Suchmaschine im Kopf: Wie bleiben wir geistig fit?

Warum in der aktuellen Situation neben der körperlichen Fitness auch ein regelmäßiges geistiges Trainingsprogramm wichtig ist, verrät die österreichische Gehirn- und Lernexpertin Katharina Turecek im Interview mit weekend.at.

Weekend.at: Frau Turecek, wie heißt es so schön: Man lernt im Leben nie aus. Wie wichtig ist es gerade in der aktuellen Zeit auch für Erwachsene, das Gehirn zu fordern und zu trainieren?

Turecek: Unser Gehirn funktioniert nach dem Prinzip „Use it or lose it“ – verwende es, oder verliere es. Wer also geistig fit bleiben möchte, sollte es immer wieder vor Herausforderungen stellen. Das können Rätsel und Gehirnjogging-Übungen sein, aber auch ein anspruchsvolles Hobby wie das Erlernen einer Sprache oder das Verfolgen eines Interessensgebietes.

Weekend.at: Was bedeutet die häusliche Isolation für unsere Leistungsfähigkeit?

Turecek: Die Gesundheit unseres Gehirns beruht auf drei Säulen: geistige Aktivität, körperliche Fitness und seelisches Wohlbefinden. Wenn wir nicht hinausgehen, sind alle drei Säulen gefährdet – das muss aber nicht so sein. Wir können aktiv gegensteuern und die Zeit nützen, um auch unser Gehirn fit zu halten.

Weekend.at: Wie gelingt das am besten?

Turecek: Die aktuelle Krise kann man einfach als Chance nützen, um den Horizont zu erweitern und sich Dingen zu widmen, für die sonst wenig Zeit bleibt. Es kommt gar nicht so sehr darauf an was wir lernen, sondern wie. Wir neigen dazu, die Dinge halbherzig anzugehen, mit halber Aufmerksamkeit. Selten konzentrieren wir uns auf eine Sache – beispielsweise ein Buch, eine Serie. Wichtig wäre, sich ganz bewusst auf ein Thema einzulassen. Wenn ich beispielsweise eine neue Sprache lernen will, sollte ich mir konkrete Tätigkeiten suchen, die dieses Vorhaben unterstützen. Spanische Musik hören beispielsweise, einen spanischen Blog lesen, Filme in dieser Sprache ansehen.

Weekend.at: Welche Workshops und Formen von Gehirntraining empfehlen Sie?

Turecek: Hier gibt es eine Parallele zum Sport: Fitness fängt ja damit an, die Treppe statt den Lift zu nehmen. Es ist wichtig, auch kognitiv die Treppe zu nehmen. Als Faustregel gilt: Stellen Sie Ihr Gehirn vor neue Herausforderungen. Übungen, die ich bereits kenne, löse ich zwar immer schneller und leichter, mein Gehirn muss sich aber auch immer weniger anstrengen. Egal welches Gehirntraining Sie machen oder welche Rätsel Sie gerne lösen: Wechseln Sie hie und da die Aufgabenstellung oder steigern Sie den Schwierigkeitsgrad.

Weekend.at: Sie selbst sind Gedächtnis-Meisterin. Verraten Sie uns Ihre Lieblings-Übung?

Turecek: Meine Lieblings-Übung ist das Rückwärts-Buchstabieren. Da nimmt man einen beliebigen Begriff, zum Beispiel das Wort „Ende“, und buchstabiert in rückwärts. Also E – D – N – E. Mit der Zeit dürfen die Begriffe immer länger werden. Wenn man bereits etwas Übung hat, können auch zusammengesetzte Wörter geübt werden – wie etwa „Wochenende“.

Weekend.at: Stichwort: Gedächtnistraining im Alltag. Wie lassen sich Übungen in unseren Tagesablauf integrieren?

Turecek:Es ist zielführend, das Gehirn direkt im Alltag zu trainieren und etwa eine Einkaufsliste im Kopf zu behalten anstatt eine sinnlose Wortliste zu memorieren. Das Motto könnte auch lauten: „Aktivität statt Passivität“. Wenn ich etwa ein Buch lese, versuche ich anschließend bewusst, mich an die Handlung oder an Namen zu erinnern. Das gilt auch für Nachrichten oder das Fernsehprogramm. Wir lassen uns im Alltag zu oft „berieseln“.

