Homeschooling: Nicht nur die Noten leiden

weekend: Angenommen, die Schulen blieben bis Ende des Semester geschlossen. Welche Auswirkungen hätte das auf die SchülerInnen?
Florian Müller: Sicherlich wird eine geschlossene Schule und die Fortführung des Homeschooling bis September nicht spurlos an den Schülerinnen und Schülern vorbei gehen. Man muss hier aber differenzieren: Wir wissen aus der bildungswissenschaftlichen und psychologischen Forschung, dass die schulischen Leistungen und das seelische Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Wesentlichen von drei Faktoren abhängig sind: von der Qualität des Elternhauses, von Lehrpersonen und deren Unterricht sowie von den seelischen und geistigen Ressourcen der SchülerInnen. Folglich werden die Auswirkungen auf unsere Kinder und Jugendlichen auch sehr unterschiedlich ausfallen. Die veränderten Lebensbedingungen in der Coronakrise betreffen einige junge Menschen ganz existentiell und nachhaltig, andere können relativ gut mit den neuen Unsicherheiten und Einschränkungen umgehen.

weekend: Ein Faktor ist der hohe Zusammenhang von Elternhaus und Bildung.
Florian Müller: Dieser in Österreich ohnehin hohe Zusammenhang von Elternhaus und Bildungserfolg wird verstärkt, insbesondere dann, wenn die Schulen längere Zeit geschlossen bleiben. Je nach Elternhaus sind Familienmitglieder in der Lage, den Alltag für Kinder und Jugendliche zu strukturieren, ihnen Hilfestellung beim Lernen zu geben, über die Sorgen und Verunsicherungen in der Krise konstruktiv zu sprechen und für sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu sorgen. Andere Kinder werden wenig bis gar nicht in schulischen Belangen unterstützt, können durch die Lehrpersonen evtl. gar nicht kontaktiert werden und drohen schulisch (weiter) abgehängt zu werden. Die Unterschiede in der Unterstützung durch die Eltern liegen oft darin, dass diese ihren Kindern gar nicht oder ungenügend helfen können. Die meisten Eltern sind didaktische und pädagogische Laien, sie können es einfach nicht besser, was man ihnen auch kaum zum Vorwurf machen kann. Wir wissen zum Beispiel aus der Forschung, dass die elterliche Hausaufgabenhilfe bei 60 Prozent der Eltern nicht optimal, bei 13 Prozent konraproduktiv ist und 13 Prozent der Eltern völlig desinteressiert am schulischen Fortkommen ihrer Kinder sind. Das wird beim Homeschooling in der Coronakrise wahrscheinlich nicht anders sein.

weekend: Die Kompetenz des Lehrpersonals nennen Sie als zweiten Faktor.
Florian Müller: Es ist anzunehmen, dass die schulische Entwicklung in Zeiten von geschlossenen Schulen auch wesentlich von den Unterstützungen der Lehrpersonen und insbesondere von deren kommunikativer und technischer Kompetenz abhängt. Manche LehrerInnen bleiben in Kontakt mit ihren SchülerInnen und mit den Eltern, sind versiert im Online-Teaching oder bereiten sinnvolle Lernmaterialen vor. Andere kümmern sich kaum, sind selbst nicht nur technisch, sondern auch sozial überfordert. Es gibt auch erste Hinweise dafür, dass einige Lehrerpersonen ihre SchülerInnen mit Aufträgen überfrachten und somit in unsicheren Zeiten noch mehr Druck aufbauen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben wir es mit einer großen Bandbreite in der Qualität der Unterstützung durch die Lehrerinnen und Lehrer zu tun. Manche SchülerInnen treffen es demnach besser, andere haben eher das Nachsehen.

weekend: Das heißt, die Kluft zwischen "guten" und "schlechten" SchülerInnen wird größer?
Florian Müller: Diejenigen SchülerInnen, die bisher gute Leistungen gezeigt haben, werden weniger Probleme haben, sich selbstständig neuen Stoff zu Hause anzueignen. Damit entsteht der sogenannte Matthäus Effekt: die Besseren werden besser, die Schlechteren entwickeln sich weniger. Damit geht die Schere zwischen den Guten und den Schlechten weiter auf.

