"Die Zentralmatura ist in dieser Form nicht durchführbar!" - Maturant Idan Hanin im Gespräch

Weekend.at: Wie ist es dir ergangen, als du erfahren hast, dass die Schulen schließen und ihr aus den Vorbereitungen für die Matura gerissen werdet?

Idan Hanin: Wir haben die Situation natürlich anfangs auch unterschätzt und nicht an Schulschließungen geglaubt. Nach der Pressekonferenz waren wir sehr überrascht. Anfangs haben wir uns zwar gefreut, aber es sind immer mehr Fragen aufgetaucht - die brennendste davon war natürlich, wie wir die Matura absolvieren werden. Und als das klar war, dass das nicht nach zwei Wochen vorbei sein wird, fühlten wir Schüler uns immer mehr allein gelassen.

Weekend.at: Wie meinst du das? Es wurden doch Voraussetzungen geschaffen, dass ihr zuhause weiter lernen könnt und auch sollt!

Idan: Bei uns an der Schule ist das sogenannte „Homeschooling“ recht gut umgesetzt, aber das ist nicht überall so. Hinzu kommt, dass es mir am Anfang nicht leicht gefallen ist, den neuen Alltag zu verwirklichen. Denn man ist von einer sozialen Situation und Face-to-Face-Unterricht auf einmal auf sich allein gestellt. Wir bekommen zwar Hausübungen und können die Lehrer per Mail kontaktieren, aber das ist kein Ersatz für persönliche Interaktion mit Lehrern und den Mitschülern. Das fehlt mir wahnsinnig.

Weekend.at: Was sagst du zu den unterschiedlichen und vielfältigen Lernplattformen in Österreich?

Idan: Das ist ein großes Problem, jede Instanz kocht hier ihr eigenes Süppchen. Es müsste in so einer Situation dringend eine einheitliche Regelung vom Bund geschaffen werden. Es braucht einheitliche Plattformen und klare Regeln, wie Homeschooling aussehen muss. Außerdem werden wir Schüler - und in meinem Fall Maturanten - ganz wenig einbezogen, obwohl wir die Hauptbetroffenen sind.

Weekend.at: Das heißt, du fühlst dich von Politik und Schülervertretung im Stich gelassen?

Idan: Ja! Für mich ist eine Zentralmatura in dieser Form Mitte Mai nicht durchführbar. Wir wurden mitten aus den Vorbereitungen gerissen und dann kamen die unterschiedlichen Meinungen. Die Schülervertretung, konkret die Schülerunion, ist eine Vorfeldorganisation der ÖVP und redet natürlich nicht gegen das Ministerium. Die gängige Meinung derzeit ist, dass die Matura durchgeführt werden muss, komme was wolle. Aber wie soll das gehen? Bei uns wären das rund 90 Personen in zwei Räumen, mit Masken, auf engem Raum? Das ist gegen alle virologischen Empfehlungen. Dazu kommen noch die Ängste und Sorgen der Schüler, die derzeit wegen Corona sowieso da sind.

Weekend.at: Ein Vorschlag wäre es, ohne Prüfungen die Maturanoten aus den "normalen" Noten zu generieren. Viele sehen darin eine „geschenkte Reifeprüfung“. In Frankreich, Niederlande und einigen anderen EU-Ländern wurden die Prüfungen bereits abgesagt. Hättest du keine Angst, dass dann deine Matura zukünftig weniger wert wäre?

Idan: Ganz ehrlich, wer hat mit so einer Situation schon gerechnet Anfang März? Niemand, oder? Insofern muss es hier auch für uns Schüler und Maturanten eine Lösung geben. Es gibt Lösungen für die Wirtschaft, die Gesundheit, warum dann nicht für uns? Aber die Umstände lassen auch keine Matura wie in die letzten Jahren zu. Wir haben beispielsweise im ersten Semester den Stoff der 8. Stufe durchgenommen und uns dann auf die Zentralmatura vorbereitet. Bis Corona. Und daheim dieselbe Vorbereitung durchzumachen wie in der Klasse mit dem Lehrer ist meiner Meinung nach unmöglich. Und es wäre kein Geschenk! Wir haben acht Jahre lang den relevanten Stoff gelernt wie alle anderen Maturanten auch.

Weekend.at: Was wäre deine Lösung?

Idan: Ich kann mir vorstellen, dass wir Teile der Matura machen. Einen Teil – die Vorwissenschaftliche Arbeit – haben wir ja schon abgegeben, da fällt nur die Präsentation aus. Und wenn man die Matura unbedingt abhalten will, sehe ich vor Mitte Juni keine Möglichkeit dafür. Wir müssen einfach dieselbe Chance zur Vorbereitung erhalten wie alle anderen Jahrgänge vor uns. Und das geht sich jetzt mit zwei Wochen (Anm.: Anfang Mai bis Mitte Mai) nicht aus. Denn ein Aspekt kommt zu dem ganzen noch dazu: Es hat nicht jeder Schüler zuhause dieselben Voraussetzungen. Weder technisch noch sozial. Corona wirft auch psychische Probleme auf, es geht nicht jedem gut. Nicht jeder Schüler hat daheim ein geeignetes Umfeld um sich optimal vorzubereiten und dann fällt die Schule als Lernort noch dazu komplett weg. Es ist mit dem jetzigen Zeitplan nicht machbar!

Weekend.at: Aber bei einer neuerlichen Verschiebung kämen ja dann die Unis in Zeitnöte, oder?

Idan: Aber auch da erfordern die derzeitigen Zeiten eine Anpassung. Natürlich müssen Aufnahmeprüfungen abgehalten werden, aber auch da sehe ich Probleme, wenn da hunderte Personen in einem Raum, eventuell mit Maske eine so wichtige Prüfung absolvieren. Also da ist nicht nur die Matura ein Problem, sondern auch alles, was danach kommt, muss neu gedacht werden.

Weekend.at: Was ist eigentlich dein Plan für die Zeit danach?

Idan: Zuerst werde ich den Zivildienst absolvieren und danach möchte ich in Wien studieren. Wahrscheinlich etwas in Richtung Journalismus, da bin ich bereits jetzt nebenbei aktiv zum Beispiel auf YouTube.

Idans Youtube Kanal finden Sie hier.

Autor: Lukas Steinberger-Weiß , 30.06.2020