Weekend.at: Wie viel trägt Bewegung und Ernährung zur Hirnleistung bei?

Turecek: Wer körperlich nicht fit ist, ist auch geistig nicht zu Höchstleistungen in der Lage. Darum ist es wichtig, auch auf den eigenen Körper zu achten, wenn man geistig fit bleiben möchte. Gerade Bewegung spielt dabei eine große Rolle. Besonders empfehlenswert ist moderate Ausdauerbewegung, wie etwa ein Spaziergang.

Weekend.at: Die Schüler genießen gerade eine Lern-Pause, nach Ostern steht aber wieder Home-Schooling auf dem Programm. Wie begeistert man Kinder und Jugendliche zum Lernen daheim? Und wie gelingt es, die Motivation aufrecht zu erhalten?

Turecek: Eine wichtige Zutat ist Regelmäßigkeit. Je jünger ein Kind, desto wichtiger sind vertraute Rituale und Routinen. So ist es empfehlenswert, Schulaufgaben wie gewohnt vormittags zu erledigen. Dabei darf auch auf klare Freizeit-Stunden nicht vergessen werden! Natürlich ist die Kombination aus Home-Office und Home-Schooling eine Herausforderung, die nur mit guter Planung und Vorbereitung funktionieren kann. Günstig ist eine tägliche Planungs-Einheit, am besten abends. Dabei wird, bei größeren Kindern auch gemeinsam, abgehakt und gefeiert, was an diesem Tag bewältigt wurde sowie festgelegt, was am nächsten Tag am Programm steht. Schon am Vorabend kann besprochen werden welche Aufgaben alleine bewältigt werden können und wo Hilfe notwendig scheint.

Weekend.at: Vor allem die angehenden Maturanten kämpfen mit dieser Ausnahmesituation. Wie bereitet man sich optimal auf die Prüfungen vor? Wie sinnvoll ist Online-Nachhilfe?

Turecek: Am wichtigsten ist die regelmäßige und ehrliche Kommunikation mit den Lehrkräften. So gut wie alle Maturanten haben die Möglichkeit, online mit Schulkollegen und Lehrern in Kontakt zu treten. Eine Lerngruppe von Gleichgesinnten würde ich eher empfehlen als Online-Nachhilfe.

Weekend.at: Sie bieten derzeit auch einen Online-Kurs zur Vorbereitung auf den Aufnahmetest zum Medizinstudium in Österreich an. Was genau erwartet die Teilnehmer?

Turecek: Beim Untertest „Gedächtnis und Merkfähigkeit“ geht es darum, Allergieausweise zu memorieren. Als ehemalige Jugendgedächtnismeisterin stelle ich in meinem Online-Kurs „Mnemo-MedAT“ Mnemotechniken vor, um etwa Namen, Länder oder Zahlen im Kopf zu behalten. Die Merktechniken lassen sich dann später auch für andere Inhalte, also auch Lernstoff in Schule und Studium, einsetzen!

Weekend.at: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Turecek.

Zur Person: Katharina Turecek

Die Medizinerin und Kognitionswissenschaftlerin Dr. Katharina Turecek gilt als Expertin in Sachen Gehirntraining. Sie selbst hat einen IQ von 136 und war schon in ihrer Jugend Gedächtnismeisterin. Ihr Wissen und ihre Begeisterung für die Welt des Gehirns gibt sie in Vorträgen und Büchern weiter. Ihr aktuelles Buch „Alles im Kopf“ ist ein Lernratgeber für Erwachsene.

Kleines Übungs-Beispiel

Wortfindungsübung, passend zu Ostern: Finden Sie drei zusammenpassende Begriffe die aus ein, zwei und schließlich drei Silben bestehen. Zum Beispiel: Ei, Hase, Osterlamm. Diese Übung können Sie beliebig steigern.

Und hier geht’s zu den „Mnemo-MedAT“ Mnemotechniken.

Buch-Tipp

„Alles im Kopf“ von Katharina Turecek (Krenn Verlag)
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Autor: Sandra Eder, 27.10.2020