weekend:Können die Erfahrungen aus der Krise die Bildungsreform beschleunigen?
Florian Müller: Das ist schwer zu sagen - Glaskugellesen ist nicht Teil der Bildungswissenschaft. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich im Ausklang der Krise und danach eine Bewusstseinsänderung bei vielen Akteuren in und außerhalb des Bildungssystems einstellt. Diese könnte in die Richtung gehen, dass die Wichtigkeit der Schule als Lebensraum, als sozialer Ort in den Mittelpunkt rückt. Ein Ort, in dem LehrerInnen und andere Professionen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen dafür sorgen, dass sich möglichst alle gut entwickeln können. Auch die Bedeutung der Elternarbeit für die Schule könnte ein Teil dieser Bewusstseinsänderung sein. Wenn sich das Bewusstsein ändert, heißt das aber noch lange nicht, dass sich auch Reformen einstellen werden. Die Erfahrung zur Schulreform in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten lehrt uns, dass die Beharrungstendenzen stärker waren als der Reformwille. Im internationalen Vergleich ist der Reformstau im österreichischen Bildungssystem eklatant. Meines Erachtens gibt es keinen Anlass zu allzu großem Optimismus. Ein Nebeneffekt der Krise ist aber sicherlich, dass sich alle Beteiligten, Eltern, Kinder und LehrerInnen in ihren digitalen Kompetenzen und besonders im E-Learning weiterentwickeln werden.

weekend: Wichtiger als der schulische Fortschritt sind für Sie die psychischen Folgen.
Florian Müller: In Krisenzeiten wie diesen scheint mir der schulische Fortschritt in den einzelnen Fächern nicht das Allerwichtigste zu sein. Rückstände in einzelnen Fächern sind aufholbar. Soziale und psychische Folgen sind für viele – nicht nur für Kinder und Jugendliche – oft bedeutender und zum Teil auch existenziell. Oft steigt die Belastung in den Familien, bisweilen wird auch von steigernder Gewalt in den Familien durch die Medien berichtet. Im Extremfall kann dies zu Traumatisierungen führen. Zudem sind Schulen nicht nur Orte des Wissenserwerbs, sondern Orte des sozialen Miteinanders. SchülerInnen treffen ihre Freunde, tauschen sich aus. Diese Funktion ist über Nacht verschwunden. Das für die psychische Gesundheit so wichtige Gefühl der sozialen Zugehörigkeit zur Gruppe ist deutlich reduziert. WhatsApp oder Skype helfen, sind aber langfristig kein wirklicher Trost und ersetzen echte soziale Kontakte nicht.

weekend: Kann man die Krise auch aus einem positiveren Blickwinkel betrachten?
Florian Müller: Wichtig ist zu betonen, dass Krisen nicht nur negative Auswirkungen haben, sondern auch Chancen für Eltern und Kinder darstellen. Man redet wieder mehr miteinander, isst gemeinsam oder unternimmt zusammen Spaziergänge und konzentriert sich auf das Wesentliche. Das Gefühl, die Krise gemeinsam bewältigt zu haben, kann den Einzelnen stärken und die Familie zusammenschweißen.

weekend: Gerade jüngeren Kindern, die noch nicht in die Schule gehen, ist es schwierig, die unsichtbare Gefahr und die Notwendigkeit der Schutzmaßnahmen zu erlären. Haben Sie Tipps?
Florian Müller: In der Tat können jüngere Kinder die Bedeutung der Krise in ihrem Umfang und Ausmaß nicht verstehen. Trotzdem ist es wichtig, auch jüngeren Kindern zu erklären, was Corona ist, warum wir Distanz zu anderen wahren, manchmal einen Mundschutz tragen müssen oder Oma und Opa sowie die Kindergartenfreunde oder Nachbarn nicht besuchen können. Auch die Tatsache, dass man daran sterben kann, sollte nicht völlig tabuisiert werden. Vor allem wenn Kinder nachfragen oder verunsichert sind, sollte man ihnen zuhören und den Versuch unternehmen, die Dinge zu klären. Das Thema totzuschweigen scheint mir der schlechteste Rat zu sein. Wichtig ist es meines Erachtens jedoch Corona nicht zum Dauerthema zu machen – das sollten wir übrigens als Erwachsene auch nicht. Man sollte es auch respektieren, dass Kinder in Krisenzeiten mehr Nähe einfordern und anhänglicher sind. Sie nehmen die – für sie oft diffuse – unsichere Gesamtsituation unbewusst wahr und suchen deshalb auch vermehrt nach sozialer Sicherheit. Wie sich die Situation momentan darstellt, wird das Virus noch über Monate unseren Alltag bestimmen. So werden auch kleinere Kinder beispielsweise einen Mundschutz tragen müssen. Das kann man zu Hause „spielerisch“ einüben und dadurch wird etwa das Tragen einen Mundschutzes leichter ein Teil der „neuen Normalität“. Weitere und detailliertere Maßnahmen zum Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise finden Sie hier.

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Corona erklärt für Kinder:

Author: Mirela Nowak-Karijasevic , 15.04.2020