Klopapier oder Kondom: Krise füllt weltweit den Einkaufskorb neu

Weekend.at: Franzosen haben Alkohol und Kondome gehamstert, Amerikaner Waffen, Spanier vermehrt Schokoloade. Und wir in Österreicher Klopapier: Wie erklären Sie sich die kulturellen Unterschiede?

Wolfang Wilhelm: Okay, dann bin ich also Spanier (lacht). Aber im Ernst: Ich glaube, dass diese Meldungen zwar witzig, aber doch nur eine Momentaufnahme ganz zu Beginn der Einschränkungen waren und dass die Menschen, auch in der Ausnahmesituation, ihre nationalen oder kulturellen Eigenheiten genauso mehr oder weniger stark pflegen wie sonst auch. Wer das normale Leben schon als gefährliche Bedrohung erlebt, glaubt vielleicht jetzt erst recht, sich schützen zu müssen. Und wer das Leben eher schön findet und geniesst, erlaubt sich das in der jetzigen Situation vielleicht auch noch etwas stärker. In der Krisensituation greift man gerne auf bewährte Strategien zurück, ob sie im Detail sinnvoll sind oder nicht.

Weekend.at: Wir alle wissen, dass die Lebensmittelgeschäfte offen sind und weiter beliefert werden. Warum hamstern wir in in Stresssituationen wider besseren Wissens?

Wolfgang Wilhelm: Etwas auszuhalten und abzuwarten fällt uns Menschen schrecklich schwer, denn wir fühlen uns gleich zur Untätigkeit „verdammt“. Dazu kommt, dass viele Menschen allgemeine Zivilschutz-Empfehlungen, stets einen gewissen Vorrat zu Hause zu haben, nicht befolgen und daher nun glauben, etwas versäumt zu haben. Wir machen dann gerne etwas ganz Konkretes: Wir kaufen angreifbare Dinge ein. So haben wir das subjektive Gefühl, doch etwas tun zu können und gewinnen Handlungsmacht und Orientierung wenigstens punktuell zurück – das sind menschliche Grundbedürfnisse, die Angst reduzieren.

Und dann greifen noch zwei psychologische Grundprinzipien, die sich die Werbung schon seit Jahrzehnten zunutze macht: Wenn wir sehen, dass viele andere Menschen etwas kaufen, wollen wir es auch haben. Erst recht, wenn der Eindruck entsteht, es gibt vielleicht nur wenig davon. Und sicher spielen auch die Mangel- und Hungererfahrungen unserer Eltern und Großeltern im Krieg eine Rolle, die wir als Gesellschaft internalisiert haben.

Weekend.at: Wir übertreiben also nicht?

Wolfgang Wilhelm: Aus therapeutischer Sicht ist es aber völlig okay, wenn Menschen 20 Rollen Toilettenpapier oder gleich fünf Kilogramm Nudeln kaufen – beides hält sich und wenn man sich damit besser fühlt, kann man das ja ruhig machen. Aber bitte mit Augenmaß. Ein gut gefüllter Gefrierschrank schadet keinem, aber wenn man soviel Essen kauft, dass es verdirbt oder wenn man vor lauter Klopapierrollen das Badezimmer nicht mehr betreten kann, dann hat man es definitiv übertrieben.

Weekend.at: Was macht die Corona-Krise mit uns ganz allgemein?

Wolfgang Wilhelm: Viele Menschen fühlen sich aktuell bedroht, sie haben Angst vor Infektion, Krankheit und Leid, aber auch vor Jobverlust und vor der Zukunft allgemein. Wir sind als Gesellschaft in einer Krise. Krise bedeutet aber nicht Weltuntergang, sondern ist eine Situation, die wir nicht mit unseren bisherigen Strategien bewältigen können, für die wir neue entwickeln müssen. Das aber überfordert uns oft anfänglich und braucht eine gewisse Zeit.

Corona ist ein Virus, das wir noch nicht lange kennen und über das wir noch nicht all zu viel wissen. Da braucht die Wissenschaft einfach noch Zeit. Wir alle müssen diese Unsicherheit aushalten.

Weekend.at: Wird sich das diesbezügliche Verhalten der Menschen also früher oder wieder einpendeln? Wie gehen wir mit dieser andauernden Belastung bestmöglich um?

Wolfgang Wilhelm: Davon bin ich überzeugt. Wir Menschen können den Zustand der Ausnahme, der angstvollen Erregung nicht unbegrenzt halten – unsere Erfahrung lehrt uns nämlich recht schnell, dass die Welt nicht untergeht und dass die Ausnehme zur neuen Realität wird, die eine neue Art von angstfreiem Alltag zulässt. Es ist wichtig, diese Belastungen zu sehen und die eigenen Grenzen und die anderer zu respektieren.

Weekend.at: Also Toleranz zeigen und Tempo rausnehmen?

Wolfgang Wilhelm: Wer Kinder betreut und Homeoffice macht, kann nicht beides gleichzeitig zu 100 Prozent leisten. Das geht nicht! Falsch wäre also auch der Anspruch auf Perfektion oder gar jetzt in der Ausnahmesituation zu schaffen, was einem vorher schon monate- oder jahrelang nicht gelungen ist. Jetzt ist nicht die Zeit, um beispielsweise den Fernsehkonsum der Kinder nachhaltig zu reduzieren, endlich abzunehmen oder die langersehnte Karriereplanung umzusetzen. Das würde zu noch mehr Druck, Überforderung und letztlich zu Frust führen. Jetzt ist die Zeit, um durchzuhalten, miteinander irgendwie auszukommen, das Nötigste zu tun und den Betrieb in Haushalt, Familie und Berufsleben so gut es halt geht aufrecht zu erhalten. Wenn das halbwegs gelingt, dann ist das schon eine tolle Leistung!

Zur Person: Wolfgang Wilhelm ist Supervisor, Coach, Psychotherapeut und Mediator in Wien-Josefstadt.

Autor: Rudolf Grüner, 08.04.2020