Sabine Herlitschka - die Kärntner Visionärin

weekend: Die Bauarbeiten am Infineon-Standort in Villach sind in vollem Gange. Das Parkhaus wird heuer fertig, das Forschungsgebäude Mitte 2020 und die Chip-Fabrik startet im ersten Halbjahr 2021 mit der Produktion. In der Fabrik sollen 400 neue Arbeitsplätze entstehen. Auf diese Zahl sind Sie besonders stolz. Wieso?
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abine Herlitschka: Ja, diese Zahl nenne ich gerne, weil sie zeigt, dass auch in einer hochautomatisierten, zum Teil digitalisierten Fabrik zukunftsorientierte Arbeitsplätze entstehen können. Es gibt Studien, in denen versucht wird abzuschätzen, wie viele Arbeitsplätze durch Digitalisierung wegfallen könnten. Wir zeigen, dass wir auch mit Automatisierung und Digitalisierung Arbeitsplätze schaffen. Arbeitsplätze, die in diesem Umfeld notwendig sind. Instandhalter zum Beispiel oder Leute, die mit Daten umgehen können – sogenannte Data Scientists - , genauso wie Robotertrainer. Das sind Beispiele für Jobprofile der Zukunft.

weekend: Sie appellieren also, auf der Digitalisierungswelle zu schwimmen und nicht versuchen vor ihr zu flüchten?
Sabine Herlitschka: Genau darum geht es. Natürlich kommt es zu einer Veränderung der Arbeitswelt. Damals, als Autos sich im Alltag durchgesetzt haben war der Beruf Kutscher kein Zukunftsmodell mehr: So ist es auch jetzt, die Digitalisierung kommt, weil sie uns viele Vorteile bringt, deshalb müssen wir uns darauf einstellen. Und genau das tun wir als Infineon heute hier auch.

weekend: Das bedeutet, dass wir dann noch mehr Fachkräfte brauchen werden. Gibt es überhaupt genug Ausbildungsmöglichkeiten?
Sabine Herlitschka: Der Fachkräfte-Mangel ist derzeit wachstumslimitierend. Bei unseren HTL, Fachhochschulen und Universitäten gibt es genügend Ausbildungsmöglichkeiten. Derzeit arbeiten wir in Kärnten an einem Pilotprojekt mit den HTL, bei dem es darum geht, Naturwissenschaften und Technik mit neuer Didaktik zu vermitteln und vor allem für diesen Bereich zu begeistern. Wir sind sehr ambitioniert und wollen im Herbst starten.

weekend:Sehr ambitioniert sind auch Ihre Visionen für Kärnten, die Sie kürzlich beim Raiffeisen Konjunkturforum unter dem Titel „Kärnten groß gedacht" präsentiert haben. Worum geht es Ihnen?
SabineHerlitschka:Ich bin fest davon überzeugt, Zukunft entsteht nicht zufällig. Oder anders: Ich bin nicht bereit, sie aus der Hand zu geben. Ich habe bei dem Vortrag nicht einfach nur Empfehlungen gegeben, sondern konkrete Beispiele aufgezeigt.

weekend: Eine Vision: Kärnten ist das Bildungsland. Wie schaffen wir das?
Sabine Herlitschka: Für fast alle großen Herausforderungen der Zukunft ist Bildung der Schlüsselfaktor. Ob wir darüber reden, wie sich die Demokratie weiterentwickelt, wie wir die Chancen der Digitalisierung nutzen, wie wir eine nachhaltige, lebenswerte Welt erhalten und schaffen - die Basis ist immer Bildung. Wenn das so ist, dann muss man auch den Mut haben, das Thema groß zu denken. Warum nicht ein gemeinsamer Campus von Universität und FH mit 30.000 Studierenden. 100.000 Leute bewerben sich, weil wir die beste Bildung anbieten. Bildung, die Spaß macht und für Naturwissenschaften & Technik begeistert. 40 Prozent internationale Interessenten und damit ein topinternationales Ausbildungsniveau. Was hindert uns daran? Warum soll uns das nicht gelingen?

weekend: Das zweite Szenario: Kärnten ist das Innovationsland.
Sabine Herlitschka: Wir haben den Silicon Alps Cluster mit derzeit 130 Mitgliedsunternehmen. Seien wir doch ambitioniert und schauen, dass wir auf 1.000 Mitglieder kommen und repräsentieren so 100.000 MitarbeiterInnen. Wenn wir diese Chance hier gut nutzen, könnten jährlich bis zu 30.000 Arbeitsplätze entstehen. Ein Arbeitsplatz der bei uns als Infineon entsteht, führt zu drei weiteren in unserem Umfeld. Warum soll uns das nicht gelingen? Kärnten verliert statistisch pro Tag neun junge Menschen. Um diesen Trend umzukehren, braucht es attraktive Arbeitsmöglichkeiten in Kärnten.

weekend: Drittens: Kärnten ist das Land der intelligenten Mobilität. Wie?
Sabine Herlitschka: Was könnte ein Internet der Dinge im Bereich der Mobilität heißen? Dass man zum Beipiel die Dienstleistung Mobilität ganz leicht abruft und mittels einer intuitiven App binnen Minuten eine Fahrleistung oder ein Fahrzeug in Ansprech nehmen kann. Intelligente Infrastruktur hat mit Nachhaltigkeit zu tun, die uns als Konsumenten nützt, d.h. intelligente Mobilität für kürzere Fahrzeiten, geringeren CO2-Ausstoss und mehr Komfort.

weekend: Wie sollen wir Kärnten zum besten Land für Unternehmensgründungen machen?
Sabine Herlitschka: Unternehmensgründungen und Betriebsansiedlungen innerhalb von zehn Tagen - das wäre doch ein echtes Ziel. Es kann gelingen, 50 Unternehmen pro Jahr in Kärnten zu gründen oder anzusiedeln, wenn wir eine optimale Vernetzung mit den besten Unternehmen und Forschungseinrichtungen schaffen.

weekend: Sie sagen ,wir müssen,‘ ,was hindert uns daran‘. Wer ist „wir"? Die Wirtschaft? Die Politik? Alle?
Sabine Herlitschka: Wir alle sind „wir“, denn es geht um die Gesellschaft, in der wir alle leben wollen. Dabei gibt es unterschiedliche Aufgaben. Diejenige der Politik ist es Rahmenbedingungen zu schaffen. Ein gutes Beispiel ist die jüngst präsentierte eGovernment-App. Ein guter Ansatz, wie unterschiedliche Systeme zusammengeführt werden, so dass ein Dokument oder eine Registrierung nur noch einmal nötig ist. Ich halte nicht viel davon, pausenlos darauf zu warten, bis die Politik alleine etwas tut. Wir können viel gemeinsam tun.

weekend: Zusammengefasst: Sie rufen alle dazu auf, die Zukunft selbst zu gestalten und sie nicht einfach passieren zu lassen?
Sabine Herlitschka: Ja, so kann man es sagen. Von alleine hätte sich unser Standort so nicht entwickelt. Infineon feiert nächstes Jahr das 50-Jahr-Jubiläum in Villach. Damals haben wir als verlängerte Werkbank begonnen. Da war nichts mit Forschung. Nach knapp zehn Jahren erst hatten wir eine erste Forschungs-Keimzelle. Und heute sind wir eines der forschungsstärksten Unternehmen in Österreich. Eigentlich „The American dream" in Villach - auf Unternehmensebene bezogen. Das ist uns gelungen, weil wir gemeinsam konsequent daran gearbeitet haben.

Autor: Mirela Nowak-Karijasevic, 30.04.2019