Kommentar: Kein besseres Ende in Sicht?

So manch sonniges Gemüt wird nicht müde, die positiven Seiten der Coronakrise zu betonen. Endlich habe man sich wieder darauf besonnen, was im Leben wirklich wichtig ist: Gesundheit und Familie. Die Natur könne sich erholen. Regionale Betriebe würden wieder mehr geschätzt werden. Die Luft sei nun viel sauberer, da unnötiger Verkehr wegfalle. Ganz zu schweigen vom blauen Himmel, der ohne Flugzeugkerosin ja gleich doppelt so blau strahlt. Fast könnte man meinen, das Virus habe der Menschheit einen Gefallen getan.

Abgesehen davon, dass diese „Vorteile“ wohl kaum die Nachteile mit tausenden Toten und der weltweit schlimmsten Rezession seit 1929 aufwiegen, deutet auch einiges darauf hin, dass das vielerorts betonte Umdenken der Menschheit nicht von Dauer sein wird. Obwohl man stolz „Wir schaffen das“ proklamiert und der regionalen Wirtschaft seine Treue schwört, explodiert der Umsatz von Amazon regelrecht. Der Ansturm auf die Baumärkte, die seit einigen Tagen wieder geöffnet haben, hat einmal mehr gezeigt, was man schon geahnt hat: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Gesundheit und Familie sind in diesen Momenten nicht so wichtig, wie mit einem möglichst großen Auto zum Geschäft zu fahren und sich durch die Menschenmassen zu drängen, um die erwünschten Grünpflanzen und das beinahe lebensnotwendige Gartenzubehör zu ergattern.

Spätestens wenn das Leben langsam wieder seinen gewohnten Lauf nimmt, wird wohl auch vom letzten Rest dieser neuen Nachhaltigkeit nichts mehr zu spüren sein. Vielfahrer werden sich wieder durch den Verkehr quälen, Kreuzfahrtschiffe wieder idyllische Buchten belagern und Familien wieder im Alltag versinken. Wollen wir hoffen, dass dann zumindest ein paar Erinnerungen daran bleiben: daran, dass es auch einmal eine Zeit gab, in der man auf das Auto verzichten konnte, nicht jede Minute verplanen musste und lieber den Nahversorger als den internationalen Online-Handel unterstützte. Auch wenn sich das viele in ein paar Monaten vermutlich gar nicht mehr vorstellen können.

Author: Patrick Deutsch , 18.04.2020