Ich hab bestimmt Corona!

Dass man sich aufgrund der aktuellen Situation durchaus Gedanken macht, wenn man den Nachbarn husten hört, ist völlig normal. Denn schließlich sind wir derzeit fast rund um die Uhr mit den Themen Ansteckung, Ansteckungsvermeidung und Infektion konfrontiert. Viele Menschen nehmen dies dennoch unaufgeregt zur Kenntnis, befolgen die vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Ratschläge, waschen sich regelmäßig die Hände und halten ausreichend Abstand zu ihren Mitmenschen. Und gehen davon aus, dass die Maßnahmen genügen werden bzw. im Fall des Falles die Infektion bei ihnen so harmlos wie bei fast allen Erkrankten verlaufen wird. Dann gibt es aber auch jene Menschen, die von Natur aus eine besondere Angst vor Keimen und Bakterien aller Art haben. Im Volksmund als „Hypochondrie“ bekannt, zählt es in der Fachsprache als Unterkategorie von somatoformen Störungen, bei denen sich Betroffene auf bestimmte Leiden fixieren bzw. ohne wirklichen medizinischen Nachweis davon überzeugt sind, krank zu sein.

Zusätzliche Belastung für’s Gesundheitssystem

Diese Personen sind es, die im Moment das Gesundheitssystem zusätzlich strapazieren. Denn während die Symptome einer Verkühlung im Normalfall um diese Jahreszeit niemanden beunruhigt hätten, führt die Angst vor dem Coronavirus derzeit dazu, dass viele Menschen plötzlich übersensibel auf Halsweh, Schnupfen und vor allem Husten reagieren und die Notaufnahmen der Krankenhäuser stürmen. Am aktuellen Engpass von Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung sind sie maßgeblich beteiligt – und gefährden damit Personen, die wirklich auf Hilfe angewiesen sind. Auch bei der Corona-Infohotline der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) gibt es immer wieder Anrufe panischer Menschen. Die Hotline wurde – im Gegensatz zur Notrufnummer 1450, die für tatsächliche Coronaverdachtsfälle vorgesehen ist – eingerichtet, um die Menschen bei allen Fragen rund um das Virus zu beraten. Ingrid Kiefer, Leitung des Fachbereichs Risikokommunikation bei der AGES, bestätigt: „Ich schätze, etwa 20 % aller Anrufer sind wirklich höchst besorgt bzw. panisch. Viele wollen wissen, ob sie sich über Lebensmittel, Trinkwasser oder Bargeld anstecken können – die Wahrscheinlichkeit ist allerdings sehr, sehr gering. Bei diesen Anrufen versuchen wir, die Menschen zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen.“ Neben den Überbesorgten steigt bei der Hotline übrigens auch die Zahl derer, die sich nicht über das neuartige Virus informieren, sondern sich über die ausgerufenen Maßnahmen beschweren wollen: „Diese Anrufer wollen einfach nur ihren Ärger kundtun, dass die Ausgangsbeschränkungen oder die Schließungen der Schulen sinnlos sind. Damit blockieren sie aber Anrufer, die wirklich Hilfe benötigen und konkrete Fragen haben“, so Kiefer.

Hilfe durch Online-Videos

Rund 100.000 Anrufe hat die Hotline am vergangenen Wochenende österreichweit verzeichnet, nun sinkt die Nachfrage jedoch langsam. Ingrid Kiefer rät allen, die zur Sorge neigen: „Auf unserer Homepage werden bereits aktuelle Fragen rund um das Virus beantwortet, auch in Form von Kurzvideos. Die kann man sich in aller Ruhe ansehen und bei offenen Fragen kann sich jeder gerne an uns wenden.“ Auch ein Blick in die Statistik mag so manchen, der ein wenig zur Hypochondrie neigt, beruhigen: Rund 98 % aller Corona-Fälle in Österreich verlaufen ohne Komplikationen, ein Teil davon sogar nahezu ohne Symptome.

Author: Patrick Deutsch , 24.03.2020