Neger bezeichnen, bestenfalls von einem Jagdunfall. Für rund die Hälfte der Amerikaner, das sind jene, die Trump wählen, ist Rassismus nichts Verwerfliches, zumindest nicht verwerflich genug, um dem Rassisten Trump die Stimme zu entziehen.

Und bei uns? Wir haben scheinbar gelernt, dass Rassenhass ins Verderben führt. Das Dumpfe, das in uns wohnt, sind wir aber nicht los geworden. Vielmehr haben wir es durch Ausländerfeindlichkeit und lächerlichen Nationalismus ersetzt. Das Ablehnen von Andersartigkeit ist in unserer DNA dick unterstrichen festgeschrieben. Offensichtlich ist der Intellekt bei vielen Menschen nicht ausgeprägt genug, um die DNA in die Schranken zu weisen.

Autor: Patrick Deutsch , 21.06.2020