Kommentar: Nicht jede Kritik ist eine Verschwörungstheorie

Als Sophie und Hans Scholl 1942 damit begannen, Flugblätter zu verteilen, in denen „von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique“ oder von der „Diktatur des Bösen“ erzählt wurde, hat der gemeine Deutsche diese Schriften wohl als Verschwörungstheorie von ein paar Spinnern abgetan. Am Ende hat sich herausgestellt, dass nicht die Scholls, sondern besagte gemeine Deutsche die Spinner waren.

Aus der damaligen Sicht auf die Dinge, waren diese Flugblätter wohl Musterbeispiele für Verschwörungstheorien. Es schien geradezu abstrus, dass der geliebte Führer für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich sein sollte. Selbst wenn man die Scholls nicht hingerichtet hätte, wären die Deutschen nur sehr langsam von diesen „Verschwörungstheorien“ zu überzeugen gewesen – manche sind es bekanntlich bis heute nicht. Glücklicherweise sind für den überwiegenden Teil der Menschen die Geschwister Scholl von Verschwörungstheoretikern zu Helden mutiert.

Oder nehmen wir Karl-Heinz Grasser her. Fast alle Menschen dieses Landes sind der Meinung, der Ex-Finanzminister sei ein Gauner und habe alle möglichen dunklen Kanäle bedient. Verurteilt ist er bis heute nicht. Eine Verschwörungstheorie?

Keine Sorge. Das soll jetzt kein Freibrief für Verschwörungstheoretiker werden. Aber man darf schon mal anmerken, dass nicht jede Systemkritik eine Verschwörungstheorie, nicht jede Unmutsäußerung am Vorgehen von Regierungen das Gegenteil von faktenbasiert ist.

Verschwörungstheorien sind selten beweisbar. Auch wenn in zum Teil sehr gut gemachten Videos immer die Rede von „unumstößlichen Fakten“ ist, tragen all diese Theorien letztlich eine religiöse Komponente in sich. Glaube ich, dass die Welt von dunklen Mächten regiert wird oder nicht. Glaube ich daran, in einer Art Matrix gefangen zu sein oder nicht. Ein besonderes Charakteristikum des Verschwörungstheoretikers ist auch die unbedingte Überzeugung, als einziger die Wahrheit zu kennen. Das macht Diskussionen mit diesen Leuten wahnsinnig schwierig.

Betrachtet man nun die mediale Berichterstattung in den ersten Wochen der Corona-Krise, so könnte ein Mensch, der anfällig ist, durchaus eine Weltverschwörung hinter Corona vermuten. Völlig kritiklos wurde das Wording der Regierungen (nicht nur unserer) von praktisch allen Medien übernommen und so die Bevölkerung auf die Alternativlosigkeit der Maßnahmen eingeschworen.

Das Praktische daran ist, dass man nun alle Kritiker bequem in die Verschwörungs-Schublade stecken kann. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen den Diskurs fördern und Regierungen müssen sich dem stellen. Ansonsten überlässt man das Feld den Spinnern.

Autor: Patrick Deutsch , 29.06.2020