Kommentar: Kanzler Kurz im Umfragehoch – alles andere ist wurscht

Angesichts solcher Umfragen könnte man sich als regierender Politiker durchaus in die Corona-Krise verlieben. Nicht weniger als 52 Prozent der Österreicher würden laut einer im Standard publizierten Umfrage Kanzler Kurz bei einer Direktwahl ihre Stimme geben, immerhin noch 44 Prozent seiner ÖVP. Ein derartiges Umfragehoch konnten die einstigen Schwarzen in der 2. Republik zu keiner Zeit für sich verbuchen.

Ebenfalls bärenstark die Grünen. Mit 19 Prozent liegen sie gleichauf mit der schon seit Monaten schwächelnden SPÖ. Dabei feiert man in der Löwelstraße dieser Tage 75-jähriges Gründungsjubiläum. Viel hört man darüber freilich nicht, zu sehr ist die Republik im Corona-Wahnsinn gefangen.

Dabei versuchte sich Pamela Rendi-Wagner eine Zeit lang sogar als Aushilfs-Virologin, setzte alles daran, in das Beraterteam von Sebastian Kurz aufzusteigen. Ohne Erfolg. Der smarte Kanzler ließ ungerührt ausrichten, dass man auf genügend echte Experten zurückgreifen könne.

Seither ist die SPÖ-Vorsitzende abgetaucht, in der Versenkung verschwunden. Das Letzte was man von ihr gehört hat, war die Mitteilung, dass die Mitgliederbefragung erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgezählt wird. Puh, noch einmal von der Schaufel gesprungen.

Es ist offensichtlich, dass von der aktuellen Krise die Regierenden profitieren. So dumm können die sich gar nicht anstellen. Selbst der clowneske Boris Johnson und der infantile Donald Trump legen zu, wiewohl deren Corona-Kurs zumindest als schlingernd bezeichnet werden kann. Noch entspannter ist nur Viktor Orban – er hat sich vorsichtshalber gleich mal der Mühsal künftiger Wahlen entledigt. Angesichts des Corona-Virus ist halt alles andere belanglos. Datenschutz: wurscht. Verelende Wirtschaft: wurscht. Ersaufende Flüchtlinge: wurscht. Überhaupt alles andere: wurscht. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Medien. Mit einer fetten Corona-Sonderförderung gut angefüttert beten fast alle wesentlichen Medien dieses Landes die Regierungspropaganda völlig unkritisch nach. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Politikjournalisten sind über Nacht zu Sportjournalisten mutiert. Hauptsache gewonnen, alles andere ist – ja, genau: wurscht.

Eine Zahl, die diese Entwicklung überdeutlich veranschaulicht: In der ZIB 1 kommt die Opposition derzeit auf niederschmetternde 2,5 Prozent Sendezeit. Wenn wir so weiter machen, können wir gleich ein Mediensystem à la Orban installieren. Und wenn wir schon dabei sind, auch das System der Demokratie hinterfragen. Wäre nicht ein starker Mann genau das, was wir in diesen verrückten Zeiten brauchen?

Autor: Patrick Deutsch , 29.06.2020