Das Herz des Militärs

Weekend: Viele unserer Soldatinnen und Soldaten leisten derzeit ihren Dienst in einem Krisengebiet. Wie erleben sie aus Ihrer Sicht die Vorweihnachtszeit?
Emmanuel Longin: Ich bin seit 28 Jahren beim Österreichischen Bundesheer und habe selbst einige Zeit in Auslandseinsätzen verbracht. Die Tage rund um Weihnachten oder Ostern sind natürlich gefühlsbetonter und man denkt vielleicht noch mehr an die Familie in der Heimat. In den letzten Jahren ist die Situation dank sozialen Netzwerken und Diensten wie Skype deutlich entspannter.

Weekend: Wie schätzen Sie die Entwicklung von Weihnachten ein? Zählen nur die materiellen Werte oder besinnen wir uns wieder auf das eigentliche Fest?
Emmanuel Longin: Also die Adventgottesdienste in der Soldatenkirche sind bis auf den letzten Platz gefüllt und ich denke, dass sich immer mehr Menschen ganz bewusst dieser Zeit ausliefern, um so eine neue Form von Gemeinschaftsgefühl zu erleben.

Weekend: Apropos Gemeinschaftsgefühl: In Anbetracht der Flüchtlingssituation - braucht es mehr Menschlichkeit?
Emmanuel Longin: Nein. In den letzten Wochen habe ich ein Übermaß an Menschlichkeit erlebt. Von Soldaten, von Freiwilligen, von Einsatzkräften. Das war und ist bewegend. Den Bodensatz an Unmenschlichkeit wird es immer geben, denn auch das steckt, genauso wie die Menschlichkeit, in uns allen.

Weekend: Soldatinnen und Soldaten suchen bei Ihnen Rat und Hoffnung. Wie helfen Sie?
Emmanuel Longin: Es ist schon das Einfach-Da-Sein, das Stillsein, das vorurteilsfreie Zuhören. Ich schaffe ein Ambiente, in dem sich die Menschen sicher fühlen. Oft hilft es bereits und gibt Hoffnung, wenn sie meinen Hund Oskar streicheln und beginnen zu erzählen.

Weekend: Was bedeutet für Sie Weihnachten?
​Emmanuel Longin: Diese Frage möchte ich mit einem Gedicht beantworten: "Engel kommen selten allein. Sie müssten nicht immer vom Himmel her kommen und brauchen auch keine Flügel zu haben - wo immer sie fliegen. Die Engel, sie können auch hier zwischen dir und mir ihre Kreise ziehen und manchmal auch deinen und meinen Namen tragen." Wir feiern Weihnachten, weil wir die Menschen lieben und an die Menschen glauben. Wir feiern Weihnachten, weil Gott die Menschen liebt und an die Menschen glaubt!

Kurz & Bündig
So feiere ich Weihnachten: Am Nachmittag gibt's Kraut und Würstel, danach besuche ich die wachhabenden Soldaten, halte um 22 Uhr die Heilige Messe und stoße schließlich mit Freunden an.

Mein Weihnachtswunsch: Dass sich Ungereimtheiten in Zukunft leichter lösen lassen.

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Autor: Nadine Wohlkönig, 03.12.2015