8 Essenstrends und ihre Auswirkungen

Ein kleiner Junge fragt seine Freundin: "Betet ihr daheim auch vor dem Essen?" Darauf das Mädchen: "Nein, meine Mama kann kochen!" Aber Spaß beiseite. Kennen Sie jemanden, der ein Tischgebet spricht? Ich auch nicht. Und doch ist Religion am Esstisch so präsent wie nie zuvor. Während man sich früher allerdings vor der Mahlzeit für Speis und Trank bedankt hat, werden heute Lebensmittel regelrecht verteufelt. Vegetarier verdammen Fleisch, Veganer alle tierischen Produkte, Low Carb-Anhänger Kohlenhydrate. Steinzeitesser (Paläo-Diät) sehen in Milch, Getreide, Zucker und industriell verarbeiteten Lebensmitteln das Böse.

Tendenz steigend

Dass dieser Kult ums Verzichten immer mehr Anhänger findet, bestätigen auch die Zahlen: In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Anzahl der Vegetarier hierzulande verdreifacht. Rund 80.000 Österreicher leben vegan, vier von fünf davon sind weiblich. Unter den 14- bis 39-Jährigen ernährt sich schon jeder Vierte fleischlos. Immer mehr Menschen pilgern mit dem Einkaufswagerl auch zu den Regalen mit Lebensmitteln, die gluten-, laktose-, oder sonst-irgendwas-frei sind. Brot und Wein zum (letzten) Abendmahl? Viel zu ungesund. Heute gibt’s Gurkensticks und Bio-Kräutertee. Ganze 84 Prozent der Österreicher sind nämlich davon überzeugt, dass die Ernährung die Gesundheit stark beeinflusst.

Intolerant

Der Hype ums Essen lässt die Emotionen hochkochen. Der "Fleischesser" versteht nicht, warum der Veganer Fleischersatzprodukte wie eine vegane Extrawurst kauft. Der Veganer dreht beim Grillfest durch, weil die Grillzange mit der seine Zucchini umgedreht wurde, vorher ein Kotelett berührt hat. Die gesellschaftliche Polarisierung erschreckt auch den renommierten deutschen Gesundheits- und Ernährungspsychologen Christoph Klotter: "Viele Veganer fühlen sich moralisch überlegen über den dummen fleischessenden Proll. Die Kultur der Verständigung ist wichtig. Wir müssen entpolarisieren, sonst zerfällt die Gesellschaft noch weiter." Als Gefahr sieht Klotter in dem Zusammenhang auch das Internet, das zum Kriegsschauplatz im Glaubenskampf ums Essen werde.

Ernährungs-"Bibeln"

Vor einigen Jahren gab es sie noch gar nicht – die Food-Blogger. Heute scharen sie Anhänger um sich und verkünden ihre Botschaften übers World Wide Web. Ihre Jünger suchen Gleichgesinnte, verteidigen ihre Ernährungsweise als die einzig richtige und wollen andere von dieser – ihrer – Wahrheit überzeugen. Alleine unter dem Hashtag #food gibt es mehr als 367,5 Millionen Posts auf Instagram. Selbsternannte Ernährungsexperten verfassen Heilige Schriften, die Getreide als Gift bezeichnen, und feiern ihre Auferstehung als Neo-Bestsellerautoren. Und obwohl die Ernährungs-"Bibeln" oft nicht widersprüchlicher sein könnten - alle prophezeien sie das Gleiche: einen gesunden, schönen Körper und mehr Wohlbefinden. Zumindest so lange man sich strikt an die zehn, zwölf oder zwanzig Gebote hält. Wird gesündigt, muss man Buße tun, sprich: noch mehr sporteln oder eine noch strengere Diät halten.

Sinnsuche

Doch warum gibt es so viele Studien, Foodblogs, Artikel und Bücher zum Thema Ernährung? Warum ist Essen auf einmal der allmächtige Lebensmittelpunkt? Und was hat das mit Religion zu tun? Klotter holt dazu etwas aus: "Vor 400 Jahren war es in Europa unmöglich, nicht an Gott zu glauben. Heute ist das nahezu umgekehrt. Der christliche Glaube verblasst immer mehr, aber nicht die spirituellen Bedürfnisse." Auf der Suche nach Erfüllung, nach Erlösung muss also eine Art Ersatzreligion her. "In den 80ern war das die Befreiung der Sexualität, heute ist es das Essen", so Klotter. Nach dem Motto „Ich bin das, worüber ich mich ernähre“ sei Essen zum Identitätsstifter geworden.

Überforderung

Die Ernährungswissenschafterin und Psychotherapeutin Karin Lobner meint: "Es ist zurzeit sehr chic, sich nicht Mainstream zu ernähren. Ein bisschen anders zu sein beim Essen, Dinge wegzulassen – aus kulturellen, religiösen oder ideologischen Gründen." Lobner sieht darin auch eine Strategie gegen den Überfluss. Die Fülle an Lebensmitteln und Büchern überfordere viele Menschen, ist die Therapeutin sicher: "Die vermeintliche Suche nach dem perfekten Lebensmittel, das gesund, schön und erfolgreich macht, führt zu Reduktion: Wenn ich vegan esse, scheiden ja ganz viele Lebensmittel aus."

