Alarmierender Populismus: Das Spiel mit der Angst

Die Anschläge auf das World Trade Center in New York mit rund 3.000 Opfern sind 15 Jahre her und waren der Startschuss für die heute allgegenwärtige Angst vor dem Terror. Die als Terrorakte deklarierten Morde in Nizza, Paris und Belgien mit mehreren Hundert Toten haben diese Angst noch verstärkt. Und tagtäglich wird man auch in Kärnten mit genau dieser Angst konfrontiert. Die angespannte Flüchtlingssituation, mutmaßliche kriminelle Begehen von Asylwerbern und der angebliche Unwille der nach Schutz suchenden Menschen sich anzupassen und zu integrieren – das alles wird benutzt, um in der Bevölkerung die Angst vor dem drohenden Untergang der abendländischen Kultur zu schüren. Doch wie gelingt den Verantwortlichen das?

Der Retter

„Alarmismus der Populisten“, nennt Psychologe Kurt Kurnig es und führt aus: „Man versucht die Menschen zu gewinnen, indem man ihnen erklärt, dass alles hochgradig bedrohlich und gefährlich ist und nur sie die Retter sind. Viele glauben dann wirklich, dass das Krokodil direkt neben ihnen steht und sie gleich auffrisst.“ Die verbreiteten Informationen können zu einer Desinformation werden, weil sie zu schnell, zu kurz und zu einseitig weitergeleitet werden.

„Es liegt an jedem Einzelnen, sich selbst umfassend zu den Themen und angeblichen Gefahren zu informieren, sie von allen Seiten zu beleuchten und sich dann selbst ein Urteil zu bilden“, appelliert Kurnig.

Erfolgreiche Masche

Natürlich läuft in der Flüchtlingskrise nicht alles glatt, doch Angst und damit Fremdenhass schüren ist aber laut Experten sicherlich der falsche Weg. Angst schüren ist aber nicht nur ein Instrument der Politik. Auch Sektenanführer würden mit dem äußerst erfolgreichen Alarmismus arbeiten, indem sie (potenzielle) Mitglieder zuerst durch die Prophezeiung einer angeblich drohenden Katastrophe – wie etwa dem Weltuntergang – mental hilflos machen, um im scheinbar letzten Augenblick als große Retter aufzutreten. Und auch in anderen Lebensbereichen spielt die Angst eine große Rolle.

„Es geht darum, Menschen von sich abhängig zu machen. Und das gibt es in Paarbeziehungen genauso wie in Eltern-Kind-Beziehungen oder in Chef-Mitarbeiter-Beziehungen. Die Botschaft ist immer: Ohne mich bist du verloren“, erklärt der Psychologe.

Alarmanlage

Doch Kurnig stellt eines klar: „Angst ist ein Ur-Gefühl und ist überlebenswichtig – in der richtigen Dosis!“ Das psychische Gefühl ist eine körpereigene Alarmanlage, die oft jedoch auch Fehlalarme aussendet und zu irrationalen Ängsten oder sogar Furcht führen kann. Die Wurzel des Übels liegt – wie so oft in der Psychologie – in der Kindheit vergraben. Kurnig: „Die Einschätzungsfähigkeit unserer engen, primären Bezugspersonen in der Kindheit prägt unseren späteren Umgang mit Ängsten. Will heißen: Haben die Eltern das Angst-Schreien ihres Sprösslings beispielsweise falsch als Hunger interpretiert und ihm jedes Mal einen Schnuller in den Mund gesteckt oder etwas zum Essen gegeben, so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Kind auch als Erwachsener in Angst-Situationen zu Essen greift – und früher oder später an Übergewicht leidet.“

Positiv

Vergangenheitsbewältigung und -umformulierung ist hier das Zauberwort. „Man muss die vergangenen Situationen positiv umformulieren, den Sinn dahinter erkennen. So nach dem Motto: Jeder Schaden hat einen Nutzen oder jeder Nachteil einen Vorteil – nur dann hat man in der Gegenwart und der Zukunft eine wirkliche Chance. Man muss sich immer vor Augen halten: Man hat die Vergangenheit überlebt!“, rät der Psychologe. Kommunikation. Weil die Botschaft psychischer Gefühle im Gegensatz zu jener der körperlichen Gefühlen oft schwer zu erkennen ist und zu oft zu Fehlinterpretationen führen kann, ist es ratsam, sich an andere Menschen zu wenden, um so die Realität zu erkennen. Arbeitet man nämlich nicht daran, ist die Gefahr groß, der Steigerungsform von Angst zu erliegen: Das ist die Furcht, die sehr schnell in Hass umschlagen kann. Und das ist dann die wirkliche Gefahr. „Wir kennen das aus vielen Familientragödien, bei denen Kinder ihre Eltern ermorden oder Frauen ihre Ehemänner.“

Irrational

Grundsätzlich – so Wissenschaftler – tendiert die heutige Gesellschaft zu irrationalen Ängsten. Flugangst ist eines der besten Beispiele dafür. Denn die Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zum Flughafen mit dem Auto zu verunglücken ist weitaus höher als dass das Flugzeug abstürzt. Dennoch bekommen viele Menschen Panik-Attacken, wenn sie ein Luftfahrzeug nur sehen. Genauso scheinen selbstgewählte Gefahren weniger bedrohlich zu wirken als aufgezwungene: Die Risiken bei gewissen Sportarten wie Skifahren oder Bergsteigen werden ignoriert und in Kauf genommen, während man sich aber gegen die Konservierungsstoffe in unserer Nahrung wehrt.

Fazit

Angst als Urinstinkt ist also gut, weil sie unser Überleben sichert. Irrationale Furcht wird aber meist durch psychische Krankheiten, schlechte Erfahrungen oder gezielte Kampagnen hervorgerufen. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic, 28.09.2016