Geschichte in Salzburg: Die Militärstadt

Seit dem 1. Jänner 2017 befindet sich das Hirn der österreichischen Luftstreitkräfte in der Schwarzenbergkaserne in Wals-Siezenheim. 170 Mitarbeiter koordinieren und planen die Einsätze nicht nur der 15 Eurofighter, sondern auch der Hubschrauberstaffeln, der Transportmaschinen und der Übungsflieger – insgesamt sind es 120 Fluggeräte. Auch die militärische Luftraumüberwachung wird von der rund um die Uhr besetzten Einsatzzentrale aus koordiniert.

Verkleinerung gestoppt. Die Übersiedlung der Militärluftfahrt-Zentrale brachte wieder eine Aufwertung des Standorts Schwarzenbergkaserne. Dieser lief aufgrund des Sparkurses und der Umstrukturierungen im Bundesheer Gefahr, an Bedeutung zu verlieren. So war es schon beschlossene Sache, eine Teilfläche im Gemeindegebiet Wals-Siezenheim in Größe von 110.000 Quadratmetern zu verkaufen. Einige Wochen nach der Ausschreibung im vergangenen Frühjahr wurde der Verkauf von Minister Doskozil wieder gestoppt bzw. auf unbestimmte Zeit vertagt. Der Grund war die „geänderte sicherheitspolitische Lage“.

Kriegsgefahr. Die Schwarzenbergkaserne ist mit 240 Hektar Grundfläche und rund 400 Objekten noch immer die größte militärische Anlage Österreichs, auch wenn in der Vergangenheit schon ein Teil der ursprünglichen Fläche an die Gemeinde gefallen ist und als Gewerbegebiet genutzt wird. Ihre Entstehung verdankt die größte Kaserne der Republik einer speziellen „sicherheitspolitischen Lage“, nämlich der Gefahr eines Krieges zwischen den USA und der UdSSR zu Beginn der 1950er Jahre.

US-Besatzung. Fünf Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs waren die amerikanischen Besatzungstruppen in Salzburg in zig Liegenschaften über das ganze Stadtgebiet verteilt. Genutzt wurden die ehemaligen Wehrmachtskasernen, aber auch zivile Gebäude, wie etwa Hotels und Gasthöfe, wo die höheren Stäbe untergebracht wurden. Als sich abzeichnete, dass die Besatzung länger dauern würde, begannen die USFA (United States Forces in Austria) Ende 1950 mit der Planung einer großen Divisionskaserne in Salzburg. Diese sollte die Möglichkeit bieten, im Falle einer Krise oder gar eines Kriegsausbruchs schnell und zentral Mannschaften und Gerät aufzustocken.

Bauern enteignet. In Betracht gezogen wurden von den Amerikanern Anif und Wals-Siezenheim (der mögliche Standort Saalachspitz wurde wegen der Überschwemmungsgefahr gleich wieder verworfen). Die Bevölkerung an den beiden potentiellen Bauorten war nur mäßig begeistert. Es entstand eine lebhafte Diskussion in der Presse und es gab sogar Demonstrationen. Die US-Behörden, die sich schlussendlich aus strategischen und finanziellen Gründen für Wals-Siezenheim entschieden, enteigneten dort schließlich ein 3 mal 1 km großes Areal außerhalb der Ortschaft. Der Grund wurde von der Republik Österreich gekauft und an die Army verpachtet. Die lokalen Grundbesitzer wurden mit dem Dreifachen des damals üblichen Preises entschädigt, insgesamt 54.000 Dollar. (Diese Summe kam wiederum aus den ersten Pachtraten der USFA). Im Mai 1951 wurden die Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie beschrieben einen der damals modernsten und größten Kasernenbauten Europas, der binnen anderthalb Jahren auf die grüne Wiese gestellt werden sollte.

Großbaustelle. Was dann auch geschah. Der Straßenbau erfolgte zunächst durch eine US-Strafkompanie, der spätere Hochbau durch österreichische Firmen, die bis zu 4.000 Arbeiter gleichzeitig beschäftigten. Sie errichteten eine regelrechte Militärstadt mit Unterkünften für bis zu 8.000 Mann. Es entstanden ein Wasserwerk, ein Umspannwerk mit eigener Leitung vom Wiestalstausee, eine Müllverbrennungsanlage, zwei Kläranlagen, ein Großkino, Stätten für die militärische Ausbildung (Kampfbahn und Schießstände) und Sportplätze. Ein eigener Industrieteil mit Werkstätten bekam einen Bahnanschluss – praktischerweise konnte das Gleis zum Schloss Kleßheim (während der NS-Zeit gab es dort einen „Diplomatenbahnhof“ für Hitlers Staatsgäste) einfach verlängert werden. Plangemäß wurde die Kaserne am 19. Dezember 1951 feierlich eröffnet, sie erhielt den Namen eines 1944 in Italien gefallenen Kriegshelden der Regenbogendivision, Colonel Robert Roeder.

Schwarzenberg-Kaserne. Mit dem Staatsvertrag 1955 kam das Ende der amerikanischen Besatzung. Am 15. Oktober wurde Camp Roeder an die Republik und das damals im Aufbau begriffene österreichische Bundesheer übergeben. Zusammen mit der Kaserne wurden auch die später errichteten Wohnbauten für die Familien der US-Soldaten abgetreten (eine Wohnanlage in Lehen in der General-Keyes-Straße und jene neben der Kaserne), alles in allem machte der Wert der Armee-Liegenschaften 572 Millionen Schilling aus. Kein schlechtes Geschäft, das die Österreicher im Gegenzug für ein paar Äcker gemacht hatten. Seit 1967 ist die Kaserne nach Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg benannt, dem Oberbefehlshaber jener Koalition, die bei der Völkerschlacht von Leipzig die französischen Truppen unter Napoleon besiegte.

„Codewort Joker“. Interessanterweise spielte die auf die Bedürfnisse des Bundesheeres umgerüstete (und aufgeforstete) Kaserne weiterhin eine Rolle in den Planungen der US-Militärs, auch nachdem sie längst im Besitz des neutralen Österreichs war. Laut einem Bericht des „Spiegel“ aus dem Jahr 1985 lieferte ein damals gültiges Handbuch für die US-Streitkräfte in Europa eine Gebrauchsanweisung für atomare Tornisterbomben, die im Falle einer sowjetischen Invasion von US-Kommandoeinheiten platziert und ferngezündet werden sollten. Auch ein konkretes Fallbeispiel ist im Field Manual „FM 5-26“ angegeben. Angenommen es drohe eine Besetzung der Stadt Salzburg durch die Truppen des Warschauer Pakts („Salzburg Gap“), rät das Handbuch zur Zündung einer Atom-Mine der „Echo“-Klasse (Sprengkraft: 1 Kilotonne) an einer Kreuzung in der Siezenheimer Kaserne. Auch das Codewort für den Zündbefehl war schon fix: „Joker“.

Quelle für Daten & Fakten: Gerhard L. Fasching und Otto H. Rainer: Die Dislokation der US-Streitkräfte 1945 bis 1955 in Salzburg. In Hans Bayr et al.: Salzburg 1945-1955. Zerstörung und Wiederaufbau. Museum Carolino Augusteum.

Tags

Autor: Sarah Merl, 26.04.2017