Gemerkt: So nutzen Sie Ihr SmartBrain

Weekend: Worum geht es in Ihrem aktuellen Buch?
Luise Maria Sommer: Mit „Dein Gedächtnis kann mehr!“ möchte ich den LeserInnen Mut machen, an ihr Gedächtnis zu glauben. Googeln ist ok, das mache ich auch. Wichtig ist nur, dass wir uns auch immer wieder sagen: Das merk‘ ich mir! Und wie das geht, dafür gibt es viele kreative Merktipps im Buch. Smartphone ist gut – und SmartBRAIN ist noch besser. Oder: Zuerst googeln, dann merken!

Weekend: Sie sind Gedächtnisweltmeisterin, zweifache österreichische Gedächtnismeisterin und schafften es mit ihrem Talent sogar ins Guinness Buch der Rekorde. Wurde Ihnen das „Super-Gedächtnis“ in die Wiege gelegt?
Luise Maria Sommer: Ich bin eher zufällig auf dieses Talent gestoßen. Ich hielt mich immer für die „vergessliche Luise“, außerdem gab es zwei Demenz-Fälle in meiner Familie. 1993 saß ich dann in einem Vortrag von Prof. Gunter Iberer (Universität Graz), der uns Merkmethoden aus der Antike vorstellte, mit denen sich Redner damals ihre stundenlangen Reden gemerkt haben. Ich probierte sie gleich aus - und hatte von da an Blut geleckt.

Weekend: Sie konnten auch Ihre SchülerInnen trainieren?
Luise Maria Sommer: 1999 gab es zum ersten Mal Gedächtnismeisterschaften für junge Menschen, die „Memoriade“ im Naturhistorischen Museum in Wien. Ich motivierte und trainierte ab da (bis 2004, als diese Meisterschaften aus Mangel an Sponsoren eingestellt wurden) SchülerInnen (HAK und Gymnasium Mürzzuschlag) zum Mitmachen - und wir räumten ab, wie die österreichischen Abfahrer zu ihren besten Zeiten. 2001 wurden zum ersten Mal Gedächtnismeisterschaften für Erwachsene ausgetragen. Da war es klar, dass ich hier auch teilnehmen würde. Und so fuhr ich als „Erste österreichische Gedächtnismeisterin“ nach Hause.

Weekend: Welche Merk-Methode ist ihr persönlicher Favorit?
Luise Maria Sommer: Definitiv das Namenmerken nach meiner Formel BMV. Ich mache mir ein BILD zum Namen (Sandra wie Sand, Helmut wie Helm), suche mir dann ein MERKMAL an dieser Sandra (z.B. ihre schönen, glänzenden Locken) und VERKNÜPFE dann beides (sehe bildlich vor mir, wie der Sand ihre Locken noch fülliger werden lässt). Aber auch das blitzschnelle Zahlenmerken liebe ich, um mir spontan Handynummern unterwegs zu merken („Hast du was zum Schreiben?“ „Nein, brauch ich nicht — ich merk‘ es mir!“). Beide Methoden verwende ich auch gerne, um mein Publikum live zu Beginn meines Impulsvortrags zu verblüffen. Merke mir zu Beginn alle ihre Namen – und wenn jemand am Ende ein signiertes Buch erwerben möchte und ich weiß den Vornamen nicht mehr, gibt’s das Buch geschenkt. Oder sie diktieren mir fünf 20-stellige Zahlen, die ich ihnen dann (auch noch am Ende meines Vortrags) wieder „schenken“ kann. Auch gerne durcheinander, oder von rückwärts.

Weekend: Welche Gedächtnis-Aufgaben haben Sie am meisten herausgefordert?
Luise Maria Sommer: Das war bei den World Memory Championships in Singapur im Dezember 2016. Ich hatte mir hier im Zahlenmarathon eine persönliche Latte gelegt. In diesem Bewerb geht es darum, sich in einer Stunde möglichst viele Ziffern in der richtigen Reihenfolge zu merken. Diese Ziffern werden in Reihen zu jeweils 40-stelligen Zahlen angegeben. Bei meiner letzten WM in Manchester 2004 hatte ich hier 778 geschafft. Diesmal wollte ich die 1000er Schwelle überschreiten. Und es wurden dann letztlich 1028 Ziffern in der richtigen Reihenfolge. Was mich besonders deswegen so freut, weil ich felsenfest davon überzeugt bin, dass unser gängiges Vorurteil Alter ist gleich schlechtes Gedächtnis nicht stimmt. Hier liegt sehr viel Potential in unserer Hand. Das möchte ich den Menschen noch viel mehr bewusst machen. Und einfach vorleben.

