Im Einsatz gegen Corona – eine lehrreiche Zeit für die Tiroler Einsatzkräfte

Rund 19.000 Polizisten waren in der Krise im Einsatz, wie Landespolizeidirektor Edelbert Kohler bestätigt: „Der Verkehr auf den Straßen und die Kriminalität sind während dieser Zeit zwar massiv zurückgegangen, durch die Grenzkontrollen und die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden waren wir aber voll ausgelastet. Einiges davon bearbeiten wir noch immer neben unserer alltäglichen Arbeit.“ Was übrigens nicht dazu zählt, sind die Quarantänebestimmungen: „Hier herrscht oft ein Missverständnis: Das Bundesheer ist für die Umsetzung der Einreisebestimmungen zuständig.“

„Die große Mehrzahl der Tiroler war diszipliniert und verständnisvoll was die Umsetzung der Maßnahmen betroffen hat. Es war allerdings gut, dass es zu Lockerungen kam, Ende April war die Stimmung nämlichkurz vor dem Kippen“, so Kohler. Gut hat für ihn vor allem die rasche Zusammenarbeit in der Landeseinsatzleitung mit allen relevanten Organisationen funktioniert. Die größte Herausforderung war die Vielzahl an rechtlichen Vorgaben, die oft inhaltlich nicht ganz klar war. „Wir sind froh, dass wir nicht als Buhmänner der Nation behandelt worden sind, wir mussten die Regelungen vollziehen und hatten dabei selbst Sorgen um unsere Liebsten“, erklärt Kohler.

„Zum Start der Pandemie in Tirol wussten wir nicht viel, das hat uns vor große Herausforderungengestellt, auch wie viele Ressourcen nötig sind. Zum Glück sind wir nie an unsere Grenzen gestoßen“, erklärt Alexandra Kofler, ärztliche Direktorin der Tirol Kliniken. Der Umgang mit der Krise wird derzeit genau evaluiert: „Viele geplante Behandlungen sind leider auf der Strecke geblieben. In Zukunft müssen wir es schaffen, COVID-Patienten zu behandeln und den Normalbetrieb weitestgehend aufrecht zu erhalten. Wir arbeiten gerade an Konzepten hierfür, denn im Herbst ist durchaus wie bei der Grippewelle eine zweite Welle zu erwarten. Wir haben gesehen, dass wir in unseren Strukturen flexibler sein müssen.“ Zudem werden die Besuchsregelungen zwar gelockert, es werde aber weiterhin Einschränkungen geben: „Wir müssen lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, für uns selbst und unsere Mitmenschen. Schön wäre zudem, wenn wie in der Krisenzeit nur tatsächliche Notfälle in die Ambulanzen kommen und diese nicht wieder überlastet werden.“

Auch Andreas Karl, Einsatzleiter beim Roten Kreuz Tirol, denkt über die nächsten Monate laut nach: „Wer hätte gedacht, dass es einmal zu einem solchen Shutdown kommt? In puncto Schutzausrüstung sind wir bald an unsere Grenzen gestoßen. Wir tun gut daran, künftig nicht gänzlich auf Materialimporte angewiesen zu sein und allzeit über ausreichend Reservebestände zu verfügen.“ Für die Zukunft wünscht er sich nicht nur das Einhalten der Hygiene und Abstandsregeln: „Zur Gesundheit des Menschen gehört aber auch die psychische Gesundheit. Wir wünschen uns daher auch, dass das soziale Leben der Menschen wieder stattfinden kann und darf. Mit Vorsicht und Bedacht, aber so, dass wir das Vereinsamen der Gesellschaft vermeiden. Das betrifft insbesondere die besonders vulnerable Gruppe der älteren Menschen im Land.“

Interview mitChristian Schneider, Bezirksrettungskommandant, Rotes Kreuz Innsbruck:

Kehren wir langsam zur Normalität zurück?

Als Rotes Kreuz mussten wir auch in der intensivsten Phase der aktuellen Krise in vielen Bereichen wie dem Rettungsdienst oder bei sozialen Diensten wie z.B. dem Hausnotruf, Essen auf Rädern und der Betreuung von Obdachlosen durchgehend die Versorgungssicherheit für die Bevölkerung auf normalem Niveau sicherstellen. Die dafür notwendigen zusätzlichen Schutzmaßnahmen und Vorkehrungen können jetzt schrittweise gelockert werden und andere Bereiche, die nur in einem Notbetrieb durchgeführt werden konnten, (z.B.: Team Österreich Tafel oder Krisenintervention) stehen wieder in gewohntem Umfang zur Verfügung. Sicherheitsmaßnahmen werden uns aber in all diesen Bereichen noch länger begleiten und Bereiche wie unser Schulungs- und Übungsbetrieb sind auch aktuell noch sehr eingeschränkt.

Was waren die besonderen Herausforderungen?

In der ersten Phase dieses Einsatzes mussten Entscheidungen häufig auf Grundlage widersprüchlicher oder fehlender Informationen getroffen werden und es fehlten sowohl Erfahrungswerte als auch gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, welche Maßnahmen erforderlich und zielführend sind. Unser Ziel war es immer, einerseits unsere Mitarbeiter bestmöglich zu schützen, aber andererseits das Hilfsangebot für die Bevölkerung soweit irgend möglich in der gewohnten Weise aufrecht zu erhalten. Der Rettungswagen im Home-Office ist natürlich nicht vorstellbar und so war es sehr fordernd, unseren Mitarbeitern den bestmöglichen Schutz trotz der prekären Verfügbarkeit essentieller Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung zu stellen. Auch völlig neue Aufgabenbereiche wie die Durchführung von Tests mit mobilen Teams und stationären Screeningeinrichtungen, die Betreuung der Corona Hotline des Landes Tirol oder zusätzliche Betreuungsangebote für obdachlose Menschen stellten uns vor Herausforderungen, da sie ohne Zeit für Detailplanungen raschest möglich bereitgestellt werden mussten.

Was sind die Lehren aus Covid-19?

Für das Rote Kreuz ist die Planung und Vorbereitung auf Katastrohen eine der grundlegenden Aufgaben. Bei diesen Planungen standen bisher Großschadensereignisse wie Busunglücke oder Naturkatastrophen wie Unwetter oder Erdbeben im Fokus und Gesundheitskrisen waren mehr Teil der Vorbereitung für internationale Einsätze als für Einsätze in Österreich. Hier werden zukünftig Pandemie-Szenarien einen breiteren Raum in der Vorbereitung und Schulung einnehmen müssen. Ganz besonders werden wir aber in der Zukunft Beschaffungswege und vorbereitende Lagerhaltung überdenken müssen. Hier ist insbesondere die Politik gefordert, um einerseits Abhängigkeiten zu reduzieren und andererseits im großen Stil und über alle Organisationen und Einrichtungen die Bevorratung grundlegender Ausrüstungsgegenstände für eine Pandemie, aber auch andere mögliche Szenarien zu koordinieren und zu finanzieren. Organisationen wie das Rote Kreuz haben in der aktuellen Krise unter Beweis gestellt, dass Personal und Organisation auf hohem Niveau bereitgestellt werden kann – die Sicherheit dieses Personals und damit auch der Bevölkerung muss einen entsprechenden Stellenwert haben.

Autor: Alexandra Nagiller , 04.06.2020