(Un)Gesund

Laut Gesundheitsministerium haben sich Essstörungen in den letzten zwanzig Jahren mehr als verzehnfacht. 200.000 Österreicher sind zumindest einmal im Leben an einer Essstörung erkrankt. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Das Leben in unserer Überflussgesellschaft fördert demnach nicht nur Adipositas, sondern auch Orthorexia nervosa – übertriebenes Gesundheitsbewusstsein. Karin Lobner differenziert: "Natürlich sollte ich mich damit auseinandersetzen, wie viel ich esse und was gesund ist. Dramatisch wird’s, wenn ich mich ständig damit beschäftige, wo ich das noch gesündere Lebensmittel herbekomme. Oder ich nicht mehr bei Freunden, Familie bzw. im Restaurant essen kann, weil ein Lebensmittel auf dem Teller landen könnte, das auf meiner Verbotsliste steht. Dann folgt auch der soziale Rückzug."

Zukunft

Ist die Ernährung als Ersatzreligion nur ein Modephänomen? "Dieser Trend hält schon relativ lange an. Vielleicht muss es noch mehr auf die Spitze getrieben werden, bis es wieder abebbt", sagt Lobner und ergänzt: "Es gibt eine kleine Gegenströmung: Intuitives Essen." Dabei wird wieder mehr auf den Bauch gehört, als auf den Kopf. Man verlässt sich vollständig auf das körpereigene Hunger- und Sättigungsgefühl und lässt geregeltes und emotionales Essen außen vor. Christoph Klotter ist überzeugt: "Die qualitätsbewussten Esser, die versuchen, sich nach ethischen Gesichtspunkten zu ernähren, werden zunehmen. Aber auch die Polarisierung wird, fürchte ich, zunehmen – vor allem über das Internet. Die Versuche, in der Ernährung spirituelle Erlösung zu finden, werden aber scheitern."

Zahlen & Fakten

  1. 22 Prozent der 14 bis 29-Jährigen und 21 Prozent der 30 bis 39-jährigen Österreicher ernähren sich fleischlos.*
  2. Mit 50 Prozent ist das Internet für Veggies die wichtigste Informationsquelle bei der Produktsuche*
  3. 2,3 Millionen Österreicher sind sogenannte Flexitarier (Personen, die selten und nur ausgewähltes Fleisch essen.*
  4. 10 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind Vegetarier (845.000) – mehr als dreimal so viele Menschen wie im Jahr 2005. Davon leben 80.000 Menschen vegan.*
  5. 84 Prozent der Österreicher sind davon überzeugt, dass die Ernährung die Gesundheit stark beeinflusst.**
  6. 81 Prozent der in Österreich lebenden Veganer sind Frauen. Die meisten Frauen, die sich für eine vegane Ernährung entscheiden, sind jung, gebildet und kommen aus urbanen Gegenden.***
  7. Top 10: Österreich gehört zu den Top 10 Ländern mit dem höchsten Bevölkerungsanteil von Vegetariern.***
  8. 102 Millionen Ergebnisse spuckt das Wort "Ernährung" bei der Google-Suche aus.

*) Marktmeinungmeinsch 2020, Marketagent, Triconsult
**) Umfrage von Marketagent.com im Auftrag des Unternehmens VeggieMeat
***) Marktmeinungmensch 2018

Short Talk

Andreas Schmölzer, Ernährungswissenschafter und 1. Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ)

Weekend: Wie findet man sich in der Fülle an Lebensmitteln und Büchern zum Thema "Ernährung" zurecht?

Andreas Schmölzer: Man bräuchte eigentlich nur ausgewogen zu essen und davon nicht zu viel. Das ist aber zurzeit nicht modern, Menschen hören lieber auf den Kopf als auf den Bauch.

Weekend: Wo bleibt der Genuss?

Andreas Schmölzer: Durch die Kopflastigkeit verliert man den Genuss. Ein Beispiel: Seit 30 Jahren wird vergeblich versucht nachzuweisen, dass Kaffee schlecht ist. Warum darf Kaffee nicht gut sein? Weil Kaffee ein Genussmittel ist. Das passt nicht ins Ordnungssystem, das man sich emotional aufgebaut hat. Es wird viel über Ernährung gesprochen, aber wenig über Kulinarik.

Weekend: Ist der Hype ums Essen ein Mode­phänomen oder bleibt er?

Andreas Schmölzer: Das ist mehr als eine Mode. Gruppen werden heute nicht mehr um denselben Kleidungsstil oder Musikgeschmack gebildet, sondern um dieselbe Ernährungsweise. Die Schwerpunkte werden sich verlagern, es wird nicht immer Veganismus sein. Aber das Thema "woher kommt mein Essen und was ist drinnen" ist ein Trend, der nicht so schnell vorbeigeht. Eine Reflexion darüber ist auch nicht negativ. Man hat sich lange zu wenig damit beschäftigt.

Autor: Ute Daniela Rossbacher, 06.07.2020