Weekend: Schreiben Sie sich auch mal was auf?
Luise Maria Sommer: Selbstverständlich! Auch eine Gedächtnisweltmeisterin muss wissen, wie und wo sie ihr Gedächtnis am besten entlasten kann. Und To-Dos auf Post-it-Zettelchen lassen sich so herrlich bewusst entsorgen, wenn das To-do erledigt worden ist. Und ich bin ein Fan von rückblickendem Festhalten von Erinnerungen. Besorge mir jedes Jahr einen wunderschönen Jahreskalender dafür. Ich liebe den Blick auf den Stapel dieser Kalender auf meinem Bücherregal, mit den so festgehaltenen, mittlerweile schon zahlreichen Jahren meines Lebens.

Weekend: Vergessen Sie zwischendurch etwas?
Luise Maria Sommer: Das kommt natürlich trotz aller fantastisch wirksamen Merkmethoden zwischendurch immer wieder vor. Wenn es nämlich im entscheidenden Moment an der nötigen AufMERKsamkeit fehlt. Beispielsweise wenn ich mich auf nach Wien mache und das Buch, der Schlüssel oder andere Dinge, die ich meinem Sohn oder meiner Tochter mitbringen wollte, doch nicht den Weg in meine Tasche finden. Aber ich arbeite an mir; und es wird besser. Und - wenn es dann doch passieren sollte, sage ich nie (mehr): „Tut mir leid, ich habe es vergessen.“ Sondern: „Sorry - habe beim Wegfahren nicht dran gedacht.“ Unterschätzen wir nicht, welche Botschaften wir uns selbst mitgeben. Ich finde, das Wort „vergessen“ können wir getrost vergessen.

Weekend: Als Schwäche nennen Sie Ihr räumliches Gedächtnis?
Luise Maria Sommer: Das ist wahrlich eine große Schwäche von mir. Aber ich weiß, wo ich den Hebel ansetzen muss; weiß, dass ich beispielsweise in einer fremden Stadt mit überdurchschnittlicher, bewusster Aufmerksamkeit unterwegs sein muss, um mich nicht rettungslos zu verirren. Kommt trotzdem immer wieder vor und unter dem Hashtag #Mamaschonwiederverirrt gab es schon/gibt es immer wieder lustige Kommentare in unserer „Mum&Kids“-WhatsApp-Gruppe.

Weekend:Trainieren Sie täglich bewusst oder passiert das im Vorbeigehen?
Luise Maria Sommer:Ich brauche weder für meine körperliche noch geistige Fitness ein Fitnessstudio. Ich integriere beides so einfach und unkompliziert wie möglich in meinen Alltag. Hier bin ich so viel wie möglich flott zu Fuß unterwegs, nehme grundsätzlich immer die Treppe statt dem Lift und flitze mit meinem (wohlgemerkt: fußbetriebenen) Roller durch die Gegend. Das hält mich nicht nur gesund und fit, sondern lässt auch - erwiesenermaßen - in meinem Hippocampus neue Neuronen sprießen. Was meine mentale Fitness betrifft, so sehe ich auch hier den Alltag als meine Trainingswiese. Ich habe viele wichtige Telefonnummern nach wie vor im Kopf, genauso wie meine Kreditkartennummern mit ihren unterschiedlichen Pins, meine Passnummer oder IBAN. Wenn ich etwas Interessantes google, sage ich mir anschließend: Das merk‘ ich mir! Und mein erklärtes Lieblingsmotto lautet: „A name a day keeps Alzheimer‘s away!“ Damit mache ich nach wie vor die beglückendsten Erlebnisse. Denn wenn ich mir Menschen mit ihren Namen merke, signalisiere ich ihnen ja: Ich halte dich für des Merkens wert, also: bemerkenswert.

Weekend: Konnten Sie Ihr Talent an Ihre Kinder weitergeben?
Luise Maria Sommer: Sie kennen sicherlich den Spruch über den Propheten im eigenen Lande. Unsere zwei Söhne brachten ihre Schulzeit nach dem Motto „Maximaler Output bei möglichst minimalem Input“ hinter sich. Die wollten sich keine Zeit für Gedächtnistipps nehmen. Aber bei meiner Tochter fiel das Ganze auf fruchtbaren Boden. Sie machte zwischendurch sogar bei Gedächtnismeisterschaften mit (und hält bis heute den Junioren-Weltrekord in der Disziplin „Bilderblitze“). Nach ihrem abgeschlossenem VWL-Studium war sie zwei Jahre lang Fellow bei „Teach For Austria“ und hat diese Tipps dann auch ihren Schützlingen dort weitergegeben.

Weekend: Welche Eselbrücke könnte man sich für Ihren Namen zu Hilfe ziehen?
​Luise Maria Sommer: Dass der sonnige Sommer die Lieblingsjahreszeit der LLLebensfrohen, LLLernbegeisterten LLLuise ist ist, lässt sich ganz leicht mit mir verbinden. Und meinen VortragsteilnehmerInnen gebe ich zum Schluss immer die Eselsbrücke meiner Initialen LMS mit. Die stehen für (lebenslanges) LERNEN MACHT SPASS!

Author: Mirela Nowak-Karijasevic , 27.12.2019