Interview Gerhard Berger: Formel 1 am Wendepunkt

Weekend: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit den Rennen in Spielberg?

Gerhard Berger: Ende der 70er-Jahre hab ich dort mein erstes Autorennen gewonnen. Vor meinen Eltern habe ich meine Teilnahme geheim gehalten. Da ich aber gewonnen habe, landete die Nachricht in einer Zeitung und ich bin zu Hause aufgeflogen. Der Höhepunkt war sicherlich mein Formel- 1-Rennen 1986. Ich lag zur Halbzeit in Führung, beim Boxenstopp ist dann leider ein technischer Fehler aufgetreten und ich konnte das Rennen nicht zu Ende fahren.

weekend: Die Rennen werden komplett ohne Vor-Ort-Zuschauer durchgeführt. Das hat schon im Fußball zu Diskussionen geführt.

Gerhard Berger: Wir leben im Motorsport von den Fans an der Strecke! Rennen ohne Zuschauer müssen die Ausnahme bleiben. Denn Sport, der in erster Linie von Emotionen lebt, wird dauerhaft ohne Zuschauer nicht überleben können.

weekend: Virtuelle Events haben während der Corona-Krise für ein wenig Ablenkung gesorgt. Ist das auch ein Modell für die Zukunft?

Gerhard Berger: Ich glaube, dass virtuelle Events so lange als Randthemen Erfolg haben, so lange es dazu auch die reale Welt gibt. Auch die jüngeren Motorsportfans wollen als Basis nicht auf die richtigen Rennen verzichten.

weekend: Die F1 will 2020 technisch abrüsten – ist das das richtige Signal?

Gerhard Berger: Beide Krisen, die in der Automobilindustrie und die durch Corona, werden die Formel 1 durch den immensen Kostendruck zum Abrüsten zwingen, da führt kein Weg daran vorbei.

weekend: Stichwort Technologie:Geht es mehr in Richtung Hybrid oder Elektro?

Gerhard Berger: Meiner Meinung nach wird noch sehr lange Zeit die Kombination aus Verbrennungsmotor und Hybrid die vernünftigste Lösung sein. Die Elektromobilität wird durch die Politik forciert, ist aber noch nicht genügend ausgereift. Und die Motoren sind zu schwach und zu langsam, da ist derzeit nur Formel-3-Niveau möglich.

weekend: Wie schlägt sich die F1 unter dem neuen Eigentümer?

Gerhard Berger: Er versteht den amerikanischen Markt, kennt die europäische Kultur aber wenig. Und Bernie Ecclestone war mit allen Wassern gewaschen. Chase Carey hat nun sicher harte Zeiten vor sich.

weekend: Wer wird Hamilton beerben?

Gerhard Berger: Hamilton ist ein Ausnahmesportler. Er hat meiner Meinung nach die Möglichkeit, erfolgreichster Formel-1-Pilot aller Zeiten zu werden. Von „beerben“ kann also noch keine Rede sein.

weekend: Wann ist mit dem F1-Einstieg von Lukas Auer, Ihrem Neffen, zu rechnen?

Gerhard Berger: Ich glaube, dass die Formel 1 für Lukas keine Perspektive mehr ist, der wird sich auf den Tourenwagen- Sport konzentrieren. Vor allem aber will er in der DTM Titel holen.

weekend: Es gab eine Gerhard-Berger-Kurve in Spielberg, die an einen Sponsor verkauft wurde. Macht Sie das wehmütig?

Gerhard Berger: Nach meinen Informationen bekommt man den Namen ja wieder zurück, wenn man gestorben ist. Also halb so schlimm.

Autor: Alexandra Nagiller , 06.07.2020