Von Coronavirus bis Klimakrise: Fürchtet euch nicht!

Das Coronavirus geht um. Nicht nur in China, sondern gefühlt weltweit. Wer regelmäßig einen Blick in Zeitungen und Nachrichtensendungen wirft, bekommt schnell den Eindruck, dass unsere Welt in Gefahr ist. Denn mit Angst lässt sich nicht nur gut Geld machen (Stichwort: Pharmaindustrie), sondern auch Politik. Zwar steigt die Zahl der Infizierten täglich, andere Krankheiten bedrohen uns aber weitaus stärker. „Momentan wäre eine Infektion mit Influenza viel gefährlicher als Corona“, erklärt Michael Lehofer, ärztlichen Direktor am LKH Graz Süd-West. Doch warum fürchten wir uns dann überhaupt? "Es ist vor allem das Unbekannte, Neue das uns Angst macht", so der Experte. Noch kann niemand sagen, wie man das Coronavirus in den Griff bekommt oder wie viele Menschen tatsächlich sterben. Eine Ungewissheit, die lähmt und unseren Verstand zu blockieren scheint.

Angst mit Folgen

Gleichzeitig macht diese Ungewissheit uns zugänglicher für politische Entscheidungen. In seinem Film "The Power of Nightmares" analysierte der britische Dokumentarfilmer Adam Curtis, in welchem Zusammenhang Angst und politische Legitimation stehen. Dazu durchleuchtete er die Terroranschläge vom 11. September und deren Auswirkungen auf politische Entscheidungen in den USA. Das Ergebnis: Der Terror wirkte sich positiv für die Neokonservativen im Land aus. Viel mehr noch: Sie profitierten sogar deutlich davon und konnten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, die letztendlich etwa zum Irakkrieg führten. In einem Land, in dem die Angst vor weiteren Anschlägen herrschte, waren die Menschen besonders zugänglich für eine Politik, die Sicherheit versprach. Das es fehlende Nachweise für eine Bedrohung durch den Irak gab, war da nebensächlich.

Schutzschild

Tatsächlich ist es irrelevant, ob eine Bedrohung für uns real ist oder nur fiktiv. Unser Körper reagiert darauf immer gleich. Schwitzende Hände oder zitternde Knie hatte wohl jeder schon einmal. Angst schützt uns vor Gefahren und sorgt dafür, dass wir uns nicht in brenzlige Situationen begeben. In der Steinzeit sicherte sie so unseren Vorfahren das Leben und bewahrte sie davor, giftige Beeren zu essen oder einem wilden Tier zum Opfer zu fallen. Heutzutage sind unsere Befürchtungen nicht mehr ganz so konkret: In einem der sichersten Länder der Welt gibt es wenig, das unser Leben tatsächlich konkret bedroht. Kann es also sein, dass wir uns manchmal sogar gerne ein bisschen schaudern?

Reflektieren

Ängste entstehen in unseren Köpfen und sind ganz individuell. Während sich die Österreicher 2017 noch vor dem Thema Migration und Arbeitslosigkeit fürchteten, stehen heute der Klimawandel und die Inflation ganz oben auf der Schreckensskala. Berichterstattungen in den Medien und persönliche Erfahrungen prägen dabei unser Empfinden. Horrorfilme oder Extremsportarten spielen ganz bewusst mit dem Gefühl der Angst. "Viele Menschen mögen das, weil sie dadurch das Gefühl haben, mit der Welt verbunden zu sein", erklärt Michael Lehofer. Mit einer real existierenden Bedrohung hat das allerdings nichts zu tun. Was können wir also tun, wenn wir uns wahrhaftig fürchten? Der Psychologe empfiehlt, Dinge zu unternehmen, die "entängstigen". Also sich zum Beispiel zu informieren, wie konkret eine Bedrohung tatsächlich ist. Statistiken zu lesen, Experten zu fragen. Aber auch sich mit anderen Menschen zu unterhalten und sich selbst zu fragen: Liegt da wirklich eine Bedrohung vor? Denn nur so kann man einen kühlen Kopf bewahren und Entscheidungen treffen, die nicht von einer blinden Angst geleitet sind. Und dann ist es auch egal, ob es sich dabei um das Coronavirus, die Klimakrise oder das Thema Arbeitslosigkeit handelt.

Was den Österreichern Angst macht:

  1. Weltweiter Klimawandel durch die globale Erwärmung (61 %)
  2. Steigende Preise (48 %)
  3. Naturkatastrophen (40 %)
  4. Unzureichende finanzielle Absicherung im Alter (38 %)
  5. Fremdenfeindlichkeit in Österreich (36 %)
  6. Störfall in einem Atomkraftwerk (36 %
  7. Zuwanderung in Österreich (35 %)
  8. Politischer Extremismus in Österreich (32 %)
  9. Religiöser Fundamentalismus in Österreich (30 %)

Short Talk

Michael Lehofer, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie

Weekend: Täuscht der Eindruck oder nimmt die Angst in unserer Gesellschaft zu?

Michael Lehofer: Es gibt keine epidemiologischen Daten, die besagen, dass wir ängstlicher sind als früher. Aber es ist so, dass wir immer Angst haben vor Dingen, die wir nicht kennen. Das Coronavirus wäre ein solches Beispiel.

Weekend: Welche Rolle spielen die Medien bei unseren Ängsten?

Michael Lehofer: Das Mehr an Information hat zwei Seiten: Zum einen kann es natürlich Angst machen, zum anderen aber auch informieren und dadurch die Angst nehmen. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ein Blitz ein Wetterphänomen ist, dann werde ich weniger Angst davor haben als noch vor 2.000 Jahren, wo ich geglaubt habe, "ein Gott mag mich nicht und will mich bestrafen".

Weekend: Was hilft gegen die Angst?

Michael Lehofer: Es hilft, wenn wir Menschen begegnen, die weniger Angst haben als wir – das entängstigt. Auch Entspannungstechniken können helfen. Wenn es zum Leiden wird sollte man sich an den Hausarzt wenden. Der überweist dann je nachdem zu einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater.

Author: Ute Daniela Rossbacher , 06.07.2020