Männliche Vorsorgenmuffel: Geh' zum Arzt!

Männer kümmern sich liebevoll um ihr Auto. Da wird jedes Jahr ein Service durchgeführt, und "gefüttert" wird der Liebling mit wertvollem Longlife-Leichtlauföl. Den Termin in der "Auto-Chirurgie" macht der echte Mann natürlich selbst aus. Geht es um den eigenen Körper, wird der Arzttermin - wenn überhaupt - sehr oft von der Ehefrau oder Freundin ausgemacht. Gefüttert wird der Körper mit Alkohol, sowie Fett, und das Körper-Service wird großteils überhaupt verweigert. Nur etwa 350.000 männliche Wesen gehen jährlich zur Gesundheitsuntersuchung und holen sich das "Pickerl". Vor allem die unter 60-Jährigen sehen die Arztpraxen nur dann, wenn sie ohnehin schon krank sind. "Nach Geschlechtern aufgeschlüsselt, liegt der Anteil bei den Frauen, die einen Allgemeinmediziner aufsuchen, deutlich höher als bei Männern - nämlich 82 Prozent zu 76 Prozent!", so der ehemalige Gesundheitsminister Alois Stöger auf unsere Anfrage. Auch in Krankenhäusern liegen interessanterweise mehr Frauen. 55 Prozent der Patienten sind weiblich. Kennen Indianer wirklich keinen Schmerz, und pfeifen deshalb auf den Arzt?

Ich brauche keinen Arzt

Warum sind Männer derartige Gesundheitsmuffel? Böse Zungen (Studien) behaupten, dass Männer unter anderem aus Angst nicht zum Gesundheitscheck gehen. Nicht unbedingt die Furcht vor der Spritze, sondern vor dem Ergebnis hindert den Mann am Besuch beim lieben Onkel Doktor. Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin/Medizinischen Universität Wien, sieht viele Faktoren für diese Verweigerung: "Als Frau wird man schon früh durch den Besuch des Frauenarztes an die Vorsorge gewöhnt . Überhaupt kümmern sich Frauen in der Familie eher um Gesundheitsfragen. Nicht nur, dass sie die Kinder zum Arzt bringen, sie machen oft auch noch die Termine für die Männer aus!" Man könnte meinen, man müsste "echte Kerle" zum Arzt tragen. "Ich habe öfter erlebt, dass Frauen den Anruf ihre Mannes wegen einer Vorsorgeuntersuchung ankündigen. Die melden sich in der Regel nie!" Laut Rieder ist Vorsorge auch bildungsabhängig. Je höher diese, desto eher gehen Männer zum Arzt. Der Sexualmediziner Dr. Georg Pfau aus Linz, der Männersprechstunden durchführt und so gesehen Männerarzt ist, sieht drei Gründe, warum das starke Geschlecht aus Arztmuffeln besteht: "Männer haben ein Problem, sich Schwächen einzugestehen und interpretieren das Kranksein als Schwäche. Zum anderen denke ich, dass sie oft nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Der letzte Punkt klingt banal, ist aber nicht unwesentlich. Männer warten nicht gerne. Schon gar nicht im überfüllten Wartezimmer.

Groß und stark

Männliche Wesen sind teilweise Weltmeister im "Sich-etwas-Einreden" und "Gar-nicht-erst-Ansprechen". So wird das eigene Gewicht oft falsch interpretiert. "Zwei Drittel aller Männer erkennen nicht, dass sie übergewichtig sind. Vielleicht spielt da der Wunsch ´groß und stark zu sein´eine Rolle", erklärt Rieder augenzwinkernd weiter. Überhaupt fühlen sich Männer eher gesünder als Frauen - das ist übrigens weltweit gültig. Aber auch wenn sich der Mann eingesteht, dass er einige Kilos zu viel auf den Rippen hat, an wen soll er sich wenden? Die Vorstellung, im Diät-Institut mit gefühlten 200 Frauen abzunehmen, ist nicht jedermanns Sache. Diese Bereiche werden eindeutig von Frauen dominiert. Und dann wäre noch das Problem mit dem Reden. Männer sprechen einfach nicht gerne über ihre Krankheiten und tauschen sich schon gar nicht untereinander aus. Am Wirtshaustisch wird nur die kaputte Bremsscheibe diskutiert und nicht die ausgeleierte Kniescheibe.

Männerärzte

Sucht man in Österreich - abgesehen vom Urologen - Männerärzte, so wird man diese eher nicht finden. "In Deutschland gibt es dahingehend sogar einen Lehrstuhl. Auch in Frankreich oder in den USA arbeiten derartige Spezialisten. Es wäre wichtig, dass es in Österreich Männerärzte gibt, die den Mann ganzheitlich betrachten - also auch dem psychosozialen Aspekt Aufmerksamkeit schenken", erklärt Pfau.

Die gute Nachricht

Wir Männer lernen dazu! In den letzten zehn Jahren nimmt die Zahl jener, die zur Vorsorgeuntersuchung gehen, zu. Auch der Alkoholkonsum hat sich verringert. Zudem ist heute immer mehr auch die Ernährung ein Thema. Laut dem ehemaligen Gesundheitsminister Alois Stöger übersteigt die Teilnahmerate an der Gesundheitsvorsorge sogar jene der Frauen! Im Alter kommt anscheinend die Vernunft zum Vorschein, oder der Raubbau am Körper lässt Männer zum Arzt pilgern. Ab dem 60. Lebensjahr wendet sich ohnehin das Gesundheitsblatt. An diesem Zeitpunkt werden Männer anscheinend vernünftiger.

Bewegend

Männer sind in einem Bereich sogar besser als die Frauen unterwegs! "Richtige" Kerle machen eindeutig mehr Bewegung als die Damen. Einen kleinen Haken hat diese Geschichte allerdings, denn Männer landen im Zuge ihrer sportlichen Betätigung weitaus öfter in der Notaufnahme als Frauen. Generell gibt es zumindest einen leichten Überschuss an Männern in Notaufnahmen. Trotz allem lebt das sogenannte starke Geschlecht aber immer noch ungesünder als die Frau

Billige Männer

Folgende Schlussfolgerung wäre nun logisch: Männer verursachen durch die schlechte Eigen-Vorsorge letztendlich höhere Kosten im Gesundheitssystem. Nein! Die Gesundheitsausgaben sind laut Statistik Austria für Frauen höher als für Männer! Vor allem bei den über 85-Jährigen verdreifachen sich die "Frauen-Kosten"! Zu diesem Zeitpunkt sind wir Männer statistisch gesehen ja schon tot und bereiten dem Staat keine Kosten mehr.

Autor: Laura Engelmann, 03.